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Der reiche Kornbauer ist einer, der wach ist, für das, was gerade passiert, der wach ist für das, was ihn selbst und sein momentanes Leben betrifft, aber er ist völlig verschlafen dafür, dass es nicht nur um ihn geht und um den Augenblick, sondern auch um den, der ihm diesen Augenblick schenkt. Dann wüsste er, dass die reiche Lebensernte nicht nur für den eigenen Verzehr bestimmt ist. Und was machen wir heute? Wir verbrauchen in kürzester Zeit Ressourcen, die Millionen Jahre gebraucht haben, um zu wachsen und lassen Löcher für die kommenden Generationen. Sind wir wie der reiche Kornbauer, der die Zeichen der Zeit nicht erkennt?

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Lk 12,15 Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.

16 Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.

17 Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll.

18 Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.

19 Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!

20 Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?

21 So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

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„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben…“

Ein Satz, der Michail Gorbatschow zugeschrieben wird und zum Sprichwort geworden ist. Er ist so nie von ihm gesagt worden, sondern von Genadi Gerassimow, seinem Sprecher. Das ist aber ganz egal. Gemeint war jedenfalls Erich Honecker, der tatsächlich dann kurze Zeit später von der politischen Bühne verschwand samt vielem anderen, dem immer noch so manche nachtrauern. Sicher wird um den Tag der Deutschen Einheit dieser Satz wieder zitiert werden.

Aber stimmt er denn? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Nun, wenn ich meinen Zug verpasse und ihn aus dem Bahnhof abfahren sehe, fühle ich mich gestraft. Bin ich gestraft? Eher denke ich, dass ich Pech gehabt habe. Außer ich bin wirklich selbst schuld. Dann fühle ich mich gestraft. Vom Leben? Von mir selbst. Von der Bahn? Ja, Honecker hätte tatsächlich die DDR neu tapezieren können und sollen. Aber er fühlte sich ja „up to date“. Und wer zu spät dran war, das war ja der ganze real existierende Sozialismus. Und da hat dann Gorbatschow sein eigener (nicht gesprochener) Satz getroffen, denn er hat zwar versucht, auf die Zeichen der Zeit zu reagieren, aber damit nur die Schleusen geöffnet, die auch seinen Sozialismus wegspülten. Und Gorbatschow, den wir als den verehren, der den Ostblock aufgeschlossen und damit beendet hat, ist in seiner Heimat gerade deshalb mit Ablehnung gestraft. Hat ihn „das Leben“ gestraft? Das Leben ist in diesem Satz wohl der Geschichtsprozess wie ihn Hegel und Marx und dann Lenin im Sinne hatten oder?

Als wir uns vor einiger Zeit über dieses neue Sprichwort unterhalten haben, sagte lachend unser Experte für Kirchengeschichte, dass nach seiner Erfahrung gelte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, aber wer zu früh kommt, den bestraft die Kirche.“ Ja, und da fällt einem dann eine ganze Menge ein. Viele Heilige und Ordensleute, besonders Frauen, sind von der Kirche gestraft worden, weil sie anscheinend zu früh kamen. Ich denke an Theresia von Avila oder Maria Ward. So manchem wird sofort Galilei einfallen. Viele Theologen des Zweiten Vatikanischen Konzils waren erst „zu früh“ gekommen mit ihrem Denken und als Modernisten bestraft worden unter Papst Pius XII., haben sich dann aber unter Papst Johannes XXIII. beim Konzil durchsetzen können. Waren sie wirklich zu früh gekommen oder war die Kirche zu spät gewesen? Ist die Kirche immer zu spät, wie manche denken? Schwierig zu sagen. Im langen Zug der pilgernden Kirche sind manche vorn und vielleicht auch zu weit vorn und manche Nachzügler. Und dann kommt die Zeit, der Kairos, die rechte Zeit. Aber was ist dieser Kairos?

Wie also richtig mit diesem Satz oder diesen beiden Sätzen umgehen? Mir fällt noch ein dritter ein: „Ich habe so sehr versucht, nie zu spät zu kommen und nichts zu verpassen, dass ich mein eigenes Leben verpasst habe.“ Der Satz begegnet mir bei Leuten um die dreißig oder vierzig. Sie haben viel erlebt, aber zu wenig selbst gelebt. Ganz nur nach der äußeren und fremden Uhr und nicht nach der inneren eigenen Uhr. Ich kann also ganz „up to date“ sein und doch das Wesentliche, mein eigenes Leben verpassen. Da ist man dann wirklich gestraft. Leben spielt auf verschiedenen Ebenen. Welche ist die wichtige? Welche ist die Entscheidende? Was denken Sie? Was halten Sie von diesen verschiedenen Sätzen?

Mein Rat ist, nicht nur wach zu sein für die äußere Wetterlage oder Politik, sondern auch für die innere Situation gemäß dem Jesuswort: „Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so... Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten?“ (Lk 12,54f. gemeint ist Gottes Herrschaft im Auftreten Jesu und Jesu Anspruch an die Menschen) Also nicht nur wach sein für das, was mir jetzt für den Augenblick etwas bringt, sondern für das, was bleibt. Als Neuentdeckung im aktuellen Wortschatz nennt man das „Nachhaltigkeit“. Nicht nur wach zu sein für Trends und Stimmungen um mich herum, sondern auch wach zu sein für die Stimme des eigenen Herzens und Gewissens. Wach zu sein für den Augenblick, aber auch für den, der mir diesen Augenblick und die Ewigkeit schenkt. Das wusste schon Andreas Gryphius in seiner Betrachtung der Zeit:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm’ ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.


Und für das rechte in acht nehmen des Augenblicks muss ich immer wieder einmal aussteigen aus dem Tretrad der Zeit und still werden und Abstand nehmen und den inneren Kompass ausrichten und anschauen. Sonst komme ich wirklich zu spät. Und das rate ich natürlich auch all den politisch Interessierten und politisch Engagierten sonst verpassen sie die wahren Zeichen der Zeit und werden vom Leben, und zwar dem ewigen Leben gestraft.

Es grüßt Sie zum 3. Oktober
Thomas Gertler SJ

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