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Am heftigsten wird der Schrecken des Neuen vom Evangelisten Markus geschildert. Sein Evangelium endete nach der Meinung sehr vieler Wissenschaftler mit den Versen, die ich hier aufschreibe. Und viele Gründe gibt es, die dafür sprechen. Ich kann sie hier nicht alle nennen. Es passt aber zu dem, was sich das Messiasgeheimnis im Markusevangelium nennt. Immer wieder sagt Jesus den Menschen, dass sie nicht weitersagen sollen, was sie mit ihm erlebt haben. Es soll Geheimnis bleiben. Aber sie tun es trotzdem und sagen es allen weiter. Nur hier am Ende, als die Frauen sogar aufgetragen bekommen, es weiterzusagen, da laufen sie voll Entsetzen davon und sagen niemand etwas davon. Das passt doch – oder? Es war schon für die alte Kirche schwer, das so stehen zu lassen, darum hat man diesen Schreckens-Schluss erweitert – zusammengefügt aus den anderen Evangelien und der Apostelgeschichte. Aber wir sollten ihn erst einmal so stehen lassen und den alten Original-Markus wirken lassen.

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Mk 16 1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.

2 Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

3 Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?

4 Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.

5 Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.

6 Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte.

7 Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

8 Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.

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Mit Dreißig in die Lebenskrise

So zwischen dreißig und vierzig kommt für die meisten Menschen eine heftige Krise. Die kann sehr unterschiedlich aussehen. Die Partnerschaft funktioniert nicht mehr richtig. Es gibt heftigste Auseinandersetzungen an der Arbeitsstelle. Oder ich bin zwar ganz schön etabliert, ich hab eigentlich alles, aber es stellt sich jetzt die Frage: „Das soll’s nun gewesen sein?“ Oder es gibt eine erste ernsthafte Krankheit, die mich tiefer nach dem Sinn von allem suchen lässt. Oder ich werde gefeuert und stehe gescheitert da. Es gibt echte Existenzängste. Und damit fällt meist auch das bisherige Selbst-, Welt-, und Gottesbild zusammen.

Ich hatte in diesem Alter auch so eine Krise. Meine ganze äußere Fassade brach zusammen. Was ich mir unter mir selbst als jungem, erfolgreichem, strahlendem Jesuit vorgestellt und zusammengebaut hatte, brach mit lautem Krach zusammen. Schutt und Asche, Schrecken und Leere. Und am schlimmsten – ich konnte nicht mehr lachen. Aus. Ich wusste nicht mehr weiter. Dabei sollte ich eine neue Aufgabe übernehmen, nämlich junge Männer in das Leben als Jesuiten einführen. Aber bei mir war alles zerbrochen. Kein Stein war auf dem anderen geblieben.

Ich sehe mich in unserer Kapelle sitzen – ratlos, hilflos, ausweglos. Und da ganz unten am Tiefpunkt kam mir so was fast wie eine Stimme – also nicht wirklich eine Stimme, aber doch so was wie ein Wort: „Das spielt für mich keine Rolle.“ Oder vielleicht mehr ins Allgemeinverständliche erklärt: „Alles das, was dir da jetzt passiert ist, Thomas, dieser Totalzusammenbruch, das tut unserer Freundschaft keinen Abbruch. Ich bin bei Dir, auch wenn alles andere dahin ist.“ Und da kam es wieder, langsam, aber es kam wieder – mein Lachen. Der Zusammenbruch blieb und die Probleme, die damit zusammenhingen, aber Jesus stand an meiner Seite. Ein Neuanfang war da.

Ganz ähnlich hat es mir jetzt eine Frau erzählt. Auch sie hatte mit dreißig so eine Krise. Alles aussichtslos, ratlos, hilflos. Und in der höchsten Not eine ganz ähnliche tröstende und helfende Gotteserfahrung und damit ein Durchbruch zum tieferen Glauben. Immer und immer wieder höre ich ähnliche Erfahrungen oder ich lese davon in Geschichten von heute. Oder in Geschichten von vor 400 oder 500 Jahren. Wie bei unserem Ordensgründer Ignatius von Loyola. Präzise in seinem 30. Lebensjahr 1521 zerschmettert eine Kanonenkugel alle seine Karriereräume. Und bereitet so den Boden für einen neuen Weg im Glauben. 

Ohne so eine Krise, ohne ein Zerbrechen des Bisherigen, ohne dass es wirklich bedrohlich, ja lebensgefährlich wird, wird es keinen Durchbruch zum neuen Leben geben. Das kann konkret ganz, ganz unterschiedlich aussehen, aber immer gleich ist, dass das bisherige Leben in die Krise kommt und so nicht weitergeht. Dass der Glaube, so nicht weitergeht. Dass die bisherige Welt und ihre Deutung kaputt gehen. Schrecklich. Aber so ist es.

Das Neue beginnt mit dem Schrecken. Das Neue beginnt mit der Katastrophe. Das ist die doppelt eine Ostererfahrung. Zusammenbruch, Scheitern, ja, Todesangst, Verlassenheit, Zerbrechen und Tod. Ja, Tod und Begräbnis. Und das für Jesus am schlimmsten, aber genauso und doch anders für die Jünger und die Jüngerinnen. Aus und vorbei und Ende. Begräbnis erster Klasse. Und dann mitten hinein in den Scherbenhaufen und die Trümmer die neue Wirklichkeit der Auferstehung. Die neue Wirklichkeit eines neuen und ungeahnten Lebens. Und da ist das Lachen noch nicht sofort da, da ist erst noch Schrecken, ja Entsetzen und Unglauben (vgl. Mk 16,1-9), aber es wird kommen das Osterlachen. Und es wird klar: ohne diesen Schrecken und die Zerstörung des Bisherigen wäre gar nicht Raum gewesen, hätte es gar keine Offenheit gegeben für das Neue. Tod und Auferstehung gehören zusammen. Sie sind eines.

Ab dreißig kommt die Krise. Und sie sollte auch kommen, damit Sie diese andere Erfahrung machen können. Nämlich dass es jetzt neu beginnt, auf einer neuen Ebene, mit einem neuen Licht, in einer tieferen Wahrheit, mit einem befreiten Lachen. Ostern. Und seien Sie sich klar, dass es nicht die letzte Krise war. Es kommt immer noch schlimmer. Es kommt immer noch besser. Bis es nach der tiefsten Krise des Sterbens endgültig Ostern wird und das Licht aufgeht, das nicht mehr untergeht und das Lachen und die Freude, die nie enden.

Aber jetzt ist erstmal die aktuelle Krise dran. Und dass Sie da durch gehen und wieder zum Lachen finden, wünsche ich Ihnen!

4. April 2012

Thomas Gertler SJ

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