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Mit Hilfe unserer leiblichen Sinne können wir GOTT in den Dingen finden, können wir erfahren, wie Er uns ruft und unsere Blindheit vertreibt. Er selbst weckt unser Verlangen nach Ihm. Das war die Erfahrung des heiligen Augustinus nach einem langen und schmerzlichen Suchen:


„Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir.

Die Dinge hielten mich fern von dir.

Und sie wären doch nicht, wären sie nicht in dir.

Du riefst, du schriest, und da durchbrachst du meine Taubheit.

Du strahltest auf, du leuchtetest und vertriebst meine Blindheit.

Duft ging von dir aus, ich zog den Hauch ein, und nun verlangte ich nach dir.

Ich habe gekostet, und nun hungere und dürste ich.

Du hast mich angerührt, und ich entbrannte nach deinem Frieden.“

Hl. Augustinus, Bischof im 4. Jh., aus den „Bekenntnissen“

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Vom Fasten der Sinne

Seit Tagen kann ich nichts riechen. Nach einer relativ glimpflich überstandenen Grippe weigert sich allein mein Geruch-Sinn noch, seine volle Funktion wieder aufzunehmen.  Deshalb kann ich meinen Kaffee nicht wirklich genießen, und ich vermisse vertraute Raum- oder Menschengerüche. Der vorübergehende Ausfall eines Sinnes, veranlasst mich, ein wenig über unsere Sinne nachzusinnen.

Bewusst etwas Schönes und Ausgewähltes kann ich meinen fünf Sinnen anbieten, etwa ein besonderes Parfüm, eine Kunstausstellung, einen erlesenen Wein, ein gutes Konzert oder einen kuschelweichen Angora-Pulli. Aber kaum dagegen wehren kann ich mich, dass ich ungefragt von morgens bis abends von tausendfachen wahllosen Sinnesreizen umgeben, ja überflutet  werde. Ständig zerrt etwas an meinen Sinnen, allem voran die Konsum- und Medienwelt.

Wofür will ich meine Sinne eigentlich hergeben? Was tut meinen Augen und Ohren wirklich gut? Und was ist ihnen einfach zu viel?

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT lese ich: „Der Durchschnittsdeutsche sieht jeden Tag mehrere Tausend Bilder: Auf Plakaten, Bildschirmen, Zeitungsseiten. Indem wir in diesem Dossier auf Bilder verzichten, wollen wir zeigen, dass es auch mit weniger geht.“ – Tatsächlich, da sind drei Zeitungsseiten, auf denen jeweils in der oberen Hälfte ein großes leeres Feld geblieben ist.  Der Bericht handelt vom Konsum- und Wachstumswahn der Deutschen mit dem Titel „Wie viel braucht der Mensch?“ Aber nicht nur wegen des Themas waren mir diese Zeitungsseiten aufgefallen, sondern vor allem wegen der leer gebliebenen Flächen.

Ob es Zufall ist, dass dieser Beitrag gerade in der Fastenzeit erscheint? Vielleicht war jemand von denen aus der Redaktion nach Aschermittwoch einmal in einer Kirche und hat ein zugehängtes Bild oder ein verhülltes Kreuz gesehen? Oder ein ausgespanntes Tuch vor einem Altarraum? Vielleicht konnten sich seine Augen kurz entspannen? Denn das kennzeichnet die Fastenzeit in den christlichen Kirchen, dass bildliche (Jesus-)Darstellungen mit einem so genannten Hungertuch verhängt und damit un-sicht-bar gemacht werden.

Das Brauchtum des „Fastentuches“ oder „Hungertuches“ kennen Christen seit der Zeit des Mittelalters. Meist sind die Tücher schlicht lilafarben, oft sind aber auch Motive bis hin zu hochwertigen Kunstwerken darauf zu sehen. Seit Jahrzehnten setzen viele Kirchengemeinden das bedruckte MISEREOR-Hungertuch zu Themen der sozialen Gerechtigkeit und des solidarischen Handelns ein.

Durch solch ein Fastentuch (manchmal auch mehrere kleine) wirkt ein Kirchenraum anders; die Schlichtheit kann die Besucher und Beter zu einer neuen Konzentration führen.  Mir kommt es oft so vor, als ob dann zum Beispiel meine Ohren sensibler werden für die Musik oder die Bibeltexte der Fastenzeit. Oder als ob ich die Menschen neben mir bewusster wahrnehme, weil ich weniger abgelenkt bin. Ja, und kann es sein, dass ich mich selbst bewusster wahrnehme, weil ich mehr bei mir bin?

Auch auf den Blumenschmuck wird im Kirchenraum sieben Wochen lang verzichtet. Das Karge und Leere steigert sich am Karfreitag und Karsamstag, wenn Glocken und Orgel verstummen und in den katholischen Kirchen der Tabernakel „unbewohnt“ und aufgesperrt dasteht. Alle Tischdecken und Kerzenleuchter sind weggenommen. Für mich ist das jedes Mal wie ein Fasten, ja Hungern der Sinne. Aushalten der Leere. Warten. „Gott entzieht sich, um an sich zu ziehen“, hat einmal ein geistlicher Begleiter zu mir gesagt.

Nachdem meine Sinne sieben Wochen lang „gefastet“ haben, werden sie, so hoffe ich, an Ostern neu sensibilisiert sein! Und zwar nicht nur für die strahlenden Blumen und Kerzen und die wieder sichtbaren Bilder, sondern irgendwie tiefer, so als wolle der Schöpfer selbst sich durch die Dinge hindurch der Welt neu zeigen. Darauf freue mich jetzt schon, mitten in der Fastenzeit. Neu zu sehen, nicht nur mit meinen äußeren Augen, sondern von innen her.

Aber noch dauert die Fastenzeit an, wir nennen sie auch die österliche Bußzeit oder die Zeit der Umkehr. Wer will, kann also noch dreieinhalb Wochen lang ausprobieren, „dass es auch mit weniger geht“. Manchmal ist weniger sogar mehr. Mehr Freiheit und mehr Sinn.

Das wünscht Ihnen mit herzlichen Grüßen
Marlies Fricke

06. März 2013

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