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Hilferuf in schwerer Bedrängnis

Mit lauter Stimme schrei ich zum Herrn, laut flehe ich zum Herrn um Gnade.

Ich schütte vor ihm meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not.

Wenn auch mein Geist in mir verzagt, du kennst meinen Pfad. Auf dem Weg, den ich gehe, legten sie mir Schlingen.

Ich blicke nach rechts und schaue aus, doch niemand ist da, der mich beachtet. Mir ist jede Zuflucht genommen, niemand fragt nach meinem Leben.

Herr, ich schreie zu dir, ich sage: Meine Zuflucht bist du, mein Anteil im Land der Lebenden.

Vernimm doch mein Flehen; denn ich bin arm und elend. Meinen Verfolgern entreiß mich; sie sind viel stärker als ich.

Führe mich heraus aus dem Kerker, damit ich deinen Namen preise. Die Gerechten scharen sich um mich, weil du mir Gutes tust.

Dieser Psalm 142 wird David zugeschrieben, als er sich, von König Saul verfolgt, in einer Höhle versteckte. Saul war auf den erfolgreichen jungen Heerführer neidisch geworden, weil der bei den Leuten beliebter war als der König. David wird später Nachfolger Sauls und gründet Jerusalem als religiöses Zentrum Israels.

Die Gebrechlichkeit und Fehlerhaftigkeit des Menschen


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Religion ist nicht nur etwas Befreiendes. In einigen Phasen unseres Lebens erleben wir die Religion als Last. Für manche ist das sogar die Grundstimmung: Das Leben wäre leichter ohne Religion. Hinzu kommt die Organisation der Religion. Ob muslimische Moscheegemeinschaften, jüdische Synagogen, ob katholische Bistümer oder evangelische Landeskirchen, es sind Gebilde aus Menschen. Oft spürt man nicht, dass ein göttlicher Stiftungswille hinter den Gemeinschaften steht. Religion kann auch Konflikte verschärfen. Nicht wenige Kriege wurden im Namen einer Religion geführt und sogar von Religionsführern im Namen Gottes ausgerufen. Sagt die Religion selbst etwas zu der Erfahrung, dass sie als große Last erlebt wird?

Der Mensch vor einem zu großen Anspruch

Jede Religion kommt mit einem Versprechen auf den Menschen zu. Sie verspricht einen Weg aus der menschlichen Erfahrung von Ungerechtigkeit, Elend, eigener Verstrickung und aus dem Unglück, das jeden treffen kann. Die Religion interessiert sich für die schwierigen Seiten der menschlichen Existenz. Die Bedrängten, die Unterdrückten, die Kranken und Leidenden, die Verlassenen und Verstoßenen finden bei der Religion Verständnis und eine Verheißung, dass der jetzige Zustand der Welt nicht der endgültige ist.

Aber in einen anderen, besseren Zustand kommt der Mensch nicht einfach so, wie er ist. Jede Religion verlangt Veränderung, Askese schwingt immer mit, wenn Religiöses auf uns zukommt. Ich soll zu bestimmten Zeiten beten, an den Gottesdiensten teilnehmen, in Einfachheit leben, den anderen mehr achten als mich selbst. In den Ansprachen der offiziellen Vertreter der Religion wird an meine Moral appelliert, ich soll nicht nur mein eigenes Leben retten, sondern mich noch für das irdische Wohlergehen und das endgültige Heil meiner Mitmenschen interessieren. Das ist es, was das Gefühl der Schwere erzeugt. Ist mein Leben nicht schon schwer genug – und dann noch die Lasten, die mit der Entscheidung für einen religiösen Lebensweg auf mich zukommen.

Tatsächlich verlangen die Religionen, ob Islam, Buddhismus oder Judentum wie auch das Christentum, dass ich mich noch mehr anstrenge. Jesus sagt es im Gleichnis von den Talenten: Ich soll aus meinem Leben etwas machen, verdoppeln, was mir geschenkt wurde. In Zeiten, in denen mein Arbeitsplatz bedroht ist oder Fondsmanager das wohlverdiente Ersparte praktisch verfeuert haben, ist es doch schon genug, das zu bewahren, was man gerade hat. Jesus verlangt einfach zu viel. Im Moment scheint es so, dass auch die Kirchen das Mehr, das Jesus verlangt, nicht im Blick haben. Die Kirchenleitungen und die meisten engagierten Christen in Deutschland versuchen, das festzuhalten und zu bewahren, was übrig geblieben ist. Nach dem Krieg war das anders. Da erlebten die Kirchen einen Aufschwung, die Gottesdienste waren voll, Gemeindezentren und Kirchen konnten gebaut werden, Kindergärten, Krankenhäuser, Akademien und Bildungseinrichtungen wurden gegründet oder ausgebaut. Dann begann der Rückgang, weniger Gottesdienstbesucher, viele Gläubige haben ihre Kinder nicht mehr christlich erzogen, viele ihren Kirchen den Rücken gekehrt. Auch der augenblickliche Zustand der Kirchen lässt Religion als Last spüren. Soll man dieses Kirchengefüge mittragen, wenn man Christ wird? Diejenigen, die im Moment die kirchlichen Gremien besetzen, strahlen nicht selten aus: Es ist schwer, Christ zu sein, man bekommt große Lasten aufgebürdet. Oder Muslim werden. Mit was muss ich mich da identifizieren. Die Religion, die das Wort Frieden in ihrem Namen trägt, hat sich eine ganz andere Ausstrahlung zugelegt. Islam, das heißt doch Kampf. All diese Empfindungen und Gefühle sind da, sie lassen sich auch an konkreten Umständen und Verhaltensweisen der Mitglieder einer Religionsgemeinschaft festmachen. Es sind nicht nur Stimmungen, sondern Reaktionen auf die konkreten Religionsgemeinschaften. Was sagt die Bibel dazu?

Das Elend benennen

Wie keine andere Religionsgemeinschaft hat die jüdische Bibel die Erfahrungen der Niedergeschlagenheit, der Verfolgung, des Siechtums, der Reue über das eigene Fehlverhalten ins Wort gebracht. Da die Christen die jüdische Bibel als Altes Testament übernommen haben, gehört die Klage, die Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslosigkeit zum Wortschatz christlichen Betens. Auch wenn im Zentrum des christlichen Evangeliums, der „Guten Botschaft“, die Auferstehung Jesu von den Toten steht, können die Christen mit Hilfe der jüdischen Tradition die negativen Gefühle akzeptieren und brauchen sie nicht in sich hineinzufressen, sondern sie können ihre Gefühle klagend und weinend vor Gott zu bringen. Man muss Gott nicht immer gut gelaunt und in bester seelsicher Verfassung entgegentreten.

Auch wenn die Bibel mit negativen Gefühlen rechnet – muss ich mir diese Gefühle auch „anziehen“, wenn ich mich für den christlichen Lebensweg entscheide? Offensichtlich ist das für den christlichen Weg notwendig, denn die Bibel berichtet von Jesus selbst, dass er enttäuscht, wütend, niedergeschlagen und vor seinem Weg in den Tod verzweifelt war. Wenn es ihm so geht, dann auch seinen Anhängern. Und das ist nicht ohne Grund so:

Leiden am Zustand der Welt

Wer die Psalmen durchblättert oder sich das Leben des Propheten Jeremias vor Augen führt, stößt auf den gleichen Gefühlsreaktionen, die auch Jesus entgegenschlugen: Es sind die Widerstände, die Feindschaft anderer, deren Unduldsamkeit, das Ressentiment. Derartige Gefühlslagen kennt jeder, ohne dass schon Religion im Spiel sein muss. Diese unguten Befindlichkeiten strömen durch Familien, Vereine, Abteilungen, Schulklassen. Diese Gefühle kommen nicht von außen, sondern aus den Gruppen, Kollegenschaften, Vereinen, Schulklassen. Wir Menschen bringen sie hervor. Auch religiöse Gruppen, Kirchen- oder Moscheegemeinschaften, Synagogen, christlich geführte Krankenhäuser oder Schulen sind nicht immun gegen solche Stimmungen. Nirgendwo werden sie so realistisch beschrieben wie in der Bibel der Juden, im Alten Testament.

Aber gerade in eine solche Stimmungslage stechen die Anforderungen der Bergpredigt oder der Ermahnungen am Ende der meisten Briefe des Neuen Testaments wie spitze Nadeln. Wenn meine Laune unter das erträgliche Maß sinkt, kann ich Tugendappelle nicht ertragen. Bin ich bei besserer Laune, lasse ich die Aufforderungen, ein sittlich anspruchsvolles Leben zu führen, leichter an mir „vorbeirauschen“.

Hat mich der Anspruch der Religion schwermütig macht, hat er mich an meinem wunden Punkt getroffen. Und das ist normal, so sagen es diejenigen, die große Erfahrungen in der Beratung von religiös Suchenden haben. In der gedrückten Gemütslage meldet sich meine Abwehr, aus meinem Leben mehr zu machen. In mir kämpft das Alte gegen das Neue. Es ist ähnlich, wie wenn ich in einer Abteilung, in einem Team, in einem Verein etwas Neues auf den Weg bringen will. Dann kann mir deswegen Unwillen entgegenschlagen, weil „man“ nichts ändern will, die Anstrengung der Umstellung scheut und vielleicht der Firma, der Sache, dem Verein sowieso nicht mehr viel Zukunft gibt. Es verwundert nicht, dass einem aus den Kirchen eher negative Gefühle entgegenkommen, wenn diese im Abwärtstrend sind. Vor allem die Hauptamtlichen lassen andere ihre Enttäuschung spüren. Es lebt sich tatsächlich leichter, wenn die Leute in der Firma, im Verein, in der Kirche Aufwind unter den Flügeln spüren. Dann ist jeder bereit, sich doppelt anzustrengen.

Befreiung aus dem Gefühl des Unmuts

Unwillen, Reaktionen des Unmuts, des Ressentiments kann ich aus meiner Umgebung aufsaugen. Sie können aber auch aus mir selbst kommen. Ihr Ursprung ist jeweils ein niedriger Energielevel. Denn die Widerstände gegen ein anstrengenderes Leben stammen nicht selten aus meiner eigenen Unentschiedenheit, aufzubrechen, sich auf Mehr, auf Neues einzulassen. Wenn mein Leben nur knapp über dem Notwendigen verläuft, wenn es mir schwer fällt, einem anderen einen Gefallen zu tun, mich für etwas zu engagieren, dann reagiere ich mit Unmut auf die religiöse Welt.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit diesen Stimmungen auseinanderzusetzen, wenn ich weiterkommen will. Schon die ersten christlichen Asketen, die sich in die Wüste zurückgezogen hatten, berichten von Erfahrungen einer lang andauernden Schwermut und Antriebslosigkeit. Acedia, klebrige Schwermut, wird diese Stimmungslage genannt, durch die man auf seinem religiösen Weg hindurch muss. Nach den Erfahrungen der geistlichen Lehrer bewirkt sie Kleinmut, Übelwollen, verhindert, dass der Mensch sich konzentrieren kann. Unmut und Groll sowie ein Geist der Auflehnung werden auch als Folgen der „Trägheit des Herzens“ beobachtet. Es kann einige Zeit dauern, bis ich diese dunkle Gefühlswelt hinter mir lassen kann. Alle Spiritualitäten empfehlen, in solchen Phasen nicht alleine zu bleiben, sondern sich mit jemandem zu besprechen, der sich auf dem Weg des Mehr, der größeren Entschiedenheit auskennt. Ich sollte in der Meditation und im Gebet dem Dunklen entgegensehen. In der Wand wird sich eine Tür öffnen. Ich bin ja auf dem religiösen Weg, weil ich ein größeres Ziel erahne und auf die Hilfe des Geistes Gottes vertraue.


Zusammenfassung

Aus wenn die Religion eine bessere Welt verspricht, die nicht mit den Reformmängeln behaftet ist, die immer im Gefolge menschlicher Reformen auftreten – es ist meist kein Sparziergang in der Sonne, auf dem ich unterwegs bin. Das Schwierige schlägt mir entgegen, von außen als Ressentiment gegen den Anspruch der Religion, als Ablehnung. Von innen sucht mich Schwermut heim, weil ich mich mit den Schattenseiten meines Charakters Auseinandersetzung muss, weil ich meine Unentschiedenheit spüre. Ich kann diesen Gefühlen nicht ausweichen und finde in den Psalmen und bei den Propheten diese Erfahrungen wieder.

Weiterführung

Auch wenn mich der religiöse Weg mit dem Schweren, mit Unmut, Herzensträgheit, eigener Unentschlossenheit konfrontiert und mich schwermütig werden lässt, es ist ein Durchgangsstadium. Es ist mir eine Wiedergeburt versprochen. Ich muss mich allerdings auch damit auseinandersetzen, wie das Böse, Ursprung der Schwermut und des Ressentiments überwunden wird. Hier geben Islam und Christentum sehr unterschiedliche Wege an.