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Individuum oder Gemeinschaft?


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Glaube ich allein oder brauche ich andere für meinen Glauben?

Jeder von uns geht seinen persönlichen Weg. Das will die Freiheit so, dass ich einmalig werde. Ich muss mich für meinen Lebensweg entscheiden und meine Entscheidung für einen Beruf, eine Partnerschaft, eine Familie, ein spirituelles oder soziales Engagement dann auch umsetzen. Weiter muss ich mich mit den Schwierigkeiten und mit dem, was andere mir Böses antun, auseinandersetzen. Ich bin zwar auch mit verantwortlich für andere, vor allem wenn ich eine Familie gründe oder einen Posten als Vorgesetzter annehme. Meine Verantwortung beginnt aber bereits in dem Moment, in dem ich das Haus verlasse und auf ein Fahrrad oder in ein Auto steige. Da geht es bereits um Leben und Tod. Gilt diese Mitverantwortung auch in Fragen der Religion? Muss ich andere einbeziehen, wenn ich religiös werden will, wenn ich bete, wenn ich den Glauben an Gott kennen lernen will? Muss ich letztendlich einen offiziellen Vertreter der Kirche oder des Islam fragen, wenn ich den christlichen oder muslimischen Glauben annehmen will?

Religion ist Sache der Freiheit und damit individuell

Der Glaube als „sich trauen“ korrespondiert direkt mit unserer Freiheit. Denn würde ich letztlich durch Naturgesetz, eine Macht oder wie ein Tier durch Instinkte gelenkt, gäbe es keinen „Sich trauen“. Ich würde das tun, was in meine Gene, meine Hirnströme, in meine Hormone gelegt wäre oder einem geistigen Gesetz folgen, das meiner Vernunft zugrunde liegt. Nur wer frei ist, traut seinen Entscheidungen. Weiter kann er seiner Erkenntnis trauen, denn er kann herausfinden, ob etwas wahr ist oder ob er sich das nur einbildet. Nur wer frei ist, kann sich über die Welt insgesamt Gedanken machen, um nach dem Wohin seines Lebens zu fragen. Auch kann nur der, der das Böse erkannt hat, wirklich gut sein. Würde er das Böse nur als etwas erkennen, das ihm Barrieren in den Weg stellt oder ihm sogar nach dem Leben trachtet, wäre es noch nicht das Böse, sondern erst einmal nur etwas, das lästig ist, ohne das das Leben einfacher wäre, das einem den Weg zum intendierten Ziel verbaut. Das Böse, das aus Neid, Eifersucht geboren wird, das, wie es in der Erzählung von Kain und Abel deutlich gemacht wird, Widerwillen gegen den anderen nur deshalb hat, weil der andere da ist, dieses Böse erkennt nur die Freiheit. Es ist dann auch nur die Freiheit, die sich auf Gott beziehen kann, auf den Gott, der das Gute will, der Gerechtigkeit zwischen den Menschen fordert, der als Schöpfer der Welt den Menschen einlädt, sein Werk zu betrachten und zu feiern. Nur die Freiheit erkennt, dass der Mensch des Erbarmens dringend bedarf, weil er sich allein nicht aus den Verstrickungen von Hass, Rache, Eifersucht, Missgunst befreien kann. Wer sich auf die menschliche Freiheit einlässt, kommt notwendig zur Erkenntnis, dass Glaube Sache des einzelnen ist. Religion, die an der Freiheit des einzelnen vorbei geht, kann nicht wirkliche Religion sein. Denn dann wäre Religion eine allgemeine Vorstellung, die der einzelne übernimmt, so wie man ohne großes persönliches Nachdenken davon ausgeht, dass die Erde rund ist, dass Kohlenstoff die Bedingung für das biologische Leben bereitstellt. Meine Freiheit ist nicht gefragt, wenn es darum geht, dass die Erde rund ist und ob mein Körper aus Kohlenwasserstoffen besteht. Um das anzunehmen, brauche ich mir meiner Freiheit nicht bewusst zu sein. Meine Freiheit ist aber sehr wohl im Spiel, wenn ich mich frage, ob ich einem anderen Menschen wirklich vertrauen kann. Da es keinen empirischen Beweis gibt, der das Vertrauen in den anderen beweisen könnte, kann ich dem anderen nur trauen. Dafür brauche ich meine Freiheit. Würde ich den anderen einem Test unterziehen, ob ich ihm, ihr wirklich vertrauen kann, würde ich das Vertrauensverhältnis gerade dadurch zerstören, dass ich es teste. Ich würde mit einem Test ja nicht mehr vertrauen. Warum sollte der andere mir dann vertrauen. Die Beziehung zu Gott gehört noch mehr als die zu einem anderen Menschen in den Bereich der Freiheit. Denn meine Freiheit gibt es nur wirklich, wenn Gott selbst frei ist. Denn er ist die einzige Instanz, die meine Freiheit wirklich garantieren kann. Wollte ich das durch ein Experiment herausbekommen, würde ich gerade nicht auf die Freiheit in Gott stoßen, sondern nur auf Wirkungen in der Natur. Würde ich von Gott einen Beweis für seine Freiheit verlangen, dann müsste er ein Wunder tun. Aber wäre es Gott, wenn ich ihn zwingen könnte, für mich ein Wunder zu tun? Diese Überlegung schließt nicht aus, dass Gott Wunder tut. Es sollte nur gezeigt werden, dass der Mensch Gott in seiner Freiheit nicht daran messen kann, ob er ein Wunder tut. Weil meine Freiheit von Gott ermöglicht wird, ist der religiöse Glaube Sache der freien Person. Aber nicht nur.

Der Glaube sucht andere Glaubende

Auf den Weg des Glaubens kommen wir meist durch Erfahrungen. Wir suchen etwas Größeres im Leben. Mit der Frage: Soll das wirklich alles sein? Soll mein Leben wirklich nicht mehr beinhalten? beginnt meist der religiöse Weg. Diese Fragen klopfen meist leise an. Wir spüren bei einer Fete Langweile in uns aufkommen. Wir haben beruflich einiges erreicht und fragen, ob es das mit dem Leben war. Auf Gott werden wir auch gestoßen, wenn uns massiv Unrecht geschieht. Gibt es eine Instanz, die uns rechtfertigt? Woher kommt das Universum? War vor dem Urknall etwas? Was kann der Mensch mit seiner Vernunft ergründen? Manche Menschen werden durch eine besondere Erfahrung aus ihrem Alttag herausgerissen und spüren, dass es für ihr Leben eine tiefere Begründung gibt, die mehr erklären muss, als was Menschen erklären können.

Wer auf diese tiefere Ebene gelenkt wird, der kennt sich dort noch nicht aus. Es ist wie mit einer Liebesbeziehung. Man muss Romane gelesen, Filme gesehen, mit anderen darüber geredet haben, um sich in der Liebe auszukennen. Da religiöse Erfahrungen erst einmal fremd sind, weil sie überraschen, suchen Menschen das Gespräch über ihre Erfahrungen. Auch im Religiösen selbst gibt es eine Tendenz, sich auf andere Menschen hin zu bewegen. Obwohl religiöse Erfahrungen etwas sehr Individuelles sind, machen sie nicht einsam. Einsam machen eher Erfahrungen des Bösen. Eine therapeutische Unterstützung für das Reden-Können braucht es im Religiösen selten. Das Sprechen mit anderen ist auch notwendig. Denn um die religiösen Erfahrungen verstehen zu können und das Religiöse in den Alltag zu integrieren, brauch eich andere Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben.

Religiöse Erfahrungen brauchen eine Religion

Wer über religiöse Erfahrungen sprechen will, braucht Worte und Sätze, die ihm das Sprechen ermöglichen. Die findet er in den religiösen Traditionen. Seine persönlichen Erfahrungen werden Teil des großen Stromes einer Religion, der sich aus vielen Zuflüssen speisen muss, soll er nicht vertrocknen. Das ist in der Natur der Sprache begründet. Denn niemand hat die Sprache für sich allein. Ohne andere lernt das Menschenkind nicht sprechen und bleibt entwicklungsmäßig hinter den Tieren zurück oder stirbt sogar. Da die großen Religionen für religiöse Erfahrungen aufnahmefähig sind und Menschen sich mit ihren Erfahrungen wieder finden können, gibt es bei allen Hochreligionen eine Mystik, die religiöse Erfahrungen entsprechend dem Kontext der Religion deuten, so im Buddhismus ohne Bezug auf Gott, im Islam mit Bezug auf Allah, im Christentum mit Bezug auf Jesus und seine Beziehung als Sohn zu Gott.

Zusammenfassung

Das Religiöse ist, da es nur auf dem Boden der Freiheit entstehen kann, zuerst und fundamental Sache des einzelnen. Die Beschäftigung mit der Freiheit ist daher unentbehrlich für den religiösen Weg, s. Gott und meine Freiheit. Aber mit dem Religiösen bleibt der einzelne nicht allein. Religiöse Erfahrungen brauchen Verstehen. Dieses Verstehen braucht den Austausch mit anderen, die ebenfalls religiös berührt sind. Erfahrungen werden verstehbar, wenn sie in das Gesamte einer Religion eingeordnet werden. Das geschieht vor allem durch die Überlieferung von Erzählungen über die religiösen Erfahrungen und den Lebensweg religiöser Protagonisten. Religiöse Erfahrungen einzelner sind für das Ganze unentbehrlich, denn ohne die religiösen Erfahrungen der einzelnen trocknet die größere religiöse Gemeinschaft aus.

Weiterführung: Religiöse Sprache wach halten

Die Religionen sind notwendig, um dem einzelnen zu ermöglichen, seine individuellen Erfahrungen als etwas Wichtiges wahrzunehmen und zu deuten. Nach christlicher Auffassung kommen diese religiösen Erfahrungen nicht von der Kirche, sondern vom Geist Gottes. Auch wenn viele Kirchenleute das nicht deutlich sehen, die Kirche selbst „produziert“ nicht Religion, sondern gibt den religiösen Erfahrungen und dem, was diese Erfahrungen auslösen, einen Rahmen. Dieser Rahmen besteht einmal in den Gottesdiensten, die sich über den Jahreskreis thematisch entfalten. Weiter unterstützt die Kirche das Gebet des einzelnen. Da der christlicher Glaube auf Nächstenleibe hin angelegt ist und Menschen mit religiösen Erfahrungen sich zum Engagement für andere ermutigt fühlen, sind in der Kirche vielfältige Formen für das soziale Engagement entwickelt worden, angefangen von der Nachbarschaftshilfe bis zum Dritte-Welt-Agenturen.

Die Gemeinschaft eröffnet dem einzelnen noch eine weitere Vertiefung, denn das Religiöse ist nicht nur Sprache. Es ist auf Begegnung mit dem Göttlichen angelegt. Neben dem Gebet sind es die Riten, die den einzelnen noch einmal tiefer im Religiösen verankern.