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Gehen wir den inneren Weg des Psalms 22 mit. Lesen Sie ihn langsam und verspüren Sie seine unterschiedlichen Stationen. Spüren Sie die Verlassenheit am Kreuz. Spüren Sie den Umschwung hin zum Vertrauen auf Gott. Spüren Sie die Hoffnung. Die Hoffnung für alle.

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Ps 22,2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, / bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?

3 Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; / ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig, / du thronst über dem Lobpreis Israels.

5 Dir haben unsre Väter vertraut, / sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

6 Zu dir riefen sie und wurden befreit, / dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, / der Leute Spott, vom Volk verachtet.

8 Alle, die mich sehen, verlachen mich, / verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

9 «Er wälze die Last auf den Herrn, / der soll ihn befreien! Der reiße ihn heraus, / wenn er an ihm Gefallen hat.»

10 Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, / mich barg an der Brust der Mutter.

11 Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, / vom Mutterleib an bist du mein Gott.

12 Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe / und niemand ist da, der hilft.

13 Viele Stiere umgeben mich, / Büffel von Baschan umringen mich.

14 Sie sperren gegen mich ihren Rachen auf, / reißende, brüllende Löwen.

15 Ich bin hingeschüttet wie Wasser, / gelöst haben sich all meine Glieder. / Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen.

16 Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, / die Zunge klebt mir am Gaumen, / du legst mich in den Staub des Todes.

17 Viele Hunde umlagern mich, / eine Rotte von Bösen umkreist mich. / Sie durchbohren mir Hände und Füße.

18 Man kann all meine Knochen zählen; / sie gaffen und weiden sich an mir.

19 Sie verteilen unter sich meine Kleider / und werfen das Los um mein Gewand.

20 Du aber, Herr, halte dich nicht fern! / Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!

21 Entreiße mein Leben dem Schwert, / mein einziges Gut aus der Gewalt der Hunde!

22 Rette mich vor dem Rachen des Löwen, / vor den Hörnern der Büffel rette mich Armen!

23 Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen.

24 Die ihr den Herrn fürchtet, preist ihn, / ihr alle vom Stamm Jakobs, rühmt ihn; / erschauert alle vor ihm, ihr Nachkommen Israels!

25 Denn er hat nicht verachtet, / nicht verabscheut das Elend des Armen. Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm; / er hat auf sein Schreien gehört.

26 Deine Treue preise ich in großer Gemeinde; / ich erfülle meine Gelübde vor denen, die Gott fürchten.

27 Die Armen sollen essen und sich sättigen; / den Herrn sollen preisen, die ihn suchen. / Aufleben soll euer Herz für immer.

28 Alle Enden der Erde sollen daran denken / und werden umkehren zum Herrn: / Vor ihm werfen sich alle Stämme der Völker nieder.

29 Denn der Herr regiert als König; / er herrscht über die Völker.

30 Vor ihm allein sollen niederfallen die Mächtigen der Erde, / vor ihm sich alle niederwerfen, die in der Erde ruhen. [Meine Seele, sie lebt für ihn; /

31 mein Stamm wird ihm dienen.] Vom Herrn wird man dem künftigen Geschlecht erzählen, /

32 seine Heilstat verkündet man dem kommenden Volk; / denn er hat das Werk getan.

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Warum? 

Warum ausgerechnet Japan? Warum all dies Leid? Warum all der sinnlose Tod? Warum gerade da, wo schon die ersten Atombomben gefallen sind? Warum? Warum? Warum?

Sicher fragen jetzt viele so. Immer und immer wieder werde auch ich danach gefragt. Und es gibt keine Antwort, die die Trauer nimmt, den Schmerz lindert, die Wut dämpft. Nein, eine solche Antwort gibt es nicht. Nicht einfach so wie eine Schmerztablette. Aber ich will Ihnen gern sagen, wie ich versuche, damit umzugehen, was mir hilft, was mir Antwort ist. Es ist das Ergebnis vieler Gespräche, eigener Leiderfahrung und eigenen Nachsinnens. Und auch des Trostes durch andere. 

Als erstes und einfachstes, was aber meist übersehen wird, es geht gar nicht wirklich um die Frage „Warum?“ Die Warum-Frage will die Ursache wissen, will die Kausalität kennen und die ist meist sehr einfach und erschreckend banal zu beantworten. Und wir wissen es ja auch bei Japan genau. All dieses Leid in Japan jetzt hat seinen Grund in der Verschiebung der Erdplatten, dem daraus folgenden furchtbaren Erdbeben und dem Tsunami, der alles zerstörte und mit sich riss. Das ist die einfache Antwort auf die Frage „Warum?“ Die Frage nach der Ursache von all dem. 

Nein, worauf wir Antwort haben wollen, ist die Frage: „Wozu ist das geschehen?“ Welchen Sinn soll das Leid haben? Es ist doch offensichtlich sinnlos. Wie soll ich angesichts dessen glauben können an einen Sinn des Lebens? Wie soll ich vor mir selbst und meinen Kindern diese Frage beantworten können? Wie soll das vereinbar sein mit einem liebenden und allmächtigen und guten Gott. Sollten etwa die Japaner bestraft werden? Oder die Menschheit? Und wofür? Alle diese Fragen kommen geradezu unwillkürlich und von selbst.  

Es gibt viele Theorien, die darauf antworten wollen. Man kann sie seit der Aufklärungszeit unter dem Begriff der Theodizee zusammenfassen. Das heißt „Rechtfertigung Gottes“. Man hat in der Aufklärungszeit, so habe ich einmal gelesen, richtige Prozesse vor einem Gericht gegen Gott geführt. Damals gab es das schreckliche Erdbeben in Lissabon (1. Nov. 1755). Gott hat alle diese Prozesse verloren. „Das Leid ist der Fels des Atheismus“, so sagt Georg Büchner, in seinem Theaterstück „Dantons Tod“. 

Keine dieser Theorien zur Rechtfertigung Gottes möchte ich Ihnen vortragen, sondern allein das sagen, was Jesus tut und sagt. Die erste Antwort, die Jesus und durch ihn Gott uns gibt, ist keine theoretische, sondern eine praktische. Und diese Antwort ist die, die nun auch als erste und wichtigste in Japan gegeben werden muss. Das ist der Kampf gegen die Not. Das ist die Linderung des Leides. Das sind Beistand und Hilfe. Das sind Solidarität und Unterstützung. Das tut Jesus. Er heilt die Kranken. Er gibt den Hungernden zu essen. Er treibt das Böse aus. Das ist die erste und wichtigste Antwort, die auch wir geben müssen. Und Jesus sagt uns damit: Gott will nicht das Leid und die Not, den Hunger und den Tod. Alles das soll ein Ende finden. Und dafür müssen wir eintreten. Und zwar jetzt und heute. Wir werden nicht alles lindern können. Es bleibt vorläufig. Es bleibt oft nur ohnmächtiger Beistand als Trost und Anteilnahme. Als stummes mit beim Leidenden sein, wie die Freunde des Hiob eine Woche still bei ihm sitzen, schweigen und trauern. Aber Kampf, Sorge und Beseitigen des Leides muss das Erste sein. Geben wir diese Antwort auf die Sinnlosigkeit und die Not? Geben wir sie genügend? Das wird am Ende Maßstab des Gerichtes Gottes über uns sein (vgl. Mt 25, 31-46). 

Und Jesus sagt an mehreren Stellen auch etwas sehr Wichtiges, nämlich dass Leid, Unglück und Krankheit nicht Strafe für die Sünde sind. Jedenfalls nicht automatisch und immer. Oft sind sie es. Auch heute. Und diese Diskussion wird geführt werden, auch über den Bau der Atomkraftwerke in einem solch gefährdeten Gebiet. Und es wird die Frage nach der Verantwortung gestellt. Schon jetzt. Und mit Recht. Aber es gibt da keinen Automatismus, dass an jedem Unglück der Unglückliche immer selber schuld sei. Die Frage: „Womit habe ich das verdient? Wofür werde ich bestraft?“, stellt sich so automatisch, aber es gibt nicht einen solchen automatischen Zusammenhang.

„In jener Zeit sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Joh 9,1-3)  


Und Jesus heilt diesen Blinden. Und das soll mit allen Blinden geschehen. Aber das geschieht nicht jetzt und auch nicht automatisch. Diese eine Heilung, wie sie Johannes berichtet, ist ein Zeichen für das, was Gottes Herrschaft und Gottes Wille ist. Dieser Wille soll geschehen wie im Himmel so auf Erden (Mt 6,10), aber erst wenn Gottes Reich endgültig kommt. Darum beten wir täglich im Vaterunser. Meinen wir das auch, wenn wir das Vaterunser beten? Wollen wir, dass dieses Reich kommt?  

Es gibt noch eine weitere praktische Antwort Gottes auf das Leid und den Tod. Das ist das Leid und der Tod Jesu selbst. Und das ist die Auferweckung Jesu durch Gott, seinen Vater. Jesus ist überzeugt, dass Gott gut ist, dass er liebt, auch und gerade seine Feinde, dass er verzeiht und dass er immer schon dabei ist, das Böse, das Leid, das Unheil aus der Welt zu schaffen. Gerade das aber trägt Jesus Hass, Ablehnung, Feindschaft ein. Jesus scheitert mit seiner Botschaft. Dass es so kommt, hat er schon sehen können am Schicksal Johannes des Täufers, der hingerichtet wurde. Die Menschen von Ninive haben sich dereinst bekehrt auf die Botschaft des Propheten Jona, die Menschen der Zeit Jesu bekehren sich nicht. Obwohl Jesus mehr ist als Jona (vgl. Mt 12,41).  

Dieses Scheitern hat Jesus nicht einfach so weggesteckt. Das hat ihm Angst gemacht. Todesangst. Er wusste, was kommen wird. Aber er bleibt treu. Er bleibt gläubig. Er hält an Gott, seinem lieben Vater fest, auch als sich alles verfinstert und verdunkelt. Als alles zerbricht und kaputt geht. Er ringt mit Gott. Er bittet, dass es nicht so kommen möge. Dass es an ihm vorüber geht. Aber er sagt: „Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine“ (Mk 14,36). Er erfährt am eigenen Leibe, was jetzt so viele spüren, worunter so viele leiden. Gott hat mich verlassen. Einsamkeit. Finsternis. Gottesfinsternis. Er spricht das aus. Und er macht daraus ein Gebet an seinen Gott und Vater. Er schreit die Verlassenheit heraus und hält zugleich fest an Gott. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  

Gerade dadurch hat er uns einen Weg gebahnt, dass wir in solch letzter Dunkelheit, nicht in die Lüge fallen, es sei nicht so schlimm… Aber auch nicht der Versuchung erliegen, den Glauben, das Vertrauen endgültig aufzugeben, sondern wie Jesus zu glauben, dass Gottes Macht, über dieses Leben, diese Geschichte und was darin an unvorstellbar Schrecklichem geschieht, hinausreicht.  

Und Jesu Vertrauen hat sich als berechtigt erwiesen. Gott hat ihn nicht im Tod gelassen. Und das Ende des Psalms 22, den Jesus am Kreuz betet: „Mein Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen“ wird wahr: „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen. Die ihr den Herrn fürchtet, preist ihn, ihr alle vom Stamm Jakobs, rühmt ihn; erschauert alle vor ihm, ihr Nachkommen Israels! Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut das Elend des Armen. Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm; er hat auf sein Schreien gehört. Deine Treue preise ich in großer Gemeinde; ich erfülle meine Gelübde vor denen, die Gott fürchten. Die Armen sollen essen und sich sättigen; den Herrn sollen preisen, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.“ 

Aufleben soll unser Herz für immer. Das ist Gottes Wille und sein Wirken. Das ruft uns zur Tat und zum Glauben. Nicht nur für uns selbst, auch für die vielen, die gelähmt sind und nicht glauben können. Das Leiden ist der Fels des Atheismus, aber welche Antwort hat denn der Atheismus auf die Frage nach dem Leid? Ist das Leid nicht der Fels, an dem auch der Atheismus scheitert? Oder sind wir uns einig darin, dass es gelindert werden muss? Wer aber heilt es und zwar endgültig und für immer? 

Warum? Warum Japan? Es gibt meiner Meinung nach keine theoretische Antwort, die hinreichen könnte. Es gibt eine praktische. Und eine des Glaubens. Wenn wir diesen Weg des Tuns und des Vertrauens beschreiten, dann wird er uns führen durch alle Schrecken und alle Dunkelheit hindurch.  

Dass Sie zum nächsten Schritt auf diesem Weg den Mut und die Kraft finden, wünsche ich Ihnen sehr.

15.03.2011 

Thomas Gertler SJ                 

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