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Im zweiten Brief an seinen Schüler Timotheus mahnt Paulus, die Gnade Gottes zu erneuern, also sich selbst wieder schärfen zu lassen zum Werk. Nicht, dass er stumpf geworden ist, ist das Problem, sondern die Bereitschaft, die ursprüngliche Gnade, die alte Klarheit und Schärfe wieder zu erlangen. Oder wie Jesus einmal sagt: „Weil du lau bist, weder heiß noch kalt, speie ich dich aus…“ (Offb 3,16).

© Foto: Warburg - CC BY-SA 3.0

2 Tim 1,3 - 14

1,3 Ich danke Gott, dem ich wie schon meine Vorfahren mit reinem Gewissen diene - ich danke ihm bei Tag und Nacht in meinen Gebeten, in denen ich unablässig an dich denke. 4 Wenn ich mich an deine Tränen erinnere, habe ich Sehnsucht, dich zu sehen, um mich wieder von Herzen freuen zu können; 5denn ich denke an deinen aufrichtigen Glauben, der schon in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunike lebendig war und der nun, wie ich weiß, auch in dir lebt. 6 Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist. 7 Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. 8 Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen; schäme dich auch meiner nicht, der ich seinetwegen im Gefängnis bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft: 9 Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; 10 jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium, 11 als dessen Verkünder, Apostel und Lehrer ich eingesetzt bin. 12 Darum muss ich auch dies alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren. 13 Halte dich an die gesunde Lehre, die du von mir gehört hast; nimm sie dir zum Vorbild und bleibe beim Glauben und bei der Liebe, die uns in Christus Jesus geschenkt ist. 14 Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt.

Seitwert



Stumpf geworden

Es reicht. Es ist genug. Es geht nichts mehr. Es war zu viel an Arbeit, an Belastung, an Beanspruchung. Die Folge: ich bin nicht mehr aufmerksam. Ich kann nicht mehr zuhören. Ich mache viele Fehler. Es geht nur noch routinemäßig. Ich bin müde und abgestumpft. Kennen Sie das auch?

Martin Schleske, der Geigenbauer aus Landsberg am Lech, hat ein weiteres Buch geschrieben. Es heißt: „Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens“. Wieder wird ihm darin sein Beruf, wird ihm sein Handwerk zum Bild für das Spirituelle. Und er beginnt sein neues Buch mit Folgendem: Er merkt beim Arbeiten, sein Abstech-Eisen ist stumpf geworden, aber er sagt sich: „Ach, es geht schon noch…“ Und dann erschrickt er, denn er merkt an seinem „Es geht schon noch…“, dass er selbst stumpf geworden ist, keine Lust, keine Kraft, keinen Eifer mehr besitzt, sein Werkzeug zu schleifen und zu schärfen. Das darf nicht sein! Nein, da muss man sich doch aufrappeln und es wieder schärfen.

Auch das kostet Kraft und Zeit und unterbricht die andere Arbeit, die getan werden muss. Und wenn ich selbst abgestumpft bin, dann ist die Gefahr, dass ich eben nicht mehr die Kraft aufbringe zum Schleifen und wieder Anschärfen und so weiterarbeite, auch wenn es mühsam ist und womöglich sogar dem Holz schadet und damit dem späteren Instrument. Wenn ich lange nicht mehr schärfe, dann wird mein Abstech-Eisen sogar schartig und dann schädige ich das Holz und das Eisen immer mehr.

Dieses Abstumpfen merke ich bei mir selbst. Energie lässt nach. Ich sitze nur rum. Oder ich renne sinnlos durch die Gegend ohne klaren Weg und ohne klares Ziel. Ich vertrödle Zeit mit überflüssigen Sachen. Zum Beispiel lese ich Zeitung. Und nach einer Stunde weiß ich nicht, was ich da eigentlich gelesen habe. Weil ich gar nicht mehr aufnehme. Weil nichts mehr an mich ran kommt. Alles Zeichen des Abstumpfens. Und es kann dann noch schlimmer werden, wie es das Bild von der Scharte in der Schneide sagt. Jeder Schnitt, jeder Stich mit dem Eisen trägt diese Scharte mit ins Holz, reißt ein in das Holz. Bei mir kann es eben außer dem Abstumpfen noch dieses Bitterwerden geben oder den Zynismus oder die Ironie. Das sind solche Scharten. Alles wird dann davon geprägt. Es ist so eine Atmosphäre, die alles mit bestimmt. Keine Heiterkeit und keine Freude mehr. Nichts Aufbauendes, sondern etwas Zerstörerisches.

Ein schartiges Werkzeug wieder schön scharf zu bekommen, das ist dann noch mehr Arbeit und braucht langes Schleifen und Abziehen. Und wenn mich einmal diese Unlust gepackt hat und diese Müdigkeit immer stärker geworden ist, wenn sich diese Scharten bemerkbar machen, dann kann es immer schwerer werden, sich aufzuraffen und tatsächlich mit Liebe und Sorgfalt, mit Geduld und Abziehstein an die Sache zu gehen. Aber um so wichtiger ist es.

Denn nicht das Stumpfwerden ist eigentlich das Problem. Das ist eine unumgängliche Folge des Tätigseins. Nein, stumpf zu werden ist geradezu Zeichen der Aktivität. Ein Werkzeug, das nie stumpf wird, gibt es nicht außer, es wird nie benutzt. Wenn es aber gebraucht wird, dann wird es auch stumpf. Also ist auch unser geistliches Stumpfwerden ein Zeichen, dass ich gebraucht werde und dass ich tätig bin. Nein, nicht das Stumpfwerden ist das Problem, sondern die Weigerung, sich wieder schärfen zu lassen. Darum ist der Schreck über das eigene Wort bei Schleske: „Es reicht schon noch…“, ein Schrecken zur Heilung. Ein Schrecken, der motiviert, wieder die Mühe des Schleifens auf sich zu nehmen.

Und das ist im geistlichen Leben die Bereitschaft, wieder in die Stille zu gehen und wieder zu hören. Gerade nicht selbst wieder tätig zu sein, sondern Gottes Schleifstein, seine Liebe und Geduld an mir wirksam werden zu lassen. So lange, bis ich wieder Kraft und Freude finde und den Wunsch, aktiv zu werden. Oder wie es Bert Brecht in einem Vierzeiler gesagt hat:

Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.

Nur sage ich meinem alten Widersacher Bert Brecht: Zum Glück verkehre ich nicht mit dem Nichts, sondern mit Gott, dessen Schweigen und dessen Ruhe und Frieden mich leer werden und so wieder erkennen lassen, was ich soll.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

08. Juni 2016

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