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Lukas berichtet im 19. Kapitel seines Evangeliums vom Einzug in Jerusalem und von den Tränen Jesu über seine geliebte Stadt Jerusalem, die zu einer Trümmerstätte werden wird im Jahr 70 n. Chr., als die Römer die Stadt erobern und in Schutt und Asche legen. Der Tempel ist nie wieder aufgebaut worden. Und die Klagemauer ist der Erinnerungs- und Gebetsort für die Juden geworden. Möge diese Stadt doch auch zur Friedensstadt für Völker und Religionen werden.

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Lk 19,37 Als er an die Stelle kam, wo der Weg vom Ölberg hinabführt, begannen alle Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten.

38 Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!

39 Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, bring deine Jünger zum Schweigen!

40 Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.

41 Als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie

42 und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen.

43 Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen.

44 Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt.

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Quelle: Wikimedia Commons


Zeit der Gnade

Heute war ich auf dem „Monte Scherbelino“, dem Berg der Trümmer, am Stadtrand von Paderborn. Diesen aus der Not entstandenen Hügel kann wohl erst die heutige Generation liebevoll so nennen, nachdem buchstäblich Gras darüber gewachsen ist. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört zu vielen größeren Städten in Deutschland solch ein Monte Scherbelino, gebildet durch die übrig gebliebenen Trümmer, die nicht für den Wiederaufbau der zerstörten Straßen und Häuser gebraucht wurden.

Der Monte Scherbelino am Paderborner Südstadtrand ist keineswegs abgesperrt, wie Schutt- oder Müllberge es oftmals sind, sondern er ist samt der Gegend drum herum ein beliebtes Naherholungsgebiet für Alt und Jung geworden. Schön bewachsen ist er mit Bäumen, Sträuchern und Gras. Auf seinem Scheitelpunkt ragt eine mannshohe glänzende Stahl-Halbkugel aus der Erde, die von den Hosenböden der von ihr herunterrutschenden Kinder blank poliert ist. Ein Grillplatz findet sich auf dem Plateau genauso wie Spazierwege und knallrote Sitzbänke, von denen einige in Richtung der Stadt aufgestellt sind. Da saß ich nun bei zaghaften Vorfrühlingstemperaturen und schaute lange auf das Stadtpanorama hinab. Eine wunderschöne Aussicht! Hinter mir brachte ein Vater seinem kleinen Sohn das Radfahren bei, ein älteres Ehepaar führte seine beiden Hunde spazieren und zwei Jugendliche dribbelten mit ihrem Fußball um die Wette. Sonntagnachmittagidylle auf einem Trümmerberg.

Mir gefiel das. Die Trümmer sind nicht einfach weggesperrt, unterirdisch vergraben und unsichtbar gemacht, sondern sie sind sogar noch zu etwas Schönem nütze. Mit dem Monte Scherbelino bleibt zwar die Bombardierung von 1945, dieses schmerzliche Kapitel der Stadtgeschichte, präsent als ein Teil der Stadt, aber irgendwie ist dieses Kapitel verwandelt, aufrichtig vernarbt wie eine verheilte Wunde. Und die Menschen können sogar Neues darauf anfangen!

Dieser Trümmerberg draußen im Grünen regt mich zu der Frage an: Wie gehe ich eigentlich mit meinen eigenen „Trümmern“ in meinem Alltag und in meinem Leben um? Möchte ich sie verstecken, vergraben, unsichtbar machen, oder dürfen sie einen Platz und ein „Ansehen“ haben? Was ist mir peinlich, wofür schäme ich mich? Möchte ich das eine oder andere vielleicht (mehr) ans Licht holen und heilen lassen? Ich nehme mir vor, in der noch verbleibenden Fastenzeit mit diesen Fragen ein wenig umzugehen. Nicht zuletzt die Kirche hilft mir dabei mit ihren Angeboten an Gottesdiensten, Besinnungstagen, Geistlicher Begleitung und natürlich dem Sakrament der Versöhnung (Beichte).    

„50 Jahre Frieden“ steht auf dem großen Holzkreuz, das man 1995 auf dem Paderborner Trümmerberg errichtet hat. Denn der Monte Scherbelino ist nicht nur ein Naherholungsgebiet, er ist auch ein Mahnmal. Er mahnt zum Frieden im Kleinen wie im Großen. Als ich dort oben saß und auf „meine“ Stadt schaute, dachte ich an einen anderen Berg, auf dem ich auch schon einmal war: den Ölberg bei Jerusalem. Dort hat nach der Überlieferung auch Jesus gestanden und erregt hinab geschaut. Der Evangelist Lukas berichtet darüber in der Bibel: „Als Jesus die Stadt Jerusalem sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du … erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde … keinen Stein auf dem anderen lassen...“ (Lukas-Evangelium 19, 41ff). Ein harter Text! Aber vielleicht bieten sich gerade die kommenden Tage der Fastenzeit und der Karwoche an, einen solchen Text und solche Bilder einmal bewusst an sich heran zu lassen. Sie haben ja durchaus Aktualität, wenn wir zum Beispiel nach Syrien schauen, auf Ungerechtigkeit und Not in so vielen Ländern, oder auf die „Feinde“ in unserer Gesellschaft wie Habgier, Verantwortungslosigkeit oder Überdruss.

Einen „Berg“ zeigt übrigens auch das Plakat der diesjährigen Misereor-Fastenaktion: einen Müllberg von Kalkutta, auf dem ein kleines schmutziges Mädchen nach verwertbaren Resten sucht. Ich stelle mir vor, wie Jesus auch auf dieses Mädchen oder auf die Straßen von Homs und Fukushima schaut – und weint. Denn gerade da hinein und deswegen ist er ja Einer von uns geworden und ließ er sich ans Kreuz schlagen! Als Einer von uns kennt und teilt er unsere Nöte.

Als Christen wissen wir, dass der Weg zum Osterfest über Golgota führt. Der „Karfreitag“ bleibt uns oftmals nicht erspart, bevor neues Licht hervorbricht, und manchmal scheint das Dunkel kein Ende zu nehmen, bis wir endlich „über den Berg“ sind. Der Blick auf Jesus kann trösten, der Blick auf seine Ohnmacht, seine Tränen, seine Verwundungen. Und auch auf sein Auferstehen aus dem Grab! An seiner Seite brauche ich in den Trümmern nicht stecken zu bleiben. Meinen eigenen Kräften und Talenten darf ich dabei trauen und gleichzeitig im Gebet alles der Wandlungs- und Schöpferkraft Gottes anvertrauen. Seine Gnade kann wandeln und heilen. „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade“ (2 Kor 6,2); im Aschermittwochgottesdienst ist mir dieser Satz immer besonders wichtig. Steht er nicht eigentlich über jedem Tag?

Marlies Fricke, Mitglied der GCL, Paderborn

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