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Es gibt einen schönen Text in der Bibel für die Geduld mit der Unordnung in unserem Leben.

Das ist das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Dazu muss man wissen, dass der sogenannte Taumel-Lolch am Anfang der Entwicklung tatsächlich nicht vom Weizen zu unterscheiden ist. Hätten Sie auch die Geduld Jesu oder sind Sie mehr fürs Ausreißen?

© Foto: Bluemoose

Mt 13,24 - 30

13, 24 Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. 26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? 28 Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? 29 Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. 30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.

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© Foto: G. Nissen


Verteidigung des Chaos'

Mein Schreibtisch sieht wieder aus… Chaos. Das ist schon lange so. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, ja sogar meditiert. Wieso richte ich mir meinen Schreibtisch so her, dass sich darauf alles stapelt?

Es gibt auch ein paar Antworten. Ein ganz leerer Schreibtisch mit nur einem weißen Blatt Papier und einem Bleistift ist für mich ein Schrecken. Wie soll mir bei dieser absoluten Leere etwas einfallen? Man kann das auch den horror vacui nennen, die Angst vor dem leeren Raum, vor dem Vakuum. Erst aus dem Chaos wächst bei mir etwas. Die Leere will gefüllt werden. Ja, sie scheint sich bei mir von selbst zu füllen. Selbst wenn ich in einem Hotel zu Gast bin, wo alles wohl geordnet ist und sich kein Stäubchen auf dem Schreibtisch findet. Binnen kurzem habe ich es wieder geschafft und es herrscht fröhliche Fülle und Unordnung.

Eine andere Antwort ist: Ich will immer alles griffbereit und möglichst nahe haben, weil ich bequem bin. Freilich suche ich trotzdem oder gerade deshalb häufiger sehr lange unter all den Stapeln: Ich wusste doch, das muss hier liegen…

Noch eine andere Antwort: Ich lasse Dinge gern offen, bringe sie nicht ganz zu Ende. Manche räumen jeden Abend ihren Schreibtisch auf oder erledigen alles. Beneidenswert. Ich gehe aber am Ende des Tages oft weg und lasse es einfach liegen. Allerdings bin ich froh, wenn ich etwas zu Ende bringe und abschließen kann. Denn dann liegen die Sachen nicht mehr rum und belasten mich. Sonst ziehe ich sie immer weiter hinter mir her oder schiebe sie vor mir her. Ein mühsames Geschäft. Die ständige Schleifspur.

Und noch ein Grund: oft weiß ich nicht wohin mit den Papieren. In welchen Ordner soll ich das tun? Soll ich dafür einen eigenen Ordner einrichten? Was ist denn ein universales Ordnungssystem? Gibt es das? Und dann lege ich es einfach auf den Stapel.

Eine weitere Ursache: Etwas wegzuschmeißen fällt mir schwer. Ein Buch, eine Zeitschrift, ein Zeitungsartikel, ein Bild sind ja so wertvolle Dinge. Und irgendwann wirst du sie ja noch (einmal) lesen und anschauen. Unmöglich sie wegzuwerfen. Und so stapeln sie sich über Jahre. Sie werden kaum wieder wirklich angeschaut. Höchstens wenn ich aufräumen will, vertiefe ich mich wieder in das und jenes. Wieder nix mit dem Papierkorb. Heute belohne ich mich, wenn ich etwas in das Altpapier werfe und lobe mich: Wieder etwas Freiheit und Erleichterung gewonnen.

Reichen diese Antworten? In meinem Nachdenken und Meditieren bin ich noch auf anderes gekommen, was sich mit dem ersten Punkt der Angst vor der kahlen Schreibtischplatte berührt. Die genaue Ordnung hat für mich so etwas Zwanghaftes, so etwas Unfreies, ja Nötigendes an sich. So empfinden es ja viele Ordnungsfanatiker selbst. Sie können gar nicht anders als aufräumen, wenn sie Unordnung sehen. Vor diesem Zwingenden habe ich auch eine Scheu, ja, eine Art Abscheu. Es gibt Ordnungen, die dich einfach einordnen, in denen du nur ein Rädchen im Getriebe bist, nur ein Baustein in dem großen Gebäude oder nur ein Fähnchen bei der Demonstration der Massen. Es gibt Ordnungen, die Menschenopfer fordern. Das ist freilich extrem. Und es ist natürlich keinesfalls eine Entschuldigung oder Erklärung für meinen Schreibtisch. Aber es ist so eine Angst und so ein eine entfernter Horror vor der Ordnung, die Leben beschneidet. Sie spielt auch mit.

Ja, ich will noch ein bisschen tiefer bohren. Diese Ordnung, die alles in ihren Griff bringt, hat auch ihren Reiz für mich. Nicht so sehr beim Schreibtisch, sondern mehr in der Welt des Geistes. In meiner Jugend war ich davon fasziniert. Ein Denksystem, das für alles eine Lösung gibt, das alle Antworten kennt. Das geschlossene System. Das große Denkspiel. Die umfassende Welterklärung. Das war einmal der Marxismus für mich. Er hatte auf alles eine Antwort. Und das hat mich sehr angezogen. Freilich habe ich gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Gerade die Geschlossenheit verrät das. Sie macht das Geistesgebäude nämlich am Ende erstens langweilig und zweitens lernunfähig und steril. Wer auf alles die Antwort weiß, kann nichts mehr lernen.

Ich breche hier ab.

Jede/r kann nun einmal selbst nachdenken, ob er oder sie mehr ein ordentlicher oder ein chaotischer Mensch ist. Ich gehöre mehr zu den unordentlichen und muss immer dagegen kämpfen, dass mich das Chaos nicht verschlingt. Die Zwanghaften müssen dagegen kämpfen, dass Sie dem Zwang nicht erliegen und nicht der Gefahr, andere zu zwingen.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

22. Januar 2014

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