Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheTotal vergessen
DeutschEnglishFrancais

Der Wochenimpuls als Newsletter. Jeden Mittwoch. Pünktlich. Kostenlos. In Ihr Email-Postfach. Gleich HIER abonnieren!

Die jüdische und die christliche Kultur ist eine Kultur der Erinnerung. Ein alter jüdischer Spruch lautet: „Vergessen führt in die Verbannung. Das Geheimnis der Erlösung liegt in der Erinnerung.“ Nämlich in der Erinnerung, was Gott Großes an uns getan hat (Ps 103,2). Darum tragen gläubige Juden bis heute Erinnerungszettel mit dem wichtigsten Text des Glaubens mit sich. Jesus trägt uns auf: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11,24) Lesen wir den Text im Buch Deuteronomium Kapitel 6. Als Israel vergessen hatte, wem es alles verdankt, musste es in die Verbannung.

© Alexei Ivanov - Fotolia.com

Dtn 6,1 Und das ist das Gebot, das sind die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch im Auftrag des Herrn, eures Gottes, lehren soll und die ihr halten sollt in dem Land, in das ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen.

2 Wenn du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, indem du auf alle seine Gesetze und Gebote, auf die ich dich verpflichte, dein ganzes Leben lang achtest, du, dein Sohn und dein Enkel, wirst du lange leben.

3 Deshalb, Israel, sollst du hören und darauf achten, (alles, was der Herr, unser Gott, mir gesagt hat,) zu halten, damit es dir gut geht und ihr so unermesslich zahlreich werdet, wie es der Herr, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat, in dem Land, wo Milch und Honig fließen.

4 Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.

5 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.

6 Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.

7 Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.

8 Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden.

9 Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.

10 Und wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land führt, von dem du weißt: er hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es dir zu geben - große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast,

11 mit Gütern gefüllte Häuser, die du nicht gefüllt hast, in den Felsen gehauene Zisternen, die du nicht gehauen hast, Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast -, wenn du dann isst und satt wirst:

12 nimm dich in Acht, dass du nicht den Herrn vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat.

Seitwert Free counter and web stats
© DOC RABE Media - Fotolia.com


Total vergessen

Heute rufe ich aber wirklich beim Zahnarzt an und mache endlich einen Termin. Seit einem Jahr war ich nicht. Es wird höchste Zeit zum Nachsehen. Als ich dann abends um halb Zwölf das Licht ausgemacht habe und der Tag noch mal an mir vorüberzieht, das fällt mir wieder der Zahnarzt ein. Jetzt ist es aber – zum Glück – zu spät. Morgen ein neuer Versuch.

Total vergessen den Termin des Treffens – wie peinlich! Passiert ja selten. Aber passiert. Und nun ausgerechnet dieses Treffen, das mir eigentlich lästig und zu viel war und sich noch zwischen zwei andere gedrängt hatte. Heimlich lache ich. Ich bin sogar froh, dass ich es verpasst habe. Ich werde mich entschuldigen, na klar.

Es gibt eine liebe alte Dame in meinem Bekanntenkreis, mit der ich manchmal telefoniere, weil sie ganz allein ist und gar nicht mehr ausgehen kann und sich freut, wenn sich Thomas mal wieder meldet. Aber er meldet sich selten. Sehr selten. Und wenn ich dran denke, dann ist grad kein Telefon da oder grad keine Zeit. Und dann ist es schon wieder vergessen! Schlimm! Und sie wäre so froh. Wirklich schlimm.

Haben Sie auch solche Gedächtnisprobleme? Das sind ja so ganz spezielle und bei ihnen kündigt sich noch nicht Alzheimer an, sondern diese Art von Vergessen gibt es auch schon in jungen Jahren. Unangenehmes und Lästiges vergesse ich gern. Psychologen sagen dazu Verdrängung. Das trifft sicher für den Zahnarzt zu. Und auch für das Treffen. Aber die liebe alte Dame? Rätselhaft.

Früher bin ich noch viel häufiger unangenehmen Dingen aus dem Weg gegangen. Habe sie vergessen und übersehen. Habe gehofft, das Problem verschwindet von allein. Von Helmut Kohl hat man ja gesagt, dass er so ein Meister des Aussitzens gewesen wäre. Ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Probleme durch Hinausschieben nicht verschwinden, sondern gewöhnlich größer werden. Es gibt Leute, die machen dann einfach Post nicht mehr auf, weil sie nicht lesen wollen, was drin steht oder weil sie keine weitere Rechnung mehr ertragen können. Und dann kann es richtig gefährlich werden.

Heute habe ich im Radio gehört, dass die Finanzprobleme Griechenlands und Europas auch erst so entstanden wären, durch jahrelanges intensives Wegschauen, Ignorieren, Verschieben, Nicht wahr haben Wollen, Nichts ändern Wollen, keine Konsequenzen tragen Wollen. Bis zum geht nicht mehr. Und bei anderen können wir es leicht erkennen und stöhnen darüber. Bei uns selbst ist es schwer. Sehr schwer.

Wie ist es bei mir besser geworden? Eines der Hauptmotive für ein regelmäßiges Gebetsleben war für mich als junger Erwachsener, dass ich mir nichts mehr vormachen wollte. Ich wollte „in der Wahrheit leben“, wie es Václav Havel so schön gesagt hat. Ich wollte mich in das Licht Gottes stellen mit allem, was ich bin und zu mir gehört. Ich wollte so wahrhaftig sein, wie ich nur konnte. Klar wie ein Kristall, war mein Ideal. Ich bin daran gescheitert, aber ich habe doch daran festgehalten. Wahrheit macht uns frei (Joh 8,32).

Die Zeit des Gebetes lässt so Vergessenes und Verdrängtes aufsteigen. Das kann manchmal schmerzlich sein. Es ist wichtig, diesen Schmerz zuzulassen. Noch wichtiger für mich ist, dass ich im Gebet die Kraft gewinne, mich dann dem Unangenehmen und Schwierigen zu stellen. Ihm ins Auge zu blicken und es anzugehen. Also morgen rufe ich an. Sowohl beim Zahnarzt wie bei der lieben alten Dame.

Wirklich!

20. Juni 2012

Viele Grüße
Thomas Gertler SJ     

Werden Sie Fan von update-seele bei facebook - Diskutieren Sie und tauschen Sie sich aus!