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Immer wieder mahnt Jesus, die Zeichen der Zeit zu erkennen, im Heute zu leben und die sich jetzt bietende Gelegenheit zum Leben mutig und entschlossen zu ergreifen. Ja, mit seinem Kommen erfüllt sich die Zeit. Mit ihm, mit seinen Worten und Taten, öffnet sich der Weg ins Reich Gottes. Es kommt darauf an, jetzt diesen Weg einzuschlagen und ihn nicht zu verpassen. Und diese folgende Geschichte von Zachäus handelt genau davon. Achten Sie einmal darauf: wann kommen in der Geschichte das Heute und die Freude vor?

© Reinhard Hauke, Wikimedia Commons

Lk, 19,1-10

19,1 Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt.
2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.
3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.
4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.
5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.
6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

 

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© Foto: G. Nissen


O damals! O heute!

Als Jungendlicher habe ich mit Begeisterung das Pariser Journal von Georg Stefan Troller im Fernsehen gesehen. Er führte durch Paris. Er erzählte mit einer Stimme, der ich stundenlang zuhören konnte, unter anderem von der großen Zeit der 20er Jahre, als sich Pablo Picasso, Henri Matisse, Georges Braque, Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald bei Gertrude Stein im Salon trafen. O damals hätte ich leben mögen und alle diese Leute treffen und kennen lernen wollen.

Picasso mit seinem unheimlich durchdringenden Blick, mit seiner Wildheit und seinem Genie. Oder Hemingway, den Macho und Stierkampfliebhaber mit seinen Erzählungen und Romanen im knappen Reportagestil. Oder der Maler Matisse, der solche klaren Farben brauchte. O damals bei Gertrude Stein im Salon. Ja, das war Leben. Aber ich hier 1970 in Erfurt, in unserem Jesuiten-Haus, wo es so schlicht, manchmal öde und gewöhnlich war. Eben das normale Heute mit allen Einschränkungen und Begrenztheiten, die damals die DDR zu bieten hatte. Aber immerhin die Stimme von Georg Stefan Troller im Schwarz-Weiß-Fernseher mit Flimmern und Streifen. Und träumen: einmal Paris. Einmal alle diese Plätze und Cafés. O dort, o damals. Kennen Sie auch solche Träume, solche Sehnsucht?

Es gibt einen Film von Woody Allen, der handelt auch von solchen Träumen und solcher Sehnsucht: o damals, o dort… Der Film heißt „Midnight in Paris“ Der junge Schriftsteller Gil und seine Verlobte Inez, zwischen denen es eine Krise gibt, besuchen Paris. Gil findet es im Regen am schönsten. Er geht abends allein spazieren und wird um Mitternacht von einer fröhlichen Truppe in einem uralten Auto eingeladen. Zögernd steigt er ein. Erst allmählich und immer erstaunter merkt er, dass er durch einen Zeitsprung in den goldenen 20er Jahren gelandet ist und bei Zelda und Scott Fitzgerald und bei Cole Porter, dessen Songs er so liebt, und bei Josephine Baker, die so einmalig tanzen kann. Unglaublich und doch wirklich – im Film natürlich. Alle die berühmten Leute, die er gelesen hat und bewundert, deren Musik er kennt und deren Bilder heute in den Museen hängen. Jetzt ist er dabei - in den Goldenen 20er Jahren. So geht es einige Tage.

Er lernt im Damals Adriana, die Freundin von Picasso, kennen und Funken fliegen zwischen ihnen hin und her. Sie steigen in eine Kutsche und landen noch mal 20 Jahre früher in der „Belle Époque“. Das ist im Unterschied zu Gil nun Adrianas Idealzeit. Für sie, das Girl aus den goldenen 20ern, ist ihre eigene Zeit öde und uninteressant. Aber hier so um 1900 trifft sie ihre Traumkünstler Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas, Paul Gauguin, der sofort heftig mit ihr zu flirten beginnt... In dieser besten aller Zeiten von Paris will Adriana unbedingt bleiben. Endlich im Damals! Endlich in der Zeit ihrer Helden und Berühmtheiten.

Da geht Gil ein Licht auf. Ein kleines Licht, aber immerhin. Es wird ihm klar, dass das alles Fluchten und Illusionen sind. Und nun mit meinen Worten: Das wirkliche Leben findet nicht im Damals sondern im Heute statt. Und heute leben die großartigen Frauen und Männer, nach denen einmal Straßen und Erfindungen und Museen genannt werden. Und nach denen man sich sehnt in 70 oder 90 Jahren. Und worauf es ankommt, ist, dass ich mich heute und hier einmische und lebe und tue, wozu ich gerufen bin. Möge mein Leben heute auch immer mals wieder etwas unbefriedigend und öde sein, wie das wirklich wahre Leben zuweilen ist. Es kommt darauf an, das Heute nicht in Träumen zu verbringen, sondern im Heute zu leben und heute die Träume zu verwirklichen. Heute ein Held zu sein und die Welt zu retten oder wenigstens lebens- und liebenswerter zu machen. Nicht dahin gehen oder sich sehnen, wo das Leben zu sein scheint, sondern heute so zu leben, dass die Menschen dahin kommen, weil sie die Lebendigkeit, die Kämpfe und die Freude spüren. Das worauf es ankommt und das Wesentliche.

Und dank dieser Einsicht platzt bei Gil auch der Knoten zu dem Roman, an dem er schreibt und er wird nicht nur realistisch und gegenwärtig in seinem eigenen Leben, sondern auch in seinem Schreiben.

Der alte Woody Allen hat mir eine gute Lehre erteilt und mich richtig froh gemacht. Ja, der Film ist wirklich gut. Soweit ich weiß, hat er sogar einen Oskar bekommen.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

11. Sept. 2013

 

 

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