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Das wusste schon das Volk Israel und hat es wunderbar im Psalm 127 ausgedrückt.

Psalm 127, 1 - 2

1 Wenn nicht der Herr das Haus baut, / müht sich jeder umsonst, der daran baut. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, / wacht der Wächter umsonst.
2 Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht / und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; / denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.

Seitwert


© Foto: Xxlfussel - CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


Omnia vincit labor – alles besiegt die Arbeit

Beim Hauptgottesdienst des Leipziger Katholikentages konnte man vom Augustusplatz aus diesen Spruch an der Uhr des Krochhochhauses lesen. Und man konnte hören, wie die beiden Bronze-Arbeiter den Klöppel an die Glocke schlugen. Jede Viertelstunde. Leipzig hat viele solche lateinischen Sprüche. Nur ein paar Meter weiter im berühmten Gewandhaus von Leipzig steht der Spruch: „res severa verum gaudium“ - eine ernste Sache ist die wahre Freude. Und wieder einige Meter weiter an der Uhr des neuen Rathauses steht: „mors certa hora incerta“ - der Tod ist sicher, die Stunde ist unsicher. Sprüche über die die Leipziger wiederum so ihre eigenen Sprüche und Witze machen.

Bleiben wir beim Ersten: „omnia vincit labor“. Ja, das ist so ein Spruch, wie er typisch ist für Zeit des Fortschritts, in der das der große Glaube war, dass menschliche Arbeit und Mühe (labor ist nicht nur Arbeit, sondern auch Mühsal und Anstrengung) alles schafft. Und das ist ja auch tatsächlich so, wie viel hat die menschliche Mühe und Arbeit geschafft und erreicht! Die ganze Erde ist verändert worden und verändert sich weiter. Und auch im eigenen Leben, vielleicht haben Sie das selbst schon erlebt, wie Sie durch harte Arbeit und Anstrengung etwas erreicht haben, was Sie kaum für möglich gehalten hätten. Oder Sie haben es bei anderen erlebt. Leider jetzt nicht bei der deutschen und der französischen Nationalmannschaft, aber bei der portugiesischen. War es mehr Arbeit und Mühe oder mehr Glück und Wachheit im Augenblick?

Wir haben heute eher Probleme mit dem Spruch. Und als ich ihn da las auf dem Augustusplatz, dachte ich, das ist so ein Wort unserer Großväter. Auch wenn ich als junger Mensch so bis zu Beginn der sechziger Jahre gedacht habe, was unsere Lehrer uns damals erzählten, ja, ich werde vielleicht selbst mal zum Mond fliegen. Aber ich bin ja inzwischen selbst im Großväteralter… Dann ein paar Jahre später konnte man nicht einmal mehr von Leipzig nach Frankfurt am Main fahren, weil die Mauer gebaut war. Und das mit dem Mond glaubte seit dem Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums und damit des Fortschritts (1972) niemand mehr. Manches ist einfach nicht mehr zu schaffen. Da reichen die Ressourcen nicht. Auch wenn wir uns immer noch nicht entsprechend verhalten, sondern so tun, als ginge alles noch munter weiter und aufwärts.

Heute hat sich dieser Spruch gewissermaßen noch weiter verwandelt. Da könnte man übersetzen: Nicht die Arbeit schafft alles, sondern alle schafft die Arbeit. Oder alle besiegt die Arbeit. Oder die Arbeit macht alle fertig. Vielleicht übersetzen auch manche Leipziger so, wie sie ja auch den Spruch der Rathausuhr gern so übersetzen: „Todsicher geht die Uhr falsch“ (hora heißt die Stunde und auch die Uhr). Denn es sind zwar die Arbeitszeiten durch den Kampf der Gewerkschaften kürzer geworden, aber in dieser kürzeren Zeit soll mehr geschafft werden. Verdichtung und Intensivierung der Arbeit kennen alle, die Arbeit haben. Und alle kennen auch die Folgen davon.

So schnell können sich feste Überzeugungen, ja, ganze Weltbilder und Weltsichten ändern und nahezu ins Gegenteil verwandeln. In meiner Schulzeit gab es in den Schulbüchern und an den Wänden viele Bilder mit heftig rauchenden Schloten. Der rauchende Schornstein war damals ganz selbstverständlich Zeichen des Fortschritts und damit Zeichen des Guten und Anstrebenswerten. Heute fängt man innerlich an zu husten, wenn man ein solches Bild sieht und denkt an die ungeheure Umweltverschmutzung, die dieser ungefilterte Rauch verursacht hat und in vielen Weltgegenden immer noch verursacht. Heute liegt die riesige Wolke, die in den sechziger Jahren über Europa lag, über Indien.

Was machen wir nun damit? Was soll das für einen Impuls geben? Wir können dreierlei lernen. Erstens sollten wir vorsichtig sein, wenn etwas so total überzeugend und unwiderstehlich daher kommt wie dieser Spruch und noch mehr, wenn es mit äußerster Konsequenz durchgezogen wird. Es hat immer auch eine andere Seite. Das trifft jetzt nicht nur auf den Fortschritt und die Arbeit zu. Das gilt für alle Ideologien, von denen wir auch genügend erlebt haben und erleben, die versprechen, mit allem auf dieser Welt fertig zu werden. Das kippt dann immer wieder. „Wann ist Sozialismus? Sozialismus ist, wenn jeder von jedem genug hat.“ Also Vorsicht mit Total- und Absolut-Aussagen wie alle, alles, immer, nie und jede/r.

Aber es gibt auch die hoffnungsvolle Seite. Wir merken es ja. Es gibt ja auch Einsicht und Umsteuern. Es gibt ja Umkehr und Besserung. Ja, das gibt es im Großen und im Kleinen. Die Wolke über Europa ist weg. Im Rhein kann wieder gebadet werden. Und die Leipziger Pleiße ist nicht mehr nur der Reim davon, wie man das früher gesagt hat.

Und das Wichtigste: Arbeit schafft nicht alles. Arbeit braucht ein Gegengewicht. Das ist nicht die Freizeit – das auch. Aber es brauchte einen wichtigeren Ausgleich, nämlich das Gebet: „ora et labora“ bete und arbeite, um mal beim Latein zu bleiben. Das ist der Grundsatz des benediktinisch geprägten Ordenslebens. Gott ist es nämlich, der wirkt, sich müht und arbeitet für uns und mit uns, aber der auch ruht am siebten Tag (vgl. Gen 1).

Also beten und arbeiten!

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

13 Juli 2016

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