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Immer wieder ging mir durch den Sinn, während ich diesen Impuls schrieb: …Dein Licht scheint in der Nacht…“ Das ist aus dem bekannten Lied von Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Dieses Licht Christi war ihm in der Nacht seines Lebens im Gefängnis und auf dem Weg zum Galgen sein Trost und seine Kraft.


Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Seitwert



Nachtkerze

„Als es mir jetzt so schlecht ging und alles so dunkel in mir war, habe ich mich an die Nachtkerze erinnert. Sie erblüht sogar in der Nacht und verströmt ihren Duft. Es geht also auch, dass man in der Dunkelheit blühen kann.“ Als mir das im Gespräch erzählt wurde, hat es mich sehr bewegt und erstaunt. Ja, so kann man es auch sehen.

Haben Sie das schon einmal erlebt, wie sich diese Blume in der Nacht oder richtiger in der eintretenden Dämmerung öffnet? Ich habe es mehrmals gesehen und es ist unglaublich. Innerhalb von zwei Minuten tut sich die Blüte auf und leuchtet, ja strahlt geradezu. Hier können sie es selbst in Originalgeschwindigkeit beobachten. Und dann verströmt sie auch ihren Duft. Leider ist der noch nicht digital zu vermitteln.

Diesen Trost der Nachtkerze kann ich nur wahrnehmen, wenn ich so im Dunkel bin wie sie und mich nach Trost und nach neuer Kraft sehne. Dann sehe ich, ja, es geht ihr wie mir. Sie ist im Dunkel und geht immer tiefer ins Dunkel der Nacht wie ich. Aber da, wo ich immer schwächer und trauriger werde, gerade da geht sie auf und blüht und duftet. Das macht mir Mut und ihr Leuchten leuchtet auch mir.

Ja, und dann kann ich auch noch weiter sehen. Die Nachtkerze tut das gerade für die Falter und kleinen Flieger des Abends und der Nacht. Für alle die, die auch in Nacht und Dunkel herumfliegen. Für sie tut sie sich auf, öffnet ihre Blüten weit und schenkt ihnen ihren Nektar. Und das ist ja dann auch für die Nachtkerze sogar auch der Weg, wie sie weiterlebt. Denn diese Nachfalter bestäuben sie und schenken ihr dann ein Weiterleben durch ihre Samen.

Ja, und das kann mir in meinem Dunkel helfen, dass es mit mir ähnlich geschehen kann. Und das gibt mir Hoffnung. Das hilft mir, mich nicht einfach versinken zu lassen.

Darf ich so die Welt ansehen und die Natur? Ist das nicht total „unwissenschaftlich“ und subjektiv? Vermenschliche ich damit nicht alles wie ein Kind? Ist das nicht kindisch, wenn ich es als Erwachsener so sehe?

Wenn ich die Welt nur noch „objektiv-wissenschaftlich“ anschaue, dann haben alle die wunderbaren Naturerscheinungen nichts mehr mit mir zu tun. Es geht mir dann wie Walter Faber in Max Frischs Buch „Homo Faber“, der nicht verstehen kann, wieso die Leute so vom Sonnenuntergang begeistert sind, denn das ist doch eine ganz einfach zu erklärende physikalische Naturerscheinung und weiter nichts, weiter gar nichts.

Gerade heute aber entdecken wir wieder, wie sehr wir eins sind mit der Natur. Wehe wenn mir die Natur nichts mehr sagt, denn sie ist so ein wichtiger Trost. Und auch wehe der Natur, wenn sie uns nichts mehr sagt, denn dann ist sie höchstens noch Ort für nützliche Ressourcen.

Aber so sagt Mascha Kaleko:
„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt,
hat auch die Sterne und den Mond.“

Wie schön und wie tröstend! Und sogar für den sehr rationalen Philosophen Immanuel Kant galt: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Und auch der heilige Ignatius, der Gründer des Jesuitenordens schreibt in seiner Autobiografie, wie sehr ihn nachts die Sterne getröstet haben. Und wenn er die Nachtkerze schon gekannt hätte, die erst vor etwa 400 Jahren aus Amerika zu uns gekommen ist, dann hätte sie ihn ebenso getröstet…

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

6. Juli 2016

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