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Gebet ist eher dann so eine Erfahrung, wie es Edith Stein beschrieben hat, freilich in einer Sprache von vor fast 100 Jahren. Und sie bedeutet Trost und Reichtum und zugleich Fremdwerden mitten in denen, mit denen ich täglich lebe.

© Foto: NASA / Apollo 11


„Es ist eine unendliche Welt, die sich ganz neu auftut, wenn man einmal anfängt, statt nach außen nach innen zu leben. Alle Realitäten, mit denen man vorher zu tun hatte, werden transparent, und die eigentlich tragenden und bewegenden Kräfte werden spürbar. Wie belanglos erscheinen die Konflikte, mit denen man vorher zu tun hatte! Und welche Fülle des Lebens mit Leiden und Seligkeiten, wie sie die irdische Welt nicht kennt und nicht begreifen kann, fasst ein einziger, nach außen fast ereignisloser Tag eines gänzlich unscheinbaren Menschendaseins! Und wie seltsam kommt man sich vor, wenn man mit Menschen, die nur die Oberfläche sehen, als einer von ihnen lebt und, ohne dass sie es ahnen oder merken, all dies andere in sich und um sich hat“
(Selbstbildnis in Briefen III, ESGA 4)

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© Foto: Phrontis / Wikimedia Commons
Lizenz: cc-by-sa-3.0


(K)eine Erleuchtung

Als ich zwanzig war und fromme Betrachtungs-Bücher gelesen habe, damals zB von Louis Evely „Neuer Wein in neue Schläuche“ war ich erstaunt, welche Erleuchtungen da drin standen und wie schön sie zu lesen waren. Ich dachte immer, was muss der für großartige Ideen beim Gebet haben, wie viele Lichter müssen ihm immer aufgehen, wenn er eine Schriftstelle meditiert. Beneidenswert. Und bei mir nix. Keine Erleuchtung. Nur eine Stunde mühevolle Versuche zu beten.

So als begeisterter Anfänger im Glauben und Gebet möchte man natürlich gern selbst auch immer solche Erfahrungen machen. Dass mir das Herz brennt. Dass ich erleuchtet werde. Dass ich schnell den Berg mit den sieben Stufen ersteige (Thomas Merton). Ja, vielleicht sogar anfange zu schweben wie die große Theresia von Avila, die mit samt der Kirchenbank emporgehoben wurde – weil sie sich geschämt hat zu schweben und sich darum so sehr an der Bank festhielt. Ja, all das liest man und ersehnt man sich. Leider nicht ganz frei von Eitelkeit und Sensationslust…

Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Viele Gedanken ja, aber vor allem ablenkende Gedanken an alles Mögliche und Unmögliche. Kaum wirklich erhebende Gedanken und tiefe Einsichten. Nein. Doch ja, schon mal ein brennendes Herz. Schon mal so ein kleines Lichtchen, bei den Jesuiten lateinisch „lumina“ genannt. Und wie freue ich mich darüber. Aber gar nichts weiter Spektakuläres. Es gibt schon das, was bei unserem Ordensgründer Ignatius von Loyola (1491-1556) Trost heißt. Also doch so ein Gefühl, dass Gott irgendwie nahe und zu spüren ist. Schön und tröstlich. Ja, das macht wirklich froh. Aber doch keine Erleuchtung. Doch nicht Großes und Besonderes.

Und das ist heute bei mir auch nicht viel anders. Wohl habe ich die Erfahrung von Frieden und Nähe im Gebet. Aber tiefe Einsichten oder Erleuchtungen im Gebet habe ich nicht. Manchmal schon so etwas. Zum Beispiel wie es mich tief angerührt hat, als mir bewusst wurde, dass der Brief des heiligen Paulus an die Galater wirklich von Paulus selbst geschrieben wurde. Und dass ich ihn heute noch im Original lesen kann. Und dass ich das gerade jetzt tue. Und dass ich mit Paulus verbunden bin im Glauben an Christus. Dass ich das Gleiche sagen kann wie er: „Ich lebe im Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ Da staune ich dann wirklich. Unglaublich. Paulus selbst und eigenhändig. Ja, das berührt mich. Aber eine tiefe intellektuelle Einsicht ist das noch nicht. Oder?

Also was will ich Ihnen damit sagen? Es könnte sein, dass Sie, liebe Leserin, dass Sie verehrter Leser, so denken wie ich damals: der Thomas Gertler schreibt jede Woche solche Texte und solche Gedanken auf für uns und mir fällt nie etwas Besonderes ein. Ist da nicht was falsch mit meinem Gebet? Ich möchte Ihnen sagen, mir fällt direkt beim Beten auch nichts Besonderes ein. Es gibt bei mir keine Erleuchtungen. Beten soll ja auch nicht Nachdenken sein. Beten ist ja nicht da, um Texte zu verfassen. Beten ist in Beziehung treten. Beten ist einfach beieinander sein. Freilich gibt es Durchbrüche. Freilich fallen im Gebet zuweilen lebenswendende Entscheidungen. Und die führen dann zu einer neuen Sicht der Welt. Und dann sehe und verstehe vieles neu und bin innerlich sehr, sehr froh. Und das habe ich auch erlebt. Gott sei Dank! Aber nicht immerzu, sondern manchmal so etwas wie die Verklärung auf dem Berg (vgl. Mt 17,1-9). Selten, sehr selten.

Dass Sie das aber auch erleben und solche Erleuchtung und solches Glück erfahren, wünsche ich Ihnen.
Thomas Gertler SJ

19. März 2014

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