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Andreas Gryphius lobt und preist die Nacht, in der Christus uns geboren wurde und in der er, der über allen Zeiten steht, in diese Zeit und Welt hineingegangen ist, um „uns der Ewigkeit zu vermachen“. Seinen Text habe ich in der Schreibweise der Barockzeit gelassen.

Über die Geburt Jesu

Nacht / mehr denn lichte Nacht! Nacht / lichter als der Tag /
Nacht / heller als die Sonn’ / in der das Licht geboren /
Das Gott / der Licht / in Licht wohnhafftig / ihm erkohren:
O Nacht / die alle Nacht’ und Tage trotzen mag!

O freudenreiche Nacht / in welcher Ach und Klag /
Vnd Finsternüß / und was sich auff die Welt verschworen
Vnd Furcht und Höllen-Angst und Schrecken war verlohren.
Der Himmel bricht! doch fällt numehr kein Donnerschlag.

Der Zeit und Nächte schuff / ist dise Nacht ankommen!
Vnd hat das Recht der Zeit / und Fleisch an sich genommen!
Vnd unser Fleisch und Zeit der Ewikeit vermacht.

Der Jammer trübe Nacht / die schwartze Nacht der Sünden
Des Grabes Dunckelheit muß durch die Nacht verschwinden.
Nacht lichter als der Tag! Nacht mehr denn lichte Nacht!

                                               Andreas Gryphius (1616-1664)

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(c) Samuel Feuilletin - Fotolia.com


Lob der Dunkelheit 

Die beiden wichtigsten christlichen Feste sind Nachtfeste: die Heilige Nacht der Geburt Jesu und die Heilige Nacht der Auferstehung Jesu. Aber wann singen wir ein Lob der Dunkelheit? Wann pflegen, kultivieren wir sie gar? Dunkelheit wird doch eher verbunden mit unklarer Sicht, mit „Verdunkelung“ in Kriegsnächten, mit Verdunkelungsgefahr. In der Nacht lauern Gefahren. Kann man da als Frau allein in einer Nebenstraße gehen? Die Nacht ist die Nacht der Überfälle, der Diebe, des – wie man früher sagte – „lichtscheuen Gesindels“. Die Heilige Schrift warnt vor dem Bösen, der in der Finsternis schleicht wie ein Löwe, der uns verschlingen will. Die biblische  Botschaft sagt, dass wir Kinder des Lichtes sind, dem Tag geschworen, dass die Nacht zu Ende geht und erleuchtet wird von den Strahlen der Auferstehung.   

Das Dunkel pflegen? 

Dunkel ist doch, was man zu vermeiden versucht: Man will Licht in die Sache bringen; die Dinge ins rechte Licht rücken. Leuchtreklamen, Straßenlaternen, Halogen-Scheinwerfer machen die Nacht zum Tag. Wenn man die Erde von einem Sateliten aus in der Nacht fotografiert, dann zeichnen sich die großen Städte als Leuchtspur auf der Erde ab. Affären müssen aufgeklärt werden. Aufklärung ist für die aufgeklärten Menschen ständige Pflichtübung.  

Und da spricht jemand von der Pflege der Dunkelheit?! 

An eine Pflege der Dunkelheit, genauer der Dämmerung, erinnere ich mich sehr und gern aus den Tagen, da ich ein kleiner Bub war. Wenn ich so als Enkelchen bei meinem Großeltern auf Besuch war, da erlebte ich das Spiel von Licht und Dunkel und speziell der Abenddämmerung. Im Haus gab es damals noch kein elektrisches Licht und mit den Kerzen und Petroleumlampen sparte man. Und so saßen wir in der Dämmerung auf dem gemütlichen Sofa. Die Großeltern rechts und links und das Enkelchen in der Mitte. Über und hinter machte die Uhr „tick-tack“ und holte vernehmbar Atem, bevor sie die vollen Stunden schlug. Unsere Augen schauten durch das Fenster vor uns hinaus in die sinkende Sonne, das Abendrot, die Wolken und die aufsteigende Dämmerung. Und währenddessen beteten die Großeltern den Rosenkranz. Und das Enkelchen hörte mit, hörte sich hinein. Es ist wohl leicht nachvollziehbar, dass dies eine Atmosphäre der Stille und Geborgenheit schenkte und gleichsam wie ein Balsam für die Seele wirkte, der sie weich und weit machte. Vielleicht kann diese „romantische“ Erinnerung ein wenig den Wunsch wecken nach dem Segen des Dunkelns, der Dämmerung.  

Raum geben für Dämmerung und Nachtwerden kann oder könnte vielfach geschehen, vielleicht gerade besonders in der herbstlich-winterlich-adventlichen-weihnachtlichen Zeit:

Warum nicht statt zwei Stunden Fernsehen miteinander ein Viertelstündchen bevor man ins Bett geht, im Kerzenschein dasitzen; schweigen; einen Text von einem Kalenderblatt lesen.


Vielleicht ist die Idee zu verspielt oder zu ungewohnt, aber sie könnte einem kommen: Wäre es nicht ein eigenartiges Spiel, miteinander ein wenig ganz im Dunkel sitzen? Vielleicht würden da auch Kinder mitmachen: Abenteuer Dunkel in einem geschützten Menschenraum; auch wenn es ein wenig befremdend sein kann. Ob wir uns da nicht mehr sehen? Die große Theresa von Avila sagte einmal, sie spüre die Gegenwart Jesu so ähnlich wie man Menschen in einem dunklen Raum wahrnehme, auch wenn man sie nicht hört oder an sie stößt. 

Dunkelheit pflegen kann bedeuten, die kleinen Einschlafriten pflegen: Ein wenig am Bett der Kinder sein, Abendgebet pflegen. Oder auch, nicht einfach in den Schlaf absacken, sondern miteinander und liebevoll sich bedecken lassen vom Mantel des Dunkels, der Stille, des Hörens und Spürens. Und wenn man aufwacht, vielleicht sich nicht nur ärgern über die Unterbrechung, sondern sie ein wenig zu genießen versuchen und in der Morgendämmerung den Tag erwarten und begrüßen. 

Kann nicht auch die Diskretion Menschen gegenüber manchmal eine Art von Kultur der Dämmerung und nicht nur „Zwielicht“ für „zwielichtige Unternehmungen sein? Es schafft Gelegenheit, dass jemand sich selber zeigen und offenbaren kann und er sich nicht im grellen Licht einer Verhörlampe weiß – Ob nicht auch der „Beichtstuhl“ mit seinem Dämmerlicht ein Signal dafür gibt, dass man nicht jemand ausleuchten will. Und es ist bezeichnend, dass Ignatius von Loyola in einer Anweisung für das Gespräch in den Exerzitien schreibt: Es sei zwar gut, wenn der Exerzitienbegleiter über die verschiedenen Gedanken und Regungen der Person, die die Exerzitien macht, gut unterrichtet sei; er solle aber nicht von sich aus wissbegierig nachforschen. Die Dunkelheit, die Dämmerung achten. Sie kann ein Schutz sein für unsere so verletzlichen Seelen. Vielleicht ahnen wir dabei etwas von der Weisheit des Psalmes: „Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.“ (Psalm 131, 2)

28.12.2010

Willi Lambert

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