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Über die Vollendung des Menschen schreibt Benedikt XVI in seiner Enzyklika über die Hoffnung:

„Das Begegnen mit ihm (Christus) ist der entscheidende Akt des Gerichts. Vor seinem Anblick schmilzt alle Unwahrheit. Die Begegnung mit ihm ist es, die uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst. Unsere Lebensbauten können sich dabei als leeres Stroh, als bloße Großtuerei erweisen und zusammenfallen. Aber in dem Schmerz dieser Begegnung, in der uns das Unreine und Kranke unseres Daseins offenbar wird, ist Rettung. Sein Blick, die Berührung seines Herzens heilt uns in einer gewiss schmerzlichen Verwandlung ,,wie durch Feuer hindurch’’.

Aber es ist ein seliger Schmerz, in dem die heilige Macht seiner Liebe uns brennend durchdringt, so dass wir endlich ganz wir selber und dadurch ganz Gottes werden. So wird auch das Ineinander von Gerechtigkeit und Gnade sichtbar: Unser Leben ist nicht gleichgültig, aber unser Schmutz befleckt uns nicht auf ewig, wenn wir wenigstens auf Christus, auf die Wahrheit und auf die Liebe hin ausgestreckt geblieben sind. Er ist im Leiden Christi letztlich schon verbrannt. Im Augenblick des Gerichts erfahren und empfangen wir dieses Übergewicht seiner Liebe über alles Böse in der Welt und in uns. Der Schmerz der Liebe wird unsere Rettung und unsere Freude. Es ist klar, dass wir die ,,Dauer’’ dieses Umbrennens nicht mit Zeitmaßen unserer Weltzeit messen können. Der verwandelnde ,,Augenblick’’ dieser Begegnung entzieht sich irdischen Zeitmaßen – ist Zeit des Herzens, Zeit des ,,Übergangs’’ in die Gemeinschaft mit Gott im Leibe Christi.

Das Gericht Gottes ist Hoffnung, sowohl weil es Gerechtigkeit wiewohl weil es Gnade ist. Wäre es bloß Gnade, die alles Irdische vergleichgültigt, würde uns Gott die Frage nach der Gerechtigkeit schuldig bleiben – die für uns entscheidende Frage an die Geschichte und an Gott selbst. Wäre es bloße Gerechtigkeit, würde es für uns alle am Ende nur Furcht sein können. Die Menschwerdung Gottes in Christus hat beides – Gericht und Gnade – so ineinandergefügt, dass Gerechtigkeit hergestellt wird: Wir alle wirken unser Heil ,,mit Furcht und Zittern’’ (Phil 2, 12). Dennoch lässt die Gnade uns alle hoffen und zuversichtlich auf den Richter zugehen, den wir als unseren ,,Advokaten’’, parakletos, kennen (vgl. 1 Joh 2, 1).“

Benedikt XVI, Josef Ratzinger, Spes Salvi Nr. 47, 2007

Wiedergeburt


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Was passiert, wenn ich sterbe? Löst sich mein Leben dann einfach in seine Bestandteile auf? Oder bleiben mein Lebenskern, meine Seele erhalten? Was passiert mit meinen Erinnerungen und mit allem, was ich gelebt habe?

In der europäisch-indischen Tradition gibt es zwei Wege, über den Tod hinaus zu denken. Entweder gibt es einen Übergang in eine neue Existenz oder das Leben kommt in einem anderen Lebewesen wieder. Die Rückkehr in diese Welt heißt, dass das Leben bleibt, auch wenn die Lebewesen sterben. Die andere Möglichkeit ist die, dass der Mensch in ein anderes Leben hinübergeht und nicht mehr auf diese Erde zurück kommt. Beide Wege hat der Hinduismus in eine Synthese gebracht: Die Rückkehr in dieses Leben erfolgt so lange, bis der Mensch befreit ist und damit reif für ein neues Leben geworden ist. Diese Rückkehr wird als Last gesehen, aus der der Mensch Befreiung sucht. Wird er in der Kaste der Brahmanen wiedergeboren, hat er die Chance, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreit zu werden, um im Jenseits endgültig Ruhe zu finden. Die Vorstellung der "Ewigen Ruhe" findet sich auch im christlichen Gebet für die Toten: "Und gib ihnen die Ewige Ruhe", wird Gott gebeten.

Die Attraktivität der Wiedergeburt

Die Vorstellung, noch einmal auf die Erde zurück zu kommen, ist für nicht wenige Menschen wieder attraktiv geworden. Bereits Lessing (1729 - 1781 ) entwickelte die Idee, dass der Mensch nicht mit einer Lebensspanne zu der vollkommenen Persönlichkeit heranreifen könne, für die er eigentlich bestimmt ist und daher die Wiedergeburt in der Natur des Menschen angelegt sein müsse. Rudolf Steiner, Begründer der Waldorf-Pädagogik, geht auch von der Wiedergeburt aus. Anders als im Hinduismus wird die Wiedergeburt im Westen jedoch nicht als Last, sondern als neue Chance gesehen: Noch einmal leben zu können, ohne wieder in die Fehler der früheren Existenz zu verfallen; mit den Menschen leben zu können, die man sich als Partnerin, als Partner, als Freunde gewünscht hätte, die aber einen anderen Weg gegangen sind. Es gibt sogar erfolgreiche Kinofilme, die den Gedanken durchspielen, in einer anderen Zeit zu leben. Im Mittelalter gab es die märchenhafte Vorstellung eines „Jungbrunnens“, in den die Alten hinabsteigen, um mit junger Haut wieder herauszutreten. Wasser verbinden wir nicht zufällig mit dem Gedanken des Neuwerdens, sicher auch deshalb, weil die christliche Taufe das Wasser als zentrales Symbol hat. All diesen Vorstellungen liegt die verlockende Verheißung zu Grunde, das Leben noch einmal erneut durchspielen zu können. Denn je älter ich werde, desto mehr unvollständig Gebliebenes, Misslungenes, Falsches gibt es, das ich in einem neuen Leben aufarbeiten und anders „hinkriegen“ könnte.

Diesem Wunsch steht die Erfahrung vieler Menschen entgegen, die auf den Tod zugehen und keinen Verlangen spüren, in dieses Leben zurückzukehren. Ein realistischer Blick auf die Chancen, es in einem nächsten Leben so viel besser zu machen, zeigt, dass eine Wiedergeburt eigentlich kein so überwältigendes Versprechen ist. Wie an der Wiege einem Neugeborenen Enttäuschungen, Misserfolge, Feindschaft und Mobbing in Aussicht gestellt werden müssen, wäre auch ich in einer neuen Existenz nicht vor Einbrüchen gefeit. Selbst wenn es mir gelänge, vieles besser zu machen, es gäbe mit Sicherheit wieder Menschen, die mir einen Strich durch die Rechnung machen werden. Aber ist die Hoffnung auf eine Wiedergeburt eine bloße Illusion, von der ich mich verabschieden sollte?

Sehnsucht nach einer anderen Existenz

In manchen Augenblicken des Glücks, wenn wir uns mit allem in Einklang fühlen; in Stunden, in denen ich spüre, dass ich gewollt bin; wenn mir eine tiefe Einsicht zuteil wird, berühre ich eine andere Welt. Ich fühle mich in dem so erfahrenen Glück nicht fremd, in der Erfahrung des Geliebtwerdens nicht entfremdet, mich mit der tiefen Einsicht nicht aus der Welt herauskatapultiert – sondern ich bin dann da, wo ich eigentlich hin gehöre. Ich weiß dann auch, dass die alltägliche Welt mit ihren Reibereien, den kleinen und großen Unzufriedenheiten, dem Gerangel und Gefühl, übergangen worden zu sein, den Kürzeren gezogen zu haben, nicht die letzte Wirklichkeit ist. Es gibt eine Wirklichkeit, in der das alles keine Rolle mehr spielt. Die Sehnsucht nach dieser Welt macht etwas wie eine Neugeburt offensichtlich notwendig, denn ohne eine grundlegende Veränderung bleibe ich dieser Welt des Alltäglichen verhaftet und die andere Wirklichkeit, die ich so deutlich erfahren habe, verblasst langsam wieder zu einem Bild einer fernen Welt, von der ich ausgeschlossen scheine. Jedoch bleibt das Wissen um diese andere Wirklichkeit, das die Sehnsucht wach hält. Diese Sehnsucht ist eine der Wurzeln, aus denen sich das religiöse Leben speist. Wir sollten diese Sehnsucht nicht in einer Ecke unserer Seele abstellen, sondern sie im Gespür behalten, nicht, um uns von den alltäglichen Pflichten zu verabschieden, sondern um diese Pflichten mit einem Lächeln zu krönen, weil auch sie uns auf dem Weg in die andere Wirklichkeit begleiten.  Der Wert auch der kleinsten Geste des Wohlwollens, der geduldigen Pflichterfüllung, der Sorgfalt, dass andere sich auf mich verlassen können, verfällt in der anderen Wirklichkeit nicht. Wie gelange ich aber in diese andere Wirklichkeit?

Die wirkliche Wiedergeburt

Es mag in der Diskussion um die Wiedergeburt erstaunen, dass die christliche Bibel ausdrücklich von der Wiedergeburt spricht. Johannes berichtet von einem nächtlichen Gespräch eines Mitgliedes des Hohen Rates mit Jesus. Dieser Mann, Nikodemus, wollte auf seine Fragen eine Antwort, Er setzte nämlich seine Mitgliedschaft im Rat aufs Spiel, wenn herauskommen würde, dass er sich ernsthaft mit dem Prediger aus Galiläa beschäftigt und das Gespräch auf religiöser Ebene mit ihm gesucht hatte. In diesem Ratsherrn können wir uns selbst als die wieder entdecken, die in die andere Wirklichkeit eintreten wollen.

„Es war ein Pharisäer namens Nikodemus, ein führender Mann unter den Juden. Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden.Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden.Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

Johannesevangelium 3, 1-8


Das Erstaunliche der christlichen Botschaft liegt nun darin, dass die Wiedergeburt nicht  auf die Zeit nach dem Tod verlegt wird, sondern der Mensch, wenn er zum Glauben an Jesus, den Erlöser kommt und dieser Glaube in der Taufe „besiegelt“ wird, wiedergeboren ist. Die Taufe ist das Sakrament der Wiedergeburt. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird wiedergeboren und lebt damit in der neuen Wirklichkeit. Deshalb sind im Mittelalter und im Barock die Kirchen als Himmelsräume gestaltet. Ein Gewölbe, im Barock mit Himmelsvisionen ausgemalt und das Achteck über der Vierung einer romanischen Kirche symbolisieren den Himmel. Deshalb sind die Wände auch mit den Bewohnern des Himmels, den Heiligen, bevölkert.

Im Gebet, beim Gottesdienst wird diese Himmelsgeburt jeweils wieder aktualisiert. Diese mystische Vorstellung des Christentums wird durch Jesus noch radikalisiert. Wie er seinen Jüngern als Auferstandener begegnet ist, trifft der Glaubende im Nächsten gerade dann auf Jesus, wenn er diesem etwas zu Essen gibt, ihn im Krankenhaus besucht, ihn tröstet.

Aber stimmt das, dass die Christen schon in der himmlischen Welt leben? Als Außenstehender kann man das nicht feststellen. Die Christen haben im Allgemeinen nicht die Ausstrahlung, als seien sie wiedergeboren. Sie scheinen sich selbst von der Vision der Wiedergeburt verabschiedet zu haben. Aber vielleicht legen wir im Zeitalter von Glamour, Starkult und sexueller Attraktivität die falschen Kriterien an. Wenn ich davon überzeugt bin, dass der andere ein Kind Gottes ist und daher, in welchem Zustand er sich auch befinden mag, meine Achtung, mein Wohlwollen, meine Hilfe erwarten kann, dass Gott sie von mir erwartet, dann lebe ich bereits aus der Wiedergeburt. Wenn ich dann noch im anderen Jesus erkennen kann, dann bin ich bereits in die Mystik der Nächstenliebe eingetaucht. Die von Christen gegründeten Hospize, Krankenhäuser, die Ordensgemeinschaften, die sich ganz der Pflege der Kranken und der Sorge um die Armen verschrieben haben, bestehen aus „wiedergeborenen“ Menschen. Die Kirchen des Mittelalters und des Barock sind aus diesem Geist gebaut. Etwas Wichtiges kann der christliche Glaube jedoch noch beitragen, wenn es um die Sehnsucht nach Wiedergeburt geht.

Gott führt meine Person zur Vollendung

Dass ich mein Leben in immer neuen Wiedergeburten abarbeiten muss, weil ich Fehlschläge hinnehmen musste, weil mir Vieles misslungen ist und ich schuldig geworden bin, das wirft mich ganz auf meine begrenzten Möglichkeiten zurück. So optimistisch die westliche Wiedergeburtsvorstellung scheint – sie rechnet nicht wie in Indien damit, dass ich auch als Ratte wiedergeboren werden könnte – sie hat etwas „Unerlöstes“. Nach der westlichen  Wiedergeburtsvorstellung büße ich nicht, indem ich z.B. als Ratte wiedergeboren werde, für mein Fehlverhalten. Im Westen ist man optimistisch: Ich selbst bin in der Lage, alles wieder in Ordnung zu bringen. Das widerspricht aber unserer schmerzlichen Erfahrung, dass ich mit jedem gelebten Tag Misslungenes, Verletzungen, Enttäuschungen zurück lasse. Mein Leben und meine Möglichkeiten sind und bleiben begrenzt, wie oft ich auch mit einem Leben hier in dieser Welt einen neuen Versuch des Gelingens starte. Entspricht es nicht viel mehr den Bedingungen menschlicher Existenz, wenn Gott tröstet, die Schuld hinweg nimmt, mir eine Wiedergeburt schenkt?


Zusammenfassung

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben wird durch tiefe Erfahrungen des Geliebtwerdens, der Harmonie der Welt, des Glücks geweckt. Diese Sehnsucht speist mit ihrer Kraft die Religionen. Sie findet sich auch in dem Wiedergeburtsglauben, der von einer Rückkehr in diese Welt ausgeht. Wiedergeburt heißt aber viel tiefer, in eine andere Existenz wiedergeboren zu werden. Ich muss nicht allein alle Fehler und alles Misslungene ausbügeln, sondern Gott nimmt die Schuld von mir und schenkt mir die Wiedergeburt in eine neue Existenz. Diese muss ich nicht für später erwarten, sondern sie geschieht im Zum-Glauben-Kommen, das in der Taufe das Siegel des Bleibenden empfängt.

Weiterführung

Wenn, wie die Bibel es an mehreren Stellen sagt, der Christ bereits ein Wiedergeborener ist, dann bedeutet das eine große Chance, diese Wiedergeburt zu leben. Konkret ist das das Leben aus dem Geist Gottes.

Aus dem Blick, den die Wiedergeburt öffnet, ist auch eine Verhältnis zur Welt und zu den Menschen möglich, das den Christen zu einer reifen Persönlichkeit (Link zu „sich freuen“) werden lässt. Zeichen der Wiedergeburt ist die Fähigkeit zur Liebe (Link zu „lieben“)