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Zachäus ist klein und wird von den Leuten auch gern übersehen, weil er als jemand, der die Zollstationen von den Römern gepachtet hat, wo man um sein Geld erleichtert wurde, im wahrsten Sinne kein Ansehen genoss. Er klettert auf den Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, aber nicht unbedingt um gesehen zu werden. Er meint eher, niemand sähe ihn. Jesus aber sieht ihn, spricht ihn sogar mit seinem Namen an und lädt sich bei ihm ein. Darauf ist Zachäus umgekehrt.

© Foto: Ian W. Scott

Lk 19,1-10

19,1 Dann kam er [Jesus] nach Jericho und ging durch die Stadt.
2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. 3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. 4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. 6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. 7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. 9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

 

 

 

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© Foto: Wikimedia Commons


Umgekehrt

Warten auf den Besuch, der ewig nicht kommt. Schnell türmen sich da Gedanken auf wie die folgenden: Ich fühle mich allein gelassen. Keiner liebt mich. Keiner besucht mich. Keiner kommt zu mir. Furchtbar. Und so fühle ich, auch Gott hat mich verlassen.

So ging es mir jetzt neulich. Wir hatten einen Kurs. Es gab Einzelgespräche, aber auch jeden Tag ein gemeinsames Bibelgespräch.

Ich warte auf Paul, meinen Gesprächspartner für das erste Gespräch heute. Er kommt nicht, dabei habe ich ihn grad noch gesehen. Ich habe ihn auf dem Weg zum Gesprächsraum überholt. Und jetzt warte ich. Fünf Minuten. Die sind immer OK. Jetzt schon acht. Leeres unbestimmtes Warten ist immer blöd. Was mach ich denn? Ich gehe los, klopfe an seinem Zimmer, schaue ins Lesezimmer – auch da nicht. Kapelle? Ganz leer. Komisch. Und da kommt das Gefühl: Allein gelassen, keiner liebt mich, keiner sucht mich, keiner kommt zu mir. Furchtbar. Auch Gott hat mich verlassen. Ein bisschen übertrieben, aber doch, das stellt sich ganz schnell als Gedanke ein.

Und jetzt sind schon fast 20 min rum. Und da ist klar. Er kommt nicht mehr. Und der nächste Gesprächspartner, der nach 30 min vorgesehen war, kommt auch nicht. Da stimmt doch was nicht! Nun schaue ich auf unseren Tagesplan und habe eine Erscheinung. Wirklich und wahrhaftig eine Erscheinung. Eine Alterserscheinung. Ich habe das gemeinsame Schriftgespräch verpasst. Die Einzelgespräche waren gar nicht jetzt, sondern jetzt war der Austausch dran. Es war also genau umgekehrt: Alle haben auf mich gewartet. Im Kreis gesessen und sich gefragt: Wo bleibt er denn, wo ist er denn? Und Paul hatte den Leuten gesagt: eben habe ich ihn noch gesehen. Er war auf dem Weg gewesen. Wo ist er nur?

Es war genau umgekehrt, wie ich gedacht hatte. Nicht ich war verlassen und sitzen gelassen worden. Ich hatte die anderen sitzen und warten lassen.

Es gibt ein schönes Gedicht von Christian Morgenstern, das so heißt „Umgekehrt“ oder „Andersherum“ oder „Im Gegenteil“. Es heißt „Vice Versa“ und das bedeutet alles drei.

Vice versa
Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-à-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.

Dieses Gedicht kam mir sofort in den Sinn und hat mich getröstet, ja über diese peinliche Alterserscheinung lachen lassen. Übrigens ist mit „in Besitze eines Zeißes“ das schon damals bekannte und beliebte Fernglas der Firma Zeiß gemeint, heute Zeiss geschrieben.

Auch bei anderen Gelegenheiten, wo es mir so geht als sei ich ein alleingelassenes armes Häschen, darf ich mir dieses Gedicht ins Gedächtnis rufen. Denn das ist auf jeden Fall richtig: Auch wenn ich es so fühle, als sei ich total verlassen, im Glauben weiß ich, dass Gott immer da ist, auch wenn ich ihn nicht spüre. Und er schaut nicht nur von Ferne mild und stumm. Nach christlichem Glauben ist er da und nah.

Das Gedicht hilft mir herauszufinden aus der Opferrolle und umgekehrt zu denken. Und das ist Umkehr. Das griechische Wort „metanoia“, das wir mit Umkehr oder Bekehrung übersetzen heißt genau übersetzt: Umdenken.

Ja, Ihr Gefühl trügt nicht. Sie haben das Gedicht schon einmal bei mir gelesen. Ich habe es halt sehr gern. Und Wiederholung ist die Mutter allen Lernens (repetitio est mater studiorum).

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler

20. November 2013

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