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Paulus Gerhardts geistliche Lieder getreu nach der bei seinen Lebzeiten erschienenen Ausgabe wiederabgedruckt. Stuttgart 1853; fotomechanischer Nachdruck Bern 1974

© G. Nissen

Sommergesang

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

2. Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide.
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an,
als Salomonis Seide.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fleucht aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder,
Die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Thal und Felder.

4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist ihr’ Jungen,
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh, und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.

5. Die Bächlein rauschen in dem Sand,
und mahlen sich und ihren Rand
mit schattenreichen Myrthen,
Die Wiesen liegen hart dabei,
und klingen ganz von Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

6. Die unverdroßne Bienenschaar
zeucht hin und her, sucht hier und dar
ihr’ edle Honigspeise,
Des süßen Weinstocks starker Saft
kriegt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

7. Der Waizen wächset mit Gewalt,
darüber jauchzet jung und alt,
und rühmt die große Güte
Des, der so überflüßig labt,
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüthe.

8. Ich selbsten kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Thun
erweckt mir alle Sinnen:
Ich singe mit, wenn alles singt,
und laße, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

9. Ach, denk ich, bist du hie so schön,
und läßt dus uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden,
Was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnem Schloße werden?

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein?
wie muß es da wohl klingen,
Da so viel tausend Seraphim
mit eingestimmtem Mund und Stimm
ihr Allelujah singen?

11. O wär ich da! O stünd ich schon,
ach, süßer Gott! vor deinem Thron,
und trüge meine Palmen!
So wollt ich nach der Engel Weis’
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.

12. Doch will ich gleichwohl, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen,
Mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

13. Hilf nur und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe!
Gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seelen früh und spat
viel Glaubensfrücht erziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich wohl bekleiben:
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

15. Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis’
an Leib und Seele grünen:
So will ich dir und deiner Ehr
allein, und sonsten keinem mehr,
hier und dort ewig dienen.

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© A. Grotzke


„Werft euch in Gott“

Kennen Sie das geistliche Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud" von Paul Gerhardt? In seinen Strophen (s. rechts) kommt der Sommer in seiner ganzen Schönheit und Vielfalt, mit all seinen Bildern, Geräuschen und Düften vor. Ich fühle mich wie in ein Wimmelbuch versetzt, wie kleine Kinder es gerne und endlos anschauen. Hier zum Hören!

Es lohnt sich, einmal auf das Leben des Dichters zu schauen: Paul Gerhardt, evangelisch-lutherischer Pfarrer, von dem uns viele bekannte Kirchenlieder überliefert sind, lebte von 1607 bis 1676, hat also den gesamten Dreißigjährigen Krieg mit seinen Massakern, Hungersnöten und Seuchen erlebt; seine Geburtsstadt Gräfenhainichen in Sachsen wurde von schwedischen Soldaten vollständig zerstört. Als er zwölf Jahre alt war, starb sein Vater, mit vierzehn die Mutter. Seine Gattin verlor er nach nur zwölf Ehejahren; von seinen fünf Kindern sind vier früh gestorben.

Wie kann ein Mensch mit solch bitteren Erfahrungen und in einer so leidvollen Zeitepoche ein solch munteres Lied schreiben? Schauen wir genauer hin: Der Dichter blendet trotz des beschwingten Textcharakters das Leiden "auf dieser armen Erden" nicht aus. Vielmehr gelangt der Hartgeprüfte trotz der Bitternis seines Lebens zur Betrachtung der ganzen Wirklichkeit; er erlebt den Mangel genauso wie die Fülle; er sieht den Schmerz genauso wie die Frucht. Er weiß, dass der Weizen erst dann wächst, wenn Frost und Winter über seine Saat hinweg gezogen sind. Nicht von ungefähr hat das in vieler Hinsicht düstere 17. Jahrhundert den Barockstil, eine Art Abbild des „Himmels“, hervorgebracht.

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud.“ – Halten Sie doch einmal kurz inne mit der Frage:

Wann war meinem Herzen zum letzten Mal zum „Ausgehen“ zumute, etwa aus Bedrückung, Angst, Trauer oder Ärger? Hat mein Herz einen bevorzugten Ort, wohin es „ausgeht“?

Paul Gerhardt hatte einen solchen Ort: zum einen die Natur, die der Jahreslauf ihm schenkte. Aber es gab noch einen anderen Ort, der tiefer lag - in seinem Innern. Aus dem erdenhaften Sehen, Hören und Staunen des Betrachters wird Gebet; spätestens in der elften Liedstrophe spricht er GOTT an. „Mach in mir deinem Geiste Raum“ (Str. 14). Sogar bis zur Stunde seines Todes wagt er vorauszuschauen, wo sein Herz ein letztes Mal ausgehen wird, heim zu Gott. Aus "der schönen Gärten Zier" der Erde wird nun "Christi Garten" als Bild des Himmels und der Ewigkeit. Eine Vorahnung, ein Sehnsuchtsort, die Steigerung und Vollendung irdischer Schönheit. „O wär‘ ich da!“ Der Dichter wusste wohl ein Leben lang um die Zusage Jesu im Johannesevangelium: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. … Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen … Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“ (Joh 14,1-2). Auch Jesus schaut hier bereits auf sein „Ausgehen“ - vom irdischen Leben hin zum Vater im Himmel.

Paul Gerhardt erweist zeitlebens Steh- und Anpassungsvermögen im Wellengang der Geschichte, auf einem tiefen Fundament ruhend. Dieses Fundament ist sein gläubiges Vertrauen, dass Gott alle Wege mitgeht und dass Er für jeden Menschen das Heil will. Ich glaube, dass Paul Gerhardt, der so viel Not und Tod gesehen hat, zu jenen Schwimmkünstlern gehört, die der Pastoralpsychologe Christoph Jacobs meint, wenn er sagt: "Die Frage lautet nicht: Wie entkommt der Mensch den Gefahren, die ihm im Fluss des Lebens drohen? Die Frage lautet: Was sind die Kräfte, die ihn zum Schwimmkünstler machen?"

Was sind die Kräfte? - Was sind Ihre Kräfte für die Bewältigung Ihres Alltags, für Ihr Stehvermögen und Ihr Weitergehen? Was ist Ihnen bei ggf. nachlassenden Kräften – etwa in Alter oder Krankheit – immer noch möglich? Wie und wo kommen Sie im Fluss des Lebens immer wieder neu zu Kräften?

Ferien- und Erholungszeiten geben Gelegenheit, das Herz „ausgehen“ zu lassen, ob zu äußeren oder zu inneren Kraft- und Sehnsuchtsorten. „Werft euch in Gott“, predigte Meister Eckhart 400 Jahre vor Gerhardt. Ich möchte es etwas abwandeln: Werft euch in das Meer Gottes wie in ein Meer der Barmherzigkeit! - Bekommen Sie da nicht Lust, auch ein Schwimmkünstler oder eine Schwimmkünstlerin zu werden?

P. Thomas Gertler SJ versucht es jetzt im Urlaub gerade – darum bleibt dieser Impuls nun zwei Wochen im Netz. Also jeden Tag eine Strophe von „Geh aus mein Herz…“

1. August 2012

Einen frohen und lustvollen Sommer wünscht Ihnen
Marlies Fricke, Paderborn

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