Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheIn Frage gestellt
DeutschEnglishFrancais

Das erste Wort, das Jesus im Johannesevangelium spricht, ist eine Frage. Sie zielt tief. Tiefer als die Jünger jetzt verstehen und wissen. So wie sie auch gar nicht kapieren, wie tief ihre eigene Frage geht nach der Bleibe Jesu. Die ist nämlich nicht allein der Ort, wo er gerade wohnt. Nein, Jesu Bleibe ist das Herz des Vaters, von dem er gekommen ist. Und davon spüren die Jünger etwas, als sie bei Ihm bleiben und spüren, wer er ist, und bekommen so eine erste Antwort auf ihre Suche. Hat das Evangelium etwas zu tun mit dem allen, was jetzt passiert?

Johannes weist auf Jesus:
© Foto: via Wikimedia Commons

Joh 1,35 - 41

1,35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. 36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! 37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. 38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst [bleibst] du? 39 Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus).

Seitwert
© Foto: Thomas Gertler


In Frage gestellt

Im verspäteten und übervollen Zug nach Linz sitze ich am Impuls für diese Woche. Er soll heißen: „Von Angela lernen…“ und von ihrer Pressekonferenz vom 31. August zur Flüchtlingsfrage handeln und was wir daraus lernen können, auch für unser eigenes, auch für unser geistliches Leben. Er ist fast fertig. Zwei Reihen vor mir telefoniert jemand unüberhörbar mit München: „Du, ich habe eben mitbekommen, dass die Grenzen nach Österreich geschlossen werden, kann ich eventuell bei Dir in München übernachten?“ Als der Schaffner kommt, entspinnt sich ein heftiges Gespräch, ob es stimmt mit der Grenzschließung. Und was nun werden soll!? Der Zugbegleiter weiß es nicht, aber wir fahren noch, allerdings nur bis Günzburg vor den Toren Augsburgs. Dann stehen wir und es wird nach einer Weile durchgesagt, dass der Bahnhof München wegen einer Bombendrohung gesperrt ist und dass der Zug tatsächlich nur bis zur österreichischen Grenze fährt. Und dann ist Schluss.

Alles ist in Frage gestellt. Die Reisenden nach Österreich haben nun ein großes Problem. Das ist jetzt und hier im Zug nach Linz sehr massiv zu spüren. Da kommen all die Probleme und Fragen ganz nahe. Die Flüchtlinge, die unbedingt nach Deutschland wollen, kommen nicht weiter. Österreich kommt an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit, die Deutschland nun erreicht zu haben meint. Nichts geht mehr.

Von wegen „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“! Viel häufiger und heftiger stellt er uns in Frage durch die Wirklichkeit. Ja, Gott stellt uns in Frage durch die Wirklichkeit!! Bis vor einer Woche und in der Pressekonferenz hieß es noch: „Wir schaffen das!“ Und jetzt geht es einfach nicht mehr. Die Not ist größer als wir - und das, was wir schaffen. Und jetzt weiß keiner weiter. Und es geht auch nicht weiter. Wir stehen in Günzburg. Ja, lieber Thomas, so ist es und du weißt auch nicht weiter. Deinen fast fertigen Impuls kannst du vergessen. Ja, ich sitze da und bin ratlos und hilflos. Wie so ganz viele es jetzt sind.

Nach etwa einer halben Stunde geht es doch weiter und ich komme glücklich nach Augsburg. Einen Tag später sitze ich in meiner Gebetsecke und schaue auf mein Christusbild. Es schaut auf mich mit großen Augen. Ist nicht auch in ihnen eine Frage? Eine Frage an mich?

Da fällt mir ein, dass ich vor kurzem einen Vortrag gehört habe, in dem es darum ging, wie denn Jesus von Gott spricht und der erste Punkt war, dass Jesus die Menschen fragt und darin auch in Frage stellt, ja, bis in den tiefsten Grund des Menschen hinein fragt, wo es ums Ganze und um Gott geht:

„Was sucht ihr?“ (Joh 1,38);
„Warum habt ihr solche Angst?“ (Mk 4,40);
„Wo ist euer Glaube?“ (Lk 8,25);
„Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51);
„Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6);
„Liebst du mich?“ (Joh 21,17);

Aber Jesus stellt nicht nur in Frage. Er ist nicht vor allem kritisch. Nein, er interessiert sich mit seinem Fragen wirklich für den Menschen, der da vor ihm steht. Er will seine Antwort wissen. Er will ihn kennenlernen. Und das ist ja auch zugleich die tiefere Sehnsucht des Menschen. Dass sich jemand für ihn interessiert. Ihn fragt und von ihm wissen will. Und das heißt jetzt in dieser Situation der In-Frage-Stellung, es kann nicht nur um Versorgung gehen, um Essen, Bett, Medizin, Beschäftigung. Es geht um konkrete Menschen. Um die, die zu uns kommen in ihrer Not. Aber auch die, die jetzt zu uns kommen, müssen wissen, dass es nicht um ein Schlaraffen- und Traumland geht, sondern auch um konkrete Menschen und Verhältnisse in Deutschland. Die Wirklichkeit stellt uns alle in Frage. Worum geht es? Worum geht es uns?

Also lassen wir uns fragen und halten wir diese Frage ein bisschen (ein bisschen?) aus.

So grüßt Sie - selbst fragend und befragt
Thomas Gertler SJ

16. September 2015

Werden Sie Fan von update-seele bei facebook - Diskutieren Sie und tauschen Sie sich aus!

Der Wochenimpuls als Newsletter. Jeden Mittwoch. Pünktlich. Kostenlos. In Ihr Email-Postfach. Gleich HIER abonnieren!