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Der älteste Bericht über die Stiftung des Abendmahles durch Jesus findet sich im 1. Korintherbrief:

„Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn.“
11. Kap. 23-27

Zur Taufe finden sich am Ende des Matthäusevangeliums folgende Zeilen:

„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Kap.28, 16-20

Das Sakrament der Sündenvergebung geht auf ein Ostereignis zurück:

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“
Johannes, 20,19-23

Glaube und Ritus


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Braucht der Glaube an Gott Riten?

Wenn ich in einem Fußballstadion sitze und in die Rufe und Gesänge einer Fangruppe einstimme, dann gehöre ich dazu. Ich tauche in die Emotionen der Anhänger einer Mannschaft ein und damit bin ich selbst Anhänger und Teil der Fangruppe geworden. Eine Erfahrung, die viele Menschen jeden Samstag neu suchen. Aber was passiert da? Werde ich nicht in etwas reingezogen, was mich nicht mehr loslässt? Es ist, wie wenn ich in einen reißenden Fluss steige. Der Strom trägt mich hinweg. Damit gebe ich doch meine Freiheit auf. Ist es bei den religiösen Riten nicht auch so? Ich gebe mein Ich an der Kirchentür ab und ergebe mich dem, was passiert. Hat aber Glaube nicht unmittelbar mit meiner Freiheit zu tun? Kann ich überhaupt die Teilnahme an einem Ritus vor meiner Freiheit rechtfertigen?

Der Glaube kommt zuerst

Im religiösen Ritus geht es um die Beziehung zu Gott. Auf Gott bezieht sich der Mensch jedoch zuerst im Glauben. Weil er glaubt, erwartet er von Gott Befreiung, Angenommen­werden, einen Ausweg aus der Schuld, eine Existenz jenseits des Todes. Und genau auf diese Situation des Glaubenden antwortet der Ritus. Der Ritus, auch Liturgie genannt, ist nicht einfach Menschenwerk. Bereits die Riten, die in den verschiedenen Büchern des Alten Testaments beschrieben sind, werden als von Gott eingesetzt eingeführt. Moses hat nicht nur in Bezug auf das sittliche Leben die 10 Gebote von Gott erhalten, sondern ihm wurden auf dem Berg Sinai die Kultgesetze eröffnet. Auch die Sakramente, auf denen das liturgische Leben der christlichen Kirchen aufruht, sind nicht „Menschenwerk“, sondern von Christus eingesetzt. Der zentrale Ritus der Christenheit, das Abendmahl, geht auf eine bewusste Stiftung durch Jesus zurück. Er hat das Passahmahl, das am Vorabend des jüdischen Osterfestes begangen wurde, umgewidmet und damit den Ritus verändert. Ist der Verzehr eines Lammes Zentrum des jüdischen Mahles, sind es das Brot und der Wein, die Jesus aus dem Passahmahl herausgreift und ins Zentrum des Gedächtnismahles stellt. Er erklärt, dass er selbst nicht mehr an diesem Mahl teilnehmen wird und vertraut es den Jüngern im Bewusstsein seines bevorstehenden Todes an.

Hier kommt der ursprüngliche Sinn des Opfers zum Tragen. Ein Opfer ist zuerst einmal ein Mahl, zu dem Gott die Menschen einlädt. Gott erhält das Fett und einige Eingeweide des Opfertieres. Sie werden ihm durch Verbrennen übereignet. Der Mensch erhält Anteil am Fleisch des Opfertieres.

Im Ritus geht Gott auf den Menschen zu und lädt ihn zur Gemeinschaft mit ihm und mit den anderen Menschen ein. Riten sind daher immer in die Gemeinschaft der Glaubenden eingebunden, denn der Gemeinschaft sind die Riten einmal anvertraut worden. S. Texte in der rechten Spalte

Struktur des Ritus

Der Ritus ist so aufgebaut, dass alle Beteiligten vor Gott hintreten. Bei der Messe geschieht das durch die Kyrie-Rufe, die sich an Christus richten. Damit werden alle vor Gott gleich, ob reich oder arm, hochgestellt oder Bettler. Denn alle sind auf das Erbarmen Gottes in gleicher Weise angewiesen. Dann hat das Gedächtnis seinen Platz, das durch Verlesung biblischer Texte gewährleistet wird. Die Bibel, Altes wie Neues Testament, gehören als notwendiger Bestandteil in den Gottesdienst wie auch zur Taufe, zur Firmung und zu den anderen Sakramenten. Die Texte werden in der Predigt ausgelegt. Damit bereitet sich die Gemeinde auf das gemeinsame Mahl vor. Diese Vorbereitung ist notwendig, damit das Mahl nicht mit einem normalen Essen verwechselt wird, sondern die Gläubigen sich auf die rituelle Begegnung mit Christus einstellen. Im Empfang des eucharistischen Brotes und des gewandelten Weines findet der einzelne eine tiefere Gemeinschaft mit Gott. Damit hat die Gemeinschaft der Gläubigen sich neu auf Gott eingelassen und jeder einzelne ist in der Lage, für Gott Zeugnis abzulegen. Dazu wird jeder in der Entlassung aufgefordert. Zum Aufbau der Messe.

Wandlung als Ziel des Ritus

Der Ritus beinhaltet immer eine Verwandlung. Wie bei den Riten im Fußballstadion wächst der einzelne tiefer in die Gemeinschaft hinein. Es ist zuerst das Herausgehen aus der alltäglichen Welt hin zu einer tieferen Gemeinschaft. In jedem christlichen Ritus geht es um die Erlösung, die aber nicht nur darin besteht, dass dem einzelnen die Verfehlungen nicht mehr angerechnet werden. Sondern Erlösung heißt auch immer, Gott näher zu kommen, die Gemeinschaft des Geschöpfes mit seinem Schöpfer tiefer zu leben. Deshalb holt ein religiöser Ritus den Feiernden aus der Gottesferne in die Nähe Gottes und führt ihn zugleich tiefer in die Gemeinschaft der Glaubenden. Die tiefere Gemeinschaft unter den Menschen ist nicht von Menschen gemacht, sondern von Gott geschenkt. Das wird an dem Aufnahmeritus der Taufe besonders deutlich. Der einzelne wird mit dem Erbarmen Gottes beschenkt und zugleich Mitglied des Volk des Gottes, dem die Erlösung und eine ewige Existenz bei Gott versprochen ist. Das ist tief in der jüdischen wie der christlichen Glaubenerkenntnis verankert. Schon die Juden haben erkannt, dass Gott nicht den einzelnen für sich, sondern alle erlösen will. Die Juden verstehen sich als Volk Gottes. Wer Christ wird, wird in das neue Volk Gottes eingegliedert. Dieses Volk besteht nicht mehr allein aus den Nachkommen Abrahams, sondern umfasst alle Völker und Rassen. Das musste die erste christliche Generation lernen, dass nicht nur Juden als Mitglieder für Gemeinschaft der Christen auserwählt sind, sondern dass Gott alle in das Erlösungsgeschehen hineinruft.

Der einzelne und die Gemeinschaft im Ritus

In der Feier des Ritus ist der einzelne immer auf die Gemeinschaft angewiesen. Sie bewahrt und feiert die Riten und macht sie erst dadurch dem einzelnen zugänglich. Es ist wie bei der Sprache. Man muss sie vorfinden, um selbst Sprechender zu werden. Wenn man einmal eine Sprache sprechen kann, kann man auch neue Sprachen entwickeln, z.B. Programmiersprachen für den Computer. Aber ohne Sprachgemeinschaft wird der einzelne nicht Sprach-mächtig. Da die religiösen Riten ein Angebot Gottes sind, kann der Mensch nicht einfach Riten konstruieren, sondern muss sie von denen entgegennehmen, die sie von Gott empfangen haben. Aber Ritus heißt nicht, dass der einzelne nicht aktiv in den Ritus eintritt. Dann wäre er nur Zuschauer und er würde nicht verwandelt, er bliebe wie derjenige, dem es gleich ist, welche Mannschaft gewinnt.

Glaube tendiert zum Ritus

Im Ritus spielen Glaube und Liturgie zusammen. Der Glaube weckt erst die Fähigkeit, am Ritus teilzunehmen, tendiert aber auch auf die Verbindlichkeit des Ritus. Denn im Ritus spielt nicht nur mein Bewusstsein eine Rolle, sondern im Handeln erst wird mein Glaube ausdrücklich. Das geschieht durch das Singen von Liedern, durch Gebete und das Sprechen des Glaubensbekenntnisses. Noch mehr geschieht im Ritus: Gott antwortet auf meinen Glauben und macht mich zugleich zum Mitglied der Gemeinschaft der Glaubenden. Das muss die Kirche respektieren: Wer getauft ist, hat Anspruch auf die anderen Sakramente. Zwar bedarf es eines gewissen Verständnisses, weshalb Kinder erst ab dem Alter von 7 Jahren zur Kommunion eingeladen werden. Für Eheschließung und eine Weihe ist auch ein bestimmtes Alter Voraussetzung. Aber bereits ältere Kinder können als Messdiener Altardienste verrichten, sie sind vollgültige Mitglieder der kirchlichen Gemeinschaft und müssen nicht erst 18 Jahre alt werden, um aktiv mit gestalten zu können.

Glaube und Kirche

Im Gespräch mit den lutherischen Christen scheint es so, dass das Katholische eher das Rituelle ist, bei den Evangelischen eher der Glaube im Zentrum steht. Dazu eine Aussage eines lutherischen Bischofs:

„Der Protestant muss auf der der Nadelspitze des Glaubens leben. Er kann sich dabei nicht abstützen an Ritualen oder Dogmen. Er ist darauf angewiesen, Tag für Tag in der Freiheit vor Gott zu stehen. Das ist anstrengend. … Dieses …stabilisiert den Glaubenden ungemein gegenüber der Umwelt, andererseits kostet diese ständige Infragestellung durch Gott viel Kraft. Luther war auf seine lebendige Gottesbeziehung sein ganzes Leben angewiesen, er sicherte sich dagegen nicht ab, z.B. konkret durch korrekte Lehre, Hierarchien oder Liturgie.“ Hans Christian Knuth, Bischof der Nordelbische Evangelisch-Lutherischen Kirche. FAZ 14.2.07  S. 34

Diese Betonung des Glaubens ist möglich, jedoch ist der Glaube für evangelische Christen, daher der Name „Evangelisch“, am Evangelium ausgerichtet. Dieses Evangelium kommt aber nicht aus dem Glauben des einzelnen, sondern der einzelne erhält es von der Gemeinschaft der Glaubenden. Denn anders als im Islam steht nicht ein Text am Beginn, sondern die Person Jesu. Die Texte, die das Neue Testament bilden, wurden endgültig erst im 3. Jahrhundert aus den vielen Texten zusammengestellt, die im Umlauf waren. In der Apostelgeschichte und in den Briefen des Neuen Testaments wird häufig von Gottesdiensten berichtet, die regelmäßig gefeiert wurden. Weiter sind die Sakramente ausdrücklich erwähnt, an vielen Stellen die Taufe, die Herabrufung des Heiligen Geistes auf zum Glauben Gekommene, das Gedächtnismahl, die Sündenvergebung und die Handauflegung für die Einsetzung in ein Amt. Aus den verschiedenen Teilen des Neuen Testaments wird deutlich, dass bereits die erste christliche Generation eine ausgeformte rituelle Praxis hatte. Das gilt auch für die evangelischen Kirchen, auch wenn dort die Liturgie nicht einen solchen Stellenwert hat wie in der orthodoxen und der katholischen Kirche.

Unterschied zwischen einen religiösen und einem sportlichen Ritus

Wenn der religiöse Ritus zum religiösen Glauben gehört, ist dann auch im Fußball ein Glaube im Spiel? Der Glaube ist Voraussetzung, damit die Fans in die Gesänge einstimmen können. Sie glauben nämlich an den Sieg ihrer Mannschaft. Wenn ein Sieg aussichtslos erscheint, weil die gegnerische Mannschaft als überlegen gilt, dann „glauben“ die Fans zumindest an den Kampfesmut ihrer Mannschaft, dass sie dem Gegner so weit als möglich standhält. Der Ritus ist das Fußballspiel selbst. Der Fußball hat deshalb eine solche Anziehungskraft, weil das Spiel nicht einfach geplant werden kann. Anders als in der Leichtathletik spielen im Fußball Glücksmomente eine Rolle, s. Fußballreligion:

Dass der Fußball große Emotionen auslösen kann, hängt mit dem Unvorhersehbaren zusammen, das es im Tennis und auch im Handball so nicht gibt. Die symbolische Kraft liegt darin, dass der Fußball anders als der Wettkampf der Leichtathleten und der Tennisspieler nicht in einem eingegrenzten Feld stattfindet. Beim Wettlauf endet der Kampf an der Ziellinie, beim Tennis muss der Ball im Feld gehalten werden. Anders beim Fußball. Hier muss der Ball über die Grenze des Feldes gebracht werden. Auch wenn es das Tor zu sein scheint, das im Mittelpunkt des Interesses steht, im Letzten geht es darum, den Ball aus dem Feld über die Grenze zu schießen. Wenn der Übergang über die Grenze, die unseren Alltag symbolisiert, gelingt, ergreift die Menschen ein Glücksgefühl. Die Torschützen knien oft nieder und öffnen wie Betende die Arme zum Himmel. Nicht nur beim Fußball, sondern auch bei anderen Sportarten können Anklänge an religiöse Riten beobachtet werden: Für das Vergießen einer Sektflasche nach einem gewonnen Autorennen ist charakteristisch, dass der Sekt nicht getrunken, sondern ausgeschüttet wird. Das  erinnert an die Trankopfer, die Göttern und Göttinnen dargebracht wurden. Der Sieger dankt für den Beistand der Siegesgöttin.

Zusammenfassung

Der Mensch tendiert zu Riten, im Sport, aber noch intensiver im Religiösen. Dabei ist der Ritus nicht einfach als etwas vom Menschen Gemachtes zu verstehen, sondern er ist der Gemeinschaft der Glaubenden von Gott geschenkt. Im Ritus kommt Gott auf den Menschen zu. Der Glaube tendiert selbst zum Verbindlichen des Ritus, damit die Beziehung zu Gott nicht nur im Bewusstsein des Menschen bleibt, sondern eine Gestalt gewinnt. Die Gemeinschaft der Glaubenden ist in ihrem Bestehen auf den Vollzug von Riten angewiesen. Würden die Kirchen auf Riten verzichten, würde der Sport ganz den Platz des Religiösen einnehmen.

Weiteführende Überlegungen

Wenn der Glaube auf den Ritus hin tendiert, dann gehören der Glaube und die Taufe als der grundlegende Ritus eng zusammen. Zur Praxis des Glaubens gehört die Teilnahme an Gottesdiensten. Es ist für den persönlichen Glauben nicht gleichgültig, ob jemand an den rituellen Versammlungen seiner Glaubensgemeinschaft teilnimmt.