Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der Woche„Ruhe gibt es nicht bis zum Schluss …“
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Die kleine Episode aus dem Markusevangelium zeigt uns diese Schaukel von Aktion und Kontemplation. Jesus sucht mit seinen Jüngern Ruhe und ein Zeit des Ausruhens. Aber sie kommen nicht dazu, da die gehetzten und unruhigen Menschen kommen, um bei Jesus eine Zeit der Orientierung, der Leitung, der Weisung hin zu Gott und zum Frieden zu finden. Und er lehrt sie lange. Und dann gibt er ihnen sogar noch ein reichliches Abendessen. Ruhe und Frieden kehren ein.

Speisung der Fünftausend - Codex Egberti, zwischen 980 und 993 n.Chr.

Mk 6,30 - 42

6,30 Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31 Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. 32 Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. 33 Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. 34 Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. 35 Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. 36Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.

37 Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen geben, damit sie zu essen haben? 38 Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. 39 Dann befahl er ihnen, den Leuten zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen. 40 Und sie setzten sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. 41 Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie sie an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. 42 Und alle aßen und wurden satt.

Seitwert
© Foto: BrokenSphere - CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


„Ruhe gibt es nicht bis zum Schluss …“

So schreibt Klaus Mann, der älteste Sohn von Thomas Mann, am Ende seines autobiografischen Romans „Der Wendepunkt“. Und so empfinden viele, besonders junge Menschen. Und Klaus Mann war so ein typischer junger Mann. Kurt Tucholsky sagte über ihn, er sei „von Beruf jung“. Aber auch viele Ältere sprechen von ihrem Ruhestand als vom „Unruhestand“. Ruhe gibt es nicht bis zum Schluss. Das ist geradezu Kennzeichen unserer Zeit. Und man hat den Eindruck, es beschleunigt sich immer noch und dreht sich schneller. Der Satz und diese Feststellung haben etwas Erschreckendes. Oder? Noch dazu, wenn wir die Fortsetzung des Satzes lesen: „Ruhe gibt es nicht bis zum Schluss Und dann? Auch am Schluss steht noch ein Fragezeichen.“

Dabei war es von der Antike bis zum Beginn der Neuzeit so, dass das Ideal des Lebens die Ruhe und die Gelassenheit, der innere Friede und die Kontemplation war. Das lag nicht nur daran, dass harte Arbeit Strafe für die Sünde war, dass die Sklaven die eigentliche Arbeit machten und es zum freien Mann gehörte, von mühevoller Arbeit frei zu sein. Nein, das hatte auch einen theologischen Grund. Denn Gott, unser Lebensziel, ist ewige Ruhe und ewiger Friede und in die gehen wir dann am Schluss endlich und endgültig ein. Und so war das Höchste, was man auf Erden erreichen konnte diese Kontemplation. Und die so genannten kontemplativen Orden wie die Benediktiner und Zisterzienser galten darum mehr als die aktiven Orden wie die Franziskaner und Dominikaner oder gar die Jesuiten.

Gerade die Jesuiten mit ihrem Ordensgründer Ignatius von Loyola (+ 31. Juli 1556) waren ziemlich neuzeitlich und unruhig. Die europäische Neuzeit kehrt sich ab von der Kontemplation und hin zur Aktion. Sie erobert die Welt und macht sie sich untertan. Von diesem Geist war Ignatius von Loyola bis zum Jahr 1521 beseelt. Er wollte große Taten vollbringen. Er wollte berühmt werden. Eine Verwundung im Krieg macht alle Pläne zunichte. Durch das Krankenlager wird er zur Kontemplation, zur Ruhe und zum Nachdenken gezwungen. Das bringt ihn langsam zu einem anderen Denken. Ignatius bekehrt sich. Aber nicht zur Kontemplation, sondern nun zur geistlichen Aktion, zur spirituellen Eroberung der Welt. Trotz seiner Bekehrung blieb er bei dem Ziel, der Größte sein zu wollen, aber jetzt eben der größte Heilige, der am meisten für Gott und sein Reich vollbringt. Er schreibt selbst, dass er zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung hatte, was eigentlich Glaube und Liebe und Hoffnung seien.

Das lernt er erst mit der Zeit. Seinem Ziel, mit Christus die Welt zu erobern, bleibt er treu. Aber er lernt, dass dafür nicht eigene Leistung, Hyperaktivität, Ehrgeiz und Gewalt die Mittel sein können, sondern dass er die gleichen Mittel dafür anwenden muss wie Christus, nämlich innerlich ausgerichtet auf Gott den Vater, niedergebeugt im Dienst am Nächsten, überzeugt, dass Gott auch ihn, den Sünder, liebt mit allen Stärken und Schwächen. Mit der Bereitschaft, Leiden, Verachtung und den letzten Platz anzunehmen und allen Menschen durch seine zuvorkommende Liebe zu zeigen, dass Gott sie liebt. All das tut Ignatius sehr aktiv. Und das hat für ihn auch einen theologischen Grund.

Für Ignatius ist Gott nicht der „unbewegliche Beweger“, der in apathischer, leidloser Ruhe existiert, sondern für ihn ist Gott tätig – werktätig. So hatte er im Johannesevangelium gelesen, wo Jesus sagt: „Mein Vater ist noch immer am Werk und auch ich bin am Werk“ (Joh 5,17). Jesus sagte das nach dem Werk der Heilung, das er am Gelähmten getan hatte. Ignatius lernt also schließlich seine Art der Aktivität wie Jesus von Gott selbst, der seine Liebe zu uns mehr in die Taten als in die Worte legt, indem er uns ständig das Leben und die Welt und die Luft, die Sonne und den Regen schenkt, ohne danach zu fragen, ob wir all das auch verdient haben (Mt 5,43ff.).

Die Aktivität des Ignatius wird daher immer wie bei Jesus aus einer inneren Gottverbundenheit gespeist. Es ist für ihn ganz wie für Jesus, seine Speise, den Willen Gottes zu tun (Joh 4,34). Davon und daraus lebt er. Ganz und gar mit Gott verbunden in jedem Augenblick und in allem Tun. Aus dieser Wachheit und Aufmerksamkeit handelt Ignatius, daraus ist seine Aktivität gespeist. Darum sagte man von ihm, er sei „contemplativus in actione“. So blieb Ignatius bei aller Aktivität in gottverbundener Ruhe bis zum Schluss – am 31. Juli 1556. Und nicht mit einem Fragezeichen sondern mit Tränen der Sehnsucht und Freude, endgültig zu Gott zu kommen.

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie diese spannungsreiche Einheit von Aktion und Kontemplation immer mehr finden können!

Kurz vor dem Urlaub grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

29. Juli 2015

PS: Nun gibt es drei Wochen lang keinen neuen Impuls, denn ich fahre in die Ferien. Sie können aber beliebig viele Impulse finden, wenn Sie links auf die Rubrik „Alle Impulse“ klicken. Und Sie können dort auch nach Stichworten suchen.

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