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Wenn der Mann aus Samarien nicht von Mitleid berührt gewesen wäre, hätte er wohl den halb tot Geschlagenen am Wegrand nicht berührt. Jesus stellt seinen Zuhörern einen drastischen Fall von Nächsten-Verweigerung und von Nächsten-Liebe vor Augen:

© Foto: Frank Vincentz - CC BY-SA 3.0

Lukas 10,25-37

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.

Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Hier finden Sie das Bild von Ferdinand Hodler, das jetzt in der Paderborner Ausstellung hängt.

Seitwert
© Foto: Marlies Fricke


« Ubi caritas et amor »

Der kleine Eisbär im Naturkundemuseum zieht die Kinder besonders an. Fröhlich steuern sie darauf zu, doch dann ist ihre Freude abrupt gedämpft: „Bitte nicht berühren“, steht davor. - „Würden Sie bitte Abstand halten“, mahnt eine Aufsichtsperson in der Paderborner Ausstellung CARITAS, wenn jemand sich zu sehr an eine Vitrine lehnt – zu Recht, denn wer möchte schon die Alarmanlage auslösen? Und dennoch passt es nicht zur „Caritas“, Abstand zu halten. Die Ausstellung selbst bezeugt freilich das Gegenteil: wie mit der Geschichte des Christentums von Anfang an die Nähe zum Bedürftigen sich kultiviert und organisiert hat.

Christsein ohne Nähe und ohne Nächsten geht eben nicht. Jesus hat es vorgelebt und auf die Spitze - oder in die Niederung - getrieben, als er seinen Jüngern die Füße wusch: „Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Johannes-Evang. 13,15). Wir sollen also nach Jesu Vorbild aneinander handeln. Dabei kann - ganz menschlich - körperliche Berührung und Nähe angenehm oder peinlich, erwünscht oder zuwider und entwürdigend sein. Wie viel Leid wird unter Menschen zugefügt, weil körperliche Grenzen nicht eingehalten werden!

Dennoch ist das Berühren und Berührtwerden ein Urbedürfnis des Menschen von seinem ersten bis zum letzten Atemzug. Ich erinnere mich an jene Nacht nach der Operation, als ich im Halbschlaf mehrmals die Nachtschwester wahrnahm, wie sie ganz leise nach mir sah und ein wenig die Zudecke richtete. Es war einfach wohltuend, wie jemand so verlässlich nach mir sieht. - Gott ist der, der unablässig nach dem Menschen sieht, wie er nach der verzweifelten Hagar gesehen hat (Gen 16,13); Gott rührt gerade diejenigen an, die sich wie Elija am Ende fühlen (1 Kön 19,5).

Nirgends berührt Gott uns realer und tiefer als im Sakrament der Eucharistie. Nirgends berühren wir Gott leibhaftiger als beim Empfang und Verzehr des „Leibes Christi“. Dann gibt Er sich uns in die Hand. Dann lassen wir uns Gottes Liebe buchstäblich auf der Zunge zergehen. Mehr Nähe und Berührung geht nicht, weil wir Ihn uns einverleiben und einverseelen dürfen. Geheimnis des Glaubens! Bei den Sakramenten der Taufe, Firmung, Priesterweihe und Krankensalbung berührt der Priester oder der Bischof die Haut des Gläubigen an einer kleinen Stelle mit Öl, bei der Trauung umwickelt der assistierende Diakon oder Priester mit seiner Stola die vereinten Hände des Brautpaares. Beim Sakrament der Versöhnung ist es Gottes Zusage, die berührt: „So spreche ich dich los von deinen Sünden“, verbunden mit dem Kreuzzeichen, manchmal auch mit einer Handauflegung des Priesters. Vor allem bei der Beichte wird deutlich, wie Berührung auch über die Sinne, hier das Hören, geschieht.

Wie „berührend“ war für Viele das Beten des Navid Kermani in der Paulskirche, dieses fast intime Bild, das tagelang durch die Presse ging! Manche waren darüber auch empört, fühlten sich überrumpelt und vereinnahmt. Wie viel Trauer, Angst und Ratlosigkeit „rührt“ sich in diesen Tagen in den Herzen der Franzosen und der Europäer ob der Terroranschläge von Paris! - Berührtsein kann sehr schmerzhaft, tränenreich und lähmend sein, im öffentlichen wie im persönlichen Leben.

Wer den persönlichen Tagesrückblick, das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, übt, darf jeden Abend sein inneres „Fühlbuch“ aufschlagen und ehrlich wie ein kleines Kind die unterschiedlichen Seiten und Bilder darin „betasten“. Immer, im rauen und im glatten Alltag, immer will sich darin GOTT ertasten lassen: Wo und wie hat ER mich heute berührt durch Menschen und Ereignisse? Wo und wie habe ICH heute Gott berührt? - In allem will Gott Begegnung feiern (Delp) und letztlich unser Leben vertiefen.

Ubi caritas et amor, Deus ibi est.
Wo Güte und Liebe wohnen, dort ist Gott.

Mit frohen Grüßen aus Paderborn
Marlies Fricke (GCL)

18. November 2015

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