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Auch beim Apostel Paulus gibt es die doppelte Erfahrung von Einheit und Ganzheit und von Spannung und Spaltung im Leib des Menschen. Diese Erfahrung wendet er an auf die Kirche, die auch ein Leib ist, nämlich der Leib Christi. Hören wir, was er uns sagt.

© Foto: W. Simonis

1 Kor 12,12-27

12,12 Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus.
13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.
14 Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern.
15 Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib.
16 Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib.
17 Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?
18 Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach.
19 Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib?
20 So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib.
21 Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.
22 Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.
23 Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand,
24 während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ,
25 damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen.
26 Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.
27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

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© Foto: Thomas Gertler


Sehnsucht nach Ganzheit

Schon vom alten Plato gibt es die Geschichte, dass der Mensch ursprünglich vier Arme und Beine hatte und kugelrund war. Aber weil der Mensch auf diese Weise so komplett und stark, schnell und hell war, wurde er übermütig und griff die Götter an. Zeus beschloss daher, dass sie in zwei Hälften geteilt werden sollten. Und so geschah es. Sie wurden gespalten und die Haut über dem Bauch zusammengezogen und am Nabel zusammengeknotet, wie jeder bei sich selbst überprüfen kann. Seither sucht die eine Hälfte die andere und versucht die ursprüngliche Ganzheit wieder zu erlangen.

In humorvoller und etwas anderer Weise versucht mein Bild diesen Mythos darzustellen. Die Bildidee stammt von dem Maler und Grafiker Albert Schäfer-Ast. Bei ihm heißt die Radierung „Sehnsucht nach Vollkommenheit“ und ist in einem alten Inselbändchen namens „Fabuleux“ zu finden. Ich nenne meine freie Kopie „Sehnsucht nach Ganzheit“.

Spätestens in der Pubertät spüren wir, dass wir nicht ganz ganz sind. Es ist nicht nur die Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht, nach den geheimnisvollen und reizvollen Mädchen oder nach den rätselhaften und so süßen Jungs, die da erwacht und uns umtreibt. Sie ist ja in der platonischen Geschichte angesprochen. Nein, da merken wir auch noch so andere Risse in uns. Da will der Bauch nicht so wie der Kopf. Da jagt das Vorteil nach dem Hinterteil wie auf dem Bild. Oder da teilen sich Oberteil und Unterteil in zwei Zonen. Da nehme ich mir im Geiste mehr vor, als ich mit dem Körper schaffen kann. Überall spüre ich Spannung und Spaltung in mir. Erinnern Sie sich? Und woran wurde es Ihnen bewusst?

Und es ist nicht nur die Spannung und Spaltung in uns selbst als Person. Es ist dann auch immer mehr Spaltung und Spannung mit meiner Umwelt. Ich fange pubertäre Kriege mit den Eltern und Geschwistern an. Es gibt Auseinandersetzungen in der Schule, mit der langweiligen Kirche, mit der als so verlogen empfundenen Politik. Alles fällt irgendwie auseinander.

Da entsteht dann die Sehnsucht nach Ganzheit, nach Frieden und Harmonie, gerade weil ich sie nicht mehr habe. Und manchmal passiert es, dass ich mich auf der Jagd nach Ganzheit tatsächlich wieder selbst einhole und wieder ganz und eins werde. Manchmal spüre ich wieder beglückend Einheit mit mir selbst, mit der Welt, mit meinem Nebenmenschen, mit Gott. Momente der Gnade. Das kann in der Natur sein. Beim nächtlichen Schwimmen im Balaton habe ich es erlebt. Das kann im Gespräch sein. Mit einem Bruder aus Taizé habe ich es so erlebt, als Frère Roger Schutz 1980 nach Erfurt kam. Auch heute immer wieder in Gesprächen und Begegnungen – Gott sei Dank! Das kann im Gebet sein. Auch da gibt es solche Erfahrungen des Einsseins, des Lichts, der Wärme, der Liebe, die alles umfasst. Gott sei Dank!

Aber all das bleibt nicht. Wir zerfallen wieder in Zwiefältigkeit und Zwiespältigkeit. Bald geht die Sehnsucht nach Ganzheit und Einheit wieder los. Und auch sie hat ihr Gutes. Allein nur bei der Erfahrung von Einheit zu bleiben, würde uns nicht weiter treiben. Wir würden nur da sitzen bleiben. Selbstzufrieden, satt und bleiern. So aber zieht uns die Sehnsucht weiter. Sie zieht uns empor und vorwärts. Sie setzt uns in Bewegung und motiviert uns. Motive sind ja nichts anderes als Beweg-Gründe.

Und das ist einmal eine lohnende Betrachtung, darauf zu schauen, was mich in Bewegung setzt. Und das ist interessant auf dem Bild. Das Hinterteil läuft dem Vorteil nicht einfach nur weg. Nein, es wedelt dem Vorderteil zu. Sehen Sie es? Und das Vorderteil wird nicht nur durch die Schnauze und die Beine vorwärts getrieben, nein, sogar die Hörner strecken sich aus nach dem vorlaufenden Hinterteil… Also was ist es, das mich vorwärts treibt und in Bewegung setzt? Welche Sehnsucht nach Ganzheit? Welches Gefühl von Mangel? Welche Ergänzungsbedürftigkeit ist es denn bei mir?

Schauen Sie wie das Bild und der Maler Schäfer-Ast mit Humor auf unsere menschliche Konstitution. Dann ist sie leichter anzunehmen und zu leben!

 

Es grüßt Sie herzlich

Thomas Gertler SJ

25. September 2013

 

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