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Jesaja sagt dem Volk Israel, das sich im Exil verlassen und vergessen fühlt, dass Gott es nicht vergessen hat, sondern seiner gedenkt. Er führt sie wieder heim und sie leben auf. Das sieht Jesaja, auch wenn es jetzt noch nicht Wirklichkeit ist. Aber seine Vision erfüllt sich tatsächlich.

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Jes 49,10 - 16

49,10 Auf allen Bergen werden sie weiden, /auf allen kahlen Hügeln finden sie Nahrung. Sie leiden weder Hunger noch Durst, / Hitze und Sonnenglut schaden ihnen nicht. Denn er leitet sie voll Erbarmen / und führt sie zu sprudelnden Quellen.
11 Alle Berge mache ich zu Wegen /und meine Straßen werden gebahnt sein.
12 Seht her: Sie kommen von fern, / die einen von Norden und Westen, / andere aus dem Land der Siniter.
13 Jubelt, ihr Himmel, jauchze, o Erde, / freut euch, ihr Berge! Denn der Herr hat sein Volk getröstet / und sich seiner Armen erbarmt.
14 Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, / Gott hat mich vergessen.
15 Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, / eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: / ich vergesse dich nicht.
16 Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände…

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Man denkt an mich, also bin ich

Das ist ein Satz von Peter Sloterdijk, einem Philosophen, bekannt aus Funk und Fernsehen. Er hat ihn in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung geäußert, als den Satz, von dem er wünscht, dass er von ihm in Erinnerung bleibt. Na, vielleicht wird es ja… Ehrlich gesagt habe ich mich mit Peter Sloterdijk immer schwer getan. Dreifach überreflektierte Texte in einem aufgeregten, überschnellen und formulierungsverliebtem Stil. Ich habe wenig von ihm gelesen und meist mit innerem Widerstand. Dieses Interview aber hat mir gefallen und mich dazu angeregt, über seinen Satz zu meditieren.

Man denkt an mich, also bin ich. Wie soll denn das verstanden werden? Vielleicht im Sinne von heutigen Todesanzeigen: Ich lebe weiter in den Gedanken der anderen. So lange bin ich noch nicht ganz tot, wie sich jemand an mich erinnert. So lange sich jemand an einen Satz oder einen Gedanken von mir erinnert, so lange bin ich noch irgendwie präsent? Das ist ein trauriger Trost, finde ich. Oder?

Sloti oder Schlotter, wie Peter Sloterdijk zu seinem Missfallen von seinen Mitschülern genannt wurde, greift mit seinem Satz einen anderen Philosophen auf, nämlich René Descartes, der gesagt hat: „Ich denke, also bin ich.“ Was war denn damit gemeint? Ich denke, also bin ich, ist ein Satz, über den viele Witze gemacht worden sind. Ein Satz, der in die Alltagssprache eigegangen ist (und das wünscht sich P. S. sicher auch von dem seinen). Ein Satz, der aber gerade darum immer wieder missverstanden wurde.

Descartes lebte in der Zeit des 30 jährigen Krieges. Alles war unsicher geworden, ganz viel verwüstet und zerstört. Nicht nur Städte und Dörfer, auch die geistigen und religiösen Landschaften. Was konnte da noch Sicherheit geben? Was war unbezweifelbar? Etwa Gott? Gott konnte doch auch ein böser Dämon sein. Wie sollte man so etwas angesichts all des Leides nicht denken? Und meine eigene Sinneserfahrung und die Außenwelt? Sie ist doch sicher!? Descartes selbst erlebte als Offizier im Krieg, dass dem verwundeten Soldaten der Fuß juckte, den er gar nicht mehr hatte, weil er amputiert worden war. Phantomschmerz. Sinneswahrnehmung – ganz unsicher!

Da fand er heraus: Alles kann ich bezweifeln. Alles, was ich denke, kann falsch sein, aber dass ich denke, dass ich ein denkendes Wesen bin, das kann ich ehrlicherweise nicht bezweifeln. Das ist der feste Fels im Meer der Zweifel, dass ich denke. Ich denke, also bin ich. Mein aktives eigenes Denken schenkt mir die Sicherheit, tatsächlich da zu sein und ein geistiges Wesen zu sein. Das zuerst. Ich bin ein geistiges Wesen. Ein Wesen des Geistes. Das bin ich. Und von aus entfaltet Descartes dann seine ganze Philosophie.

Aber wie nun mit dem Satz von Sloterdijk? Man denkt an mich, also bin ich. Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir seine eigene Ergänzung zu dem Satz nehmen. Sloterdijk hofft: “Mit etwas Glück wird daraus: Ich bin, seit sie an mich denkt.“ Ja, das kann jeder nachvollziehen, der verliebt ist. Seit ich weiß, dass sie an mich denkt, bin ich erst lebendig, lebe ich auf. Bin ich selbst schöpferisch, bin ich mutig, lebensfroh, glücklich, kann ich alles. Ich bin, seit sie an mich denkt. Ich bin, seit er Tag und Nacht an mich denkt. Seit er mich liebt. Seit sie mich lieb hat. So könnte also der Satz gemeint sein. Da sind wir ihm also schon näher gekommen. Und das ist sicher ganz wichtig und gemeint von P. S.

Aber was ist, wenn die Liebe vorbei ist, sinke ich da ins Nichts zurück? Ja, so ist heute die Angst von ganz vielen. Wenn da niemand mehr ist, dann will auch ich nicht mehr sein. Und so ist es ja oft auch ganz real im Leben. Sicher kennt jeder von uns ein altes Ehepaar, bei dem er kurze Zeit nach ihr gestorben ist oder umgekehrt. Wir sind ganz stark davon abhängig, dass jemand unser gedenkt, dass jemand uns liebt. Aber findet nicht alle Liebe ihr Ende? Spätestens wenn der Tod uns scheidet? Oder bleibt die Liebe über den Tod hinaus, wie Paulus uns sagt (1 Kor 13,8 und 13)?

Ja, müssen wir da nicht weiter gehen und uns noch tiefer fragen, was denn der Satz von PS meint. Man denkt an mich, also bin ich. Sollte hinter diesem verbergenden „man“ noch was anderes stecken? Das Passivum divinum (um den Namen Gottes aus Ehrfurcht nicht auszusprechen, gebraucht man das Passiv, das sogenannte passivum divinum: z. B. „man“)? Hat daran der Schnelldenker P.S. gedacht? Ich traue es ihm zu. Denn ganz am Anfang seines Interviews sagt er schon, dass sich die Fallgeschwindigkeit der Welt in den Untergang erhöht hat, aber bei ihm auch „die Hoffnung auf ein letztes Aufgefangenwerden hinzugekommen ist“. Wer soll uns aber letztlich anders auffangen als Gottes Liebe, als sein Gedenken, seine Barmherzigkeit. Gott denkt (an) mich, darum bin ich. Und darum bleibe ich auch und werde aufgefangen.

Hoffen wir also, dass Sloti es so meint. Ich meine es jedenfalls so. Gott denkt an mich und liebt mich, darum bin ich. Und darum darf ich hüpfen, springen, singen und fröhlich sein trotz allem.

Viele Grüße
Thomas Gertler SJ

19. November 2014

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