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Das Buch der Sprüche stellt uns die Weisheit als eine Frau vor, die zum Mahl einlädt, ihr Essen zu kosten und ihren Wein zu schmecken. Aber es gibt noch mehr Bücher, die die Weisheit preisen und uns zu ihr einladen in allen Lebenslagen ihr zu folgen. Schauen Sie doch mal hinein.

1 Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, / ihre sieben Säulen behauen. 

2 Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt / und schon ihren Tisch gedeckt. 

3 Sie hat ihre Mägde ausgesandt / und lädt ein auf der Höhe der Stadtburg: 

4 Wer unerfahren ist, kehre hier ein. / Zum Unwissenden sagt sie: 

5 Kommt, esst von meinem Mahl / und trinkt vom Wein, den ich mischte. 

6 Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, / und geht auf dem Weg der Einsicht! 

7 Wer den Zuchtlosen tadelt, erntet Schimpf, / wer den Frevler rügt, erntet Schande. 

8 Rüge den Zuchtlosen nicht; sonst hasst er dich. / Rüge den Weisen, dann liebt er dich.

9 Unterrichte den Weisen, damit er noch weiser wird; / belehre den Gerechten, damit er dazulernt. 

10 Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht, / die Kenntnis des Heiligen ist Einsicht. 

11 Ja, durch mich werden deine Tage zahlreich, / nehmen die Jahre deines Lebens zu. 

12 Bist du weise, so bist du weise zum eigenen Nutzen, / bist du aber unbeherrscht, hast du allein es zu tragen. 

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Schmecken 

Mir schmeckt fast alles. Ich esse gern. Es ist eine Lust. Und so ganz verschiedene Dinge. Apfel, Birne und Banane. Oder Nüsse. Oder ein saftiges Steak. Knackige Pommes. Auch Kartoffeln mit Quark oder Hering. Leberwurst. Zu Weihnachten eine „jut jebratene Jans“. Nur Griesbrei muss nicht unbedingt sein. Haben Sie ein Lieblingsessen? Und was? Etwa Spagetti Bolognese mit Käse? Oder gar einfach knusprige Bratkartoffeln? Walnusseis? 

Der Pater, der mich in den ersten beiden Jahren meines Ordenslebens im sogenannten Noviziat (novus = neu) ausgebildet hat, Pater Anton Zug, erzählte von einem Mann, der durch eine Kriegsverletzung den Geschmack verloren hatte. Der sagte immer: „Es schmeckt alles wie Teer.“ Schrecklich. Aber auch wenn alles nach Schokolade selbst „Rum-Trauben-Nuss-Schokolade“ geschmeckt hätte, wäre es wohl ähnlich furchtbar.  

Oder eine andere Erfahrung aus der Noviziatszeit: eines Morgens der erste Schluck frischen Kaffees – nicht aaahhh, sondern ääähhh und bääähhh. Schmeckte total salzig. Man konnte ihn nicht schlucken, nur ausspucken. Die gute Schwester Afra hatte das Salzwasser für den Blumenkohl zum Kaffeekochen genommen. Aber einer von den alten Recken und Eisenfressern von uns Jesuiten hat ihn trotzdem getrunken – ohne eine Miene zu verziehen. Aber das war Angeberei, wie ich es heute sehe. Damals habe ich es bewundert. 

Jede/r hat schon solche Geschmacksverirrung erlebt. Manchmal kriegt man den Geschmack eines faulen Eies lange gar nicht mehr aus dem Mund raus. Ekelhaft. Oder jemand hat nach einem traumatischen Vollrausch einen jahrelangen Widerwillen gegen Korn und sei er auch aus Nordhausen. Nein, ich lass ihn sausen. Ich kann ihn nicht mal von ferne riechen, schon wird mir übel. Wie, Sie kennen das auch?  

Manchmal bin ich echt fasziniert von Leuten, die noch nach einem Jahr haarklein und ausführlich davon erzählen können, was es „bei Hans-Karl seinem Sechzigsten“ (so wörtlich) zum Essen und zum Trinken gab. „Ja, aber der Mokka da abends um Elfe, der war doch ein wenig zu schwach…“ Es scheint so etwas wie ein Geschmacksgedächtnis zu geben. Das ist mir so nicht geschenkt. Man hätte so schöne Stunden... 

Ich könnte hier noch lange über das Essen schreiben. Aber es geht, wie Sie sich schon längst denken können, um den geistlichen, den spirituellen Geschmackssinn. Den gibt es nämlich auch. Schmecken heißt auf Latein „sapere“. Das Wort „sapientia“ – Weisheit stammt daher. Also Weisheit ist ein solcher durch jahrzehntelange Erfahrung entwickelter Geschmackssinn für das richtige Leben. Das ist ein Wissen darum, was bekömmlich ist und wovon einem schlecht wird. Und es ist die Fähigkeit, sich auch daran zu halten. Denn dass einem von zu viel Süßigkeit schlecht wird, das weiß man schon recht früh, aber sich danach richten und endlich vernünftig werden, das ist dann Weisheit. 

Diese Weisheit übertreibt nicht – weder zu viel essen, noch zu viel fasten. Das rechte Maß ist die Kunst. „Nichts zu sehr“ (medèn ágan), war einer der ersten Sprühe, die wir im Griechischunterricht gelernt haben. Überhaupt den Geschmack bewahren und sensibilisieren. Spüren, was zusammen passt und was nicht. Zwar sind Kontraste für das Schmecken gut und wichtig, aber Schlagsahne auf sauren Gurken ist eben (außer für Schwangere) nicht so lecker. Auf spirituellem Gebiet heißt das: Sich ins Schweigen zurückziehen wollen, aber seinen „iPod“ mitnehmen, ist nicht weise. Den Jakobsweg auf Stöckelschuhen pilgern, hält man nicht lange durch. Viele verschiedene Spiritualitäten zu mischen – also die sogenannte Patchwork-Religiosität – führt nicht zu Reife und Klärung, sondern zur Verwirrung.  

Und langsam und aufmerksam zu essen ist wichtig. Auch beim geistlichen Geschmackssinn. Sogenannte Intensivkurse nach dem Motto: „Buddhismus, Hinduismus, Christentum in drei Tagen“ führen garantiert zu geistlichen Verdauungsproblemen größerer Art. Anders gesagt: Das Eichsfeld, meine Heimat, ist nicht gerade eine Weingegend. Weinqualität maß sich dort vor allem daran, ob er süß war: „Sieße mussr sin.“ Um Wein wirklich genießen und schätzen zu können, reicht dieses Kriterium nicht, dazu braucht man Jahre. Und so ist es auch mit der Weisheit. Sie braucht Zeit und Geduld. Nur dann entwickelt sich das notwendige Differenzierungsvermögen. Nur dann entwickelt man Fähigkeiten. So wird einem nach Jahren überraschend ein geistlicher Zusammenhang klar, kann man dann ohne Sitzprobleme stundenlang meditieren oder kommt man einer Falle auf die Spur, in die man jahrelang getappt ist. Und hat man die Kraft, sie künftig tatsächlich zu meiden. 

Und ein letztes: Weisheit ist nicht Perfektion. Weisheit ist im Gegenteil fehlerfreundlich. Wer immer perfekt sein und keinerlei Fehler machen will, wird nicht innerlich sondern nur äußerlich lernen. Ich kann dann vielleicht eine Stunde still sitzen, aber innerlich frei sein, schweigen und vernehmen, kann ich darum noch nicht. Weisheit ist darum humorvoll und lächelt, weil sie weiß, dass es Schwächen und Grenzen gibt. Aber auch, dass wir ihnen nicht einfach ausgeliefert sind, sondern sie auch immer wieder überwinden können. Und sei es durch das Lachen. 

So wünsche ich Ihnen mit dem weisen und humorvollen Thomas Morus allezeit guten Appetit und gute Verdauung (vgl. das Gebet im Gotteslob unter Nr.8,3, S.35)

18.01.2010 

Thomas Gertler SJ     

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