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Eine schöne Geschichte, die zeigt, wie groß und wie klein, wie stark und wie brüchig unser Vertrauen ist, ist die von Petrus, der auf das Wort Jesu hin, aus dem Schiff steigt und über das Wasser geht. Und einbricht. Und gerettet wird. Diese Geschichte fasst gewissermaßen die ganze Geschichte Jesu mit Petrus zusammen. Sein großes, selbstbewusstes Vertrauen, das sich mehr zutraut, als er kann. Sein Versagen, ja sein Verleugnen Jesu in der Stunde der Lebensgefahr. Und wie Jesus ihn dennoch rettet, ja gerade so zum Felsenmann macht, zu Petrus, auf den er seine Kirche baut: Angst, Versagen und Vertrauen.

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Mt 14,23 Spät am Abend war er [Jesus] immer noch allein auf dem Berg.

24 Das Boot [mit den Jüngern] aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.

25 In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See.

26 Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

27 Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!

28 Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.

29 Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.

30 Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!

31 Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32 Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.

33 Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.

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Ich habe Angst

Ja, ich habe Angst. Sie ist ein Grundgefühl in meinem Leben. So ganz nach oben kommt sie nicht mehr oft. Und dass sie alles beherrscht ist selten. Aber es passiert schon noch. Meistens ist es auch nicht Angst, sondern Furcht. Furcht ist die Angst vor etwas Konkretem. Zum Beispiel die Prüfung morgen. Oder das Gespräch mit dem Chef. Oder die Auseinandersetzung mit meiner Partnerin oder mit meinem Ehemann und die Angst, es geht womöglich auseinander. Oder die Angst vor dem Arzttermin. Was wird wohl rauskommen? Angst vor der großen Reise. Vor dem Auftritt vor versammelter Mannschaft. Angst, ausgelacht zu werden, sich zu blamieren, zu versagen. Was war Ihre letzte Angst?

Es gibt auch Ängste, die sind zwar konkret aber doch ganz allgemein: Höhenangst und damit verbunden Flugangst. So dünn ist die Wand zwischen mir und dem Abgrund! Was empfinden Sie, wenn Sie sich z. B. dieses Filmchen anschauen? Oder Spinnenangst. Ich muss schreien, wenn ich eine sehe (also zum Glück muss ich jetzt konkret nicht wirklich schreien und gehört Arachnophobie nicht zu meinen Ängsten). Oder Angst vor der Enge. Unmöglich, die schmale Blechbüchse eines Aufzugs zu besteigen. Da ersticke ich. Oder auch das Gegenteil: Großer leerer Platz – unmöglich, ihn zu überqueren, ohne dass der Angstschweiß aus allen Poren bricht. Manche Leute lieben ja Horrorfilme. Ich überhaupt nicht. Mich kann man damit jagen. Ich hab so schon immer wieder genug Ängste oder Schrecken. Da muss es nicht noch so was sein.

Tiefer und immer unfassbarer und für die Engländer und Amerikaner etwas ganz typisch Deutsches ist die Angst allgemein, „German Angst“. Diese Art Angst berühre ich, wenn ich eine von diesen Phobien habe. Die Höhe ruft in mir die Angst vor dem Abgrund hervor, vor der Bodenlosigkeit, vor der Ungesichertheit meines Daseins überhaupt. Und genau das ist es. Angst ist das Gewahrwerden, dass ich abstürzen kann ins Nichts. Angst, dass ich in der Enge des Aufzugs ersticke, keine Luft mehr kriege, mich nicht mehr bewegen kann, keine Fluchtmöglichkeit habe. Todesangst.

Diese Angst, die mich da anpackt, ist letztlich immer Todesangst. Alle Menschen sind sterblich. Thomas ist ein Mensch. Also ist Thomas sterblich. Ein nüchterner logischer Schluss, der mir die Kehle zuschnürt. Wie kann ich dem entgehen? Wie werde ich mit dieser Angst fertig, die mich total einsam macht? Ich kann versuchen, sie zu übertönen. Und das tun viele. Sie weichen dem Gedanken aus und vermeiden alles, was sie an den Tod oder die Vergänglichkeit erinnert. Der starke Wandel in der Beerdigungskultur und im Verhalten dem Tod gegenüber hat es damit zu tun. Genauso der Jugendwahn. Unbedingt jung bleiben. Anti-Aging: mit allen Mitteln gegen das Altern. Und mir fallen die Haare aus. Haben Sie was dagegen? Aber es hilft sowieso nix. Haare, Jahre, Zähne und Pläne – alle vergehn. Nicht schön. Eher zum Verzweifeln. Wer weiß, wie stark auch die Gier, Geld zu haben und Geld zu machen, und alle Formen von Versicherung genau in dieser Angst wurzeln? Also die Finanzkrise hat am Grunde die Todesangst.

Gibt es eine andere Antwort als die Flucht und die Selbstsicherung? Es gibt eine Theologie, die sagt, dass die Angst des Menschen ihren letzten Grund im Verlust des Vertrauens hat. Wer vertraut, dass das Flugzeug nicht abstürzt, der wird es besteigen. Wer vertraut, dass die Spinne nicht stärker ist als ich, der kann ihr begegnen, ohne wegzulaufen. Wer dem Kölner Spruch vertraut: Et hät noch emmer joot jejange, der geht auch zum Zahnarzt. Aber da wird natürlich auch schon klar, dass das Kölner Grundgesetz und das darin gemeinte Grundvertrauen nicht für alles reicht. Denn genauso sicher ist, dass es eines Tages mal nicht gut gehen wird und dann gilt: „Wat fott es, es fott – weg ist weg“. Und dann steh ich direkt vor dem Tod. Und da kann ich dann nicht mehr nur auf die Verhältnisse und die guten Menschen vertrauen, da muss ein tieferes Vertrauen sein. Nur wer vertraut, dass er den Tod überlebt, der kann ihm ins leere Auge schauen. Wer vertraut, dass er letztlich gehalten und getragen ist von der Liebe und der Güte Gottes, der kann seine Endlichkeit und Sterblichkeit annehmen und muss ihr nicht entfliehen. Und der kann auch glauben, dass der geliebte Mensch nicht im Nichts vergeht. „Einen Menschen lieben, heißt ihm sagen: Du wirst nicht sterben!“ (Gabriel Marcel). Das kann ich nur sagen, wenn es mehr gibt als uns allein und diese vergängliche Welt. Dieses Vertrauen auf das Getragensein von Gottes Liebe nimmt mir nicht die Angst um mich, um die Welt und um den geliebten Menschen, aber es hilft, dass die Angst nicht das letzte Wort hat und mich nicht überwältigt.

2. Mai 2012

Dass Ihnen dieses Vertrauen geschenkt wird, das wünsche ich Ihnen
Thomas Gertler SJ     

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