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Immer noch gültig und nachfühlbar erzählt uns die Sündenfallgeschichte des Buches Genesis von der Scham der ersten Sünde und den Folgen und davon. Dass Gott es zur Sprache bringt und ersten Schutz bietet, so dass der Mensch leben kann, obwohl die Welt nun nicht mehr paradiesisch ist. Neu und tiefer verstehen kann ich nun, dass uns in der Taufe das Kleid überreicht wird, um uns Schutz und Würde zu geben und uns neu leben zu lassen. Und dieses Kleid ist Christus. „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt“ (Gal 3,27).

Albani-Psalter, ca. 1130:
Ausweisung aus dem Paradies

Gen 2,25 - 3,21

2,25 Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.
3,1 Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? 2 Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; 3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. 4 Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. 5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. 6 Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. 7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. 8 Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. 9 Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? 10 Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. 11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? 12 Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. 13 Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen. 14 Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht / unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. / Auf dem Bauch sollst du kriechen / und Staub fressen alle Tage deines Lebens.15 Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, /zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. / Er trifft dich am Kopf / und du triffst ihn an der Ferse. 16 Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. /Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Du hast Verlangen nach deinem Mann; / er aber wird über dich herrschen. 17 Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen / alle Tage deines Lebens. 18 Dornen und Disteln lässt er dir wachsen / und die Pflanzen des Feldes musst du essen.19Im Schweiße deines Angesichts /sollst du dein Brot essen, / bis du zurückkehrst zum Ackerboden; / von ihm bist du ja genommen. / Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück. 20 Adam nannte seine Frau Eva (Leben), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen. 21 Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit.

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Ich schäme mich

Ein Mitschüler hat unserer Lehrerin den Schwamm auf den Stuhl gelegt. Tatsächlich gelingt der Streich. Sie setzt sich auf den nassen Schwamm und springt wütend empor: „Wer war das? Ich will jetzt sofort wissen, wer das war!“ Und wer kriegt den roten Kopf? Ich natürlich. Obwohl ich es gar nicht war. Und ich denke: „Jetzt denkt die Frau Maier, dass ich es war, oh weh!“ Wie, Sie kennen das auch? Ja, – natürlich nur aus der Schulzeit! Natürlich nur von damals. Oder?

Ja, wir schämen uns für Sachen, die wir gar nicht gemacht haben. Komisch. Und auch gar nicht komisch. Das ist nämlich so eine Art Solidarität. Ich schäme mich und bekomme den roten Kopf, weil es ungehörig war, der Lehrerin den nassen Schwamm hinzulegen. Sie in so eine peinlich Situation zu bringen. Da schäme ich mich mit. Einmal für die peinsame, schwammfeuchte Situation der Lehrerin. Und für den Täter auch gleich mit. Wir schämen uns, auch wenn wir gar nichts gemacht haben, wenn etwas geschieht, was nicht geschehen sollte. Wann ist es Ihnen zuletzt so gegangen?

Scham ist in unseren Breiten zumeist irgendwie mit Sexualität verbunden. Sie ist so intim und hat so etwas sehr Verletzliches. Diese Verbindung kommt aus der Sündenfallgeschichte des Paradieses mit Adam und Eva und der Schlage und mit der Deutung dieser Geschichte durch den großen Kirchenlehrer Augustinus. Aber die Nacktheit des Paradieses und das Fehlen der Scham darüber beim ersten Menschenpaar vor dem Sündenfall, das sagt nicht nur etwas über paradiesische Unschuld im Sinne sexueller Unschuld. So hören wir es meist (eben wegen Augustinus). Aber das ist eine Verengung. Paradiesische Unschuld meint mehr, nämlich dass es eine Geborgenheit, einen Frieden und ein Vertrauen gab. Die Welt war noch heil und ganz. Auch alle Beziehungen: zu Gott, zwischen Mann und Frau, zu den Tieren, zur Natur waren noch heil und ungestört.

Der Bruch des Gebotes bricht alle diese Beziehungen entzwei. Und die Folge ist das Gefühl der Scham. Ich werde mir meiner Nacktheit bewusst. Und das heißt nicht nur, dass das sexuelle Begehren aufbricht, weil ich nun mich selbst und den anderen nackt sehe. Nein, ich werde mir auch meiner Schutzlosigkeit und meines Ausgeliefertseins bewusst. Die Ganzheit von allem, die Integrität ist dahin. Die Welt ist nun voller Misstrauen. Ich traue mich nicht mehr, Gott unter die Augen zu treten. Ich verstecke mich. Ich verstecke mich auch als Schutz. Ich halte die Augen Gottes nicht mehr aus. Ich habe das Ansehen verloren – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe das Gefühl, Gott sieht mich nun anders an und ich sehe Gott anders an. Und obwohl Eva sich mit mir unter dem Busch versteckt, wir sind beide plötzlich allein. Jeder für sich. Die Zusammengehörigkeit und Zugehörigkeit sind verloren gegangen. All dessen schäme ich mich.

Schreckliche Scham, die vereinzelt und die uns stumm werden lässt! Über das, wessen wir uns schämen, lässt sich sehr schwer sprechen. Wir überspielen es. Wir beschäftigen uns mit anderem. Wir sprechen nicht darüber, was Schamvolles geschehen ist. Dieses Verschweigen ist etwas, das krank macht. Und zwar über Generationen hinweg. Das zeigt das seltsame und doch so verständliche Phänomen, dass sich die Enkel schämen für das, was ihre Vorfahren als Juden im KZ erdulden mussten oder daran, dass sich die Enkel schämen für das, was ihre Vorfahren in der Nazizeit getan haben. Wenn es nicht ausgesprochen und besprochen wird, bleibt diese schreckliche Scham, die weiter schweigt und vereinzelt und sich versteckt, auch bei den Enkeln.

Wenn aber geredet wird, wenn all das Schlimme und Schreckliche herauskommen darf, dann besteht die Chance, dass es tatsächlich seine Macht verliert, dass es heilen kann und dass eine heilsame Scham entstehen kann. Nämlich eine gnadenvolle Scham. Sie drückt sich darin aus, dass Gott selbst dem Menschen Kleidung gibt, in der er sich nun wieder sehen lassen kann. Eine Scham, die die Schutzbedürftigkeit, die die Integrität, das Ansehen, die Würde achtet.

Haben Sie diese Verwandlung von schrecklicher, schweigender, vereinzelnder Scham zu heilvoller, achtsamer, achtungsvoller Scham schon einmal erlebt?

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

17. Juni 2015

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