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Im fünften Kapitel des Galaterbriefes stellt Paulus „Fleisch“ und „Geist“ gegenüber. Fleisch ist für Paulus das, was ich mit unserer Versuchbarkeit und Erlösungsbedürftigkeit beschrieben habe. Das ist die eine Seite unserer menschlichen Wirklichkeit. Durch den Geist Jesu aber haben wir eine neue Weise des Lebens kennen gelernt, die uns Freiheit und Freude und Leben in Fülle schenkt. Ihm sollen wir folgen.

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Gal 5,13 - 25

5,13 Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder [und Schwestern]. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! 14 Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!16 Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. 17 Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, sodass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt. 19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, 20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, 21 Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und Ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. 22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, 23Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht. 24 Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. 25Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen.

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Versuch-Bar

Die Woche war wieder richtig anstrengend. Aber jetzt ist erstmal Feierabend. Ja, Feierabend. Ich schmeiße die Aktentasche in die Ecke, mach das Radio an. Da kommt der uralte Song „Downtown“ und weckt in mir die Sehnsucht. Ja, mal wieder in die Stadt gehen. Leben spüren. Glücklich sein. Froh sein mit lauter fröhlichen Menschen. Abfeiern. Feier-Abend! Alle diese Sehnsucht weckt der alte Song in mir.

Und ich ziehe mich um und ziehe los. Vorher schon mal ein bisschen „vorglühen“, wie man das heute so nennt, also einen Schluck aus der Flasche, denn es ist ja „Downtown“ sonst so teuer. Aber bevor ich in die Party-Höhle gehe, kehre ich noch die Versuch-Bar ein. Die haben wirklich einen guten Whisky und auch tolle Cocktails. Ich bin ja eher schüchtern und da hilft es schon für den Mut.

Ja, und so geht es dann weiter. Sie kennen das vielleicht auch in der einen oder anderen Weise … Am nächsten Vormittag jedenfalls wache ich auf mit einem Kater. Nicht nur der Kopf brummt, auch die Seele hat einen Kater. Der gestrige Abend hat mir nicht gut getan. Ich fühle mich ganz schlecht. Es ist mir peinlich. Dass mir so was in meinem Alter noch passiert! Das kann man keinem sagen. Ich verachte mich selbst. Es zieht mich runter. Und da kommt dann schon wieder die Versuchung. „Man soll mit dem anfangen, mit dem man aufgehört hat.“ Wenn ich jetzt noch einen Schluck aus der Flasche nehme, dann geht der doppelte Kater wieder weg…

Aber das weiß ich auch. Er wird dann später noch schlimmer und es wird noch furchtbarer, mir selbst ins Gesicht zu sehen. Noch schwerer, wieder weiter zu gehen und ins Normale zurück zu kehren. Dann gibt es so eine Schraube nach unten. Und dann sage ich mir: Ach, jetzt kommt‘s auch nicht mehr drauf an. „Halb besoffen ist raus geschmissenes Geld!“ Wenn ich dem folge, dann kann es lange dauern, ehe es wieder gut wird.

Hier breche ich mal ab mit diesem Besuch in der „Versuch-Bar“, die wir alle kennen. Denn wir alle sind versuchbar. Wenn auch nicht alle auf die gleiche Weise. Die Besuche in der Versuch-Bar bleiben heute oft ganz und gar auf der digitalen Ebene, finden nur virtuell statt. Und die Cocktails sind vielleicht aus Pillen gemixt. Ich bleibe heute zum Beispiel sitzen vor meinem Computer und spiele Spiele. Aber die Folgen können genauso real sein: eine um die Ohren geschlagene Nacht. Katerstimmung. Noch viel schlimmere Vereinsamung. Peinlichkeit. Selbstverachtung. Ja Hass auf sich selbst. Spirale nach unten. Und abends wieder. Ach nur ein einziges Spiel. Das ist doch nicht schlimm. Aber dann wird es wieder zwei Uhr. Versuchbar bin ich.

Was tun? Wie frei werden? Wie raus kommen aus der Versuch-Bar?

Als erstes darauf schauen. Ehrlich wahrnehmen, was es mit mir macht. Denn der Effekt der falschen Befriedigung meiner Sehnsucht ist immer gleich: Er führt mich nicht in die Freude, sondern in die Traurigkeit. Er hebt nicht die Stimmung, sondern senkt sie. Er führt nicht ins Leben, sondern ins Aus, ins Nichts, in die Öde. Er führt nicht in die Gemeinschaft, sondern in die Einsamkeit. Denn ich kann nicht wirklich zu dem stehen, was ich getan habe und was geschehen ist. Es ist unsäglich und unsagbar. Er lässt mein Selbstbewusstsein sinken bis in die Selbstverachtung und in den Selbsthass.

Als nächstes: nicht weiter hineingehen. Nicht sagen: jetzt ist es auch schon egal. Nein, keinesfalls. Nicht der Abwärtsspirale folgen!!! Sondern aufstehen, umdrehen und rausgehen aus der Versuch-Bar! Sobald Sie den ersten Schritt raus tun, wächst auch wieder die Hoffnung, wächst die Kraft und die Fähigkeit, auch den nächsten Schritt raus zu tun.

Und als Drittes: ja, ruhig noch einmal auf den Song hören, der in mir die Sehnsucht weckt. Die Sehnsucht soll ich hören. Nach Leben, nach Liebe, nach Freude, nach Glück. Aber nicht dort suchen, wo nur das Gegenteil zu finden ist, sondern wo sie wahrhaft zu finden sind. Nicht in die Versuch-Bar gehen, sondern dorthin, wo ich zum letzten Mal das alles erlebt und erfahren habe: Glück und Leben und Liebe und Freude. Dorthin soll ich gehen und mich auf den Weg machen. Denn nicht diese Sehnsucht ist falsch, sondern die Weise, sie zu erfüllen.

Liebe Leserinnen und Leser, irgendwann werde ich mal wieder mit Ihnen die Versuch-Bar besuchen. Sie ist ja auch wirklich verlockend und hübsch gebastelt. Das Thema Versuchung ist mit diesem Mal noch nicht erschöpft.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

28.Januar 2015

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