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Gegen den Gottes- und Jesuskomplex hilft der folgende kleine Psalm:
Ps 131,1 Herr, mein Herz ist nicht stolz, / nicht hochmütig blicken meine Augen.
Ich gehe nicht um mit Dingen, / die mir zu wunderbar und zu hoch sind.
2 Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; / wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.
3 Israel, harre auf den Herrn / von nun an bis in Ewigkeit!

©Magnus Manske, Wikimedia Commons

Mt 18,1 - 5

Mt 18,1 In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten:
Wer ist im Himmelreich der Größte? 2 Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte 3 und sagte: Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. 4 Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. 5 Und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.

 

 

 

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© Foto: Thomas Gertler


Komplexannahmestelle

Es gab etwas sehr schönes in der DDR. Es gab dort „Komplexannahmestellen“. Ja, nicht wie Sie jetzt denken!
Dort saßen keine Psychologen oder Berater, die einem die psychischen Komplexe abnahmen. Nein, dorthin brachte man seine abgelaufenen Schuhe, seine reinigungsbedürftigen Kleidungsstücke, seine kaputte Uhr, das kaputte Radio, das konnte man bringen. Alle diese Komplexe wurden einem abgenommen und repariert. Andere Komplexe leider nicht.

Gerade die habe ich aber im Sinn. Und da einen ganz speziellen, nämlich den Gotteskomplex. Der Begriff stammt von Horst-Eberhard Richter (1923-2011) Er hat im Jahr 1979 ein Buch mit dem Titel „Der Gotteskomplex“ veröffentlicht. Die Grundthese darin lautet, dass der neuzeitliche Abschied von Gott nicht nur unsere Freiheit und Unabhängigkeit hervorgebracht hat, sondern auch den Glauben an die Allmacht des Menschen. Der Mensch überwindet immer mehr seine Grenzen und Mängel und macht sich durch die moderne Technik immer gottähnlicher. Durch die modernen Medien wird er allgegenwärtig und (durch google und wikipedia) allwissend, durch die Technik allmächtig. So sehr, dass er vielfach diese Erde vernichten kann. Aber er meint natürlich, dass er sie retten wird.

Dieser Gotteskomplex macht nicht nur den davon befallenen Menschen krank, weil er maßlos wird, sondern die ganze Schöpfung. Das wissen wir und spüren wir an all den Katastrophen. Und wir sind heute nicht mehr so selbstgewiss, was unsere Fähigkeit betrifft, tatsächlich nicht nur wie Gott zu sein, sondern auch noch die Welt mit unserem Fortschritt retten zu können. Der „Gotteskomplex“, wie ihn Horst-Eberhard Richter beschrieben hat, wird schwächer und hat seinen Höhepunkt hoffentlich überschritten.

Es gibt aber auch noch einen anderen „Gotteskomplex“, an dem sogar die krank werden können, die an Gott glauben. Vielleicht sollte ich diesen Komplex lieber den Jesuskomplex nennen. Ich habe selbst immer wieder Anfälle davon. Was meine ich? Ich denke dann, dass ich als guter Christ wie es Luther schon gesagt hat, jedermanns Knecht und zudiensten zu sein habe. („Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“) Ich muss, wie ich es an Jesus ablese, jedem Notleidenden zu Hilfe kommen, für alle Zeit haben, jede Bitte erfüllen und jedes Gespräch führen. Das ist der Jesuskomplex, an dem viele Christen und Jesuiten leiden. Und von dem auch ich immer wieder Anfälle bekomme. Es ist dann höchste Zeit, dass ich wieder in die Komplexannahmestelle gehe. Oder mal wieder das folgende Gedicht von Robert Gernhardt meditiere:

 

Ich sprach

Ich sprach nachts: Es werde Licht!
Aber heller wurd' es nicht.

Ich sprach: Wasser werde Wein!
Doch das Wasser ließ dies sein.

Ich sprach: Lahmer, Du kannst geh'n!
Doch er blieb auf Krücken stehn.

Da ward auch dem Dümmsten klar,
dass ich nicht der Heiland war.

 

Zuletzt dringt selbst in meinen Sinn, dass ich nicht der Heiland bin. Das ist erst bedauerlich, aber dann, dann freu ich mich. Tatsächlich ist es sehr befreiend, wenn ich mir bewusst werde, dass ich nicht Jesus bin und es auch nicht zu sein brauche. Die Befreiung von diesem Komplex hat lange gedauert, wie das mit Komplexen so ist, aber hat mir viel Last von der Schulter und Druck von der Seele genommen.

Ich muss nicht jedes Problem lösen. Ich muss mich nicht mit jedem Menschen verstehen. Ich muss nicht jeder/m zu Hilfe eilen. Ich muss nicht jede Bitte erfüllen. Ich muss nicht jeden Termin annehmen. Gott sei Dank! Ich darf auch anderen und auch Jesus noch etwas überlassen.

 

Heute Nachmittag nehme ich mir frei und grüße Sie herzlich

Thomas Gertler SJ

27. November 2013

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