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Maria ist ein junges Mädchen in Israel, das keiner kannte – ein Nichts für die Menschen damals – nicht für Gottes Blick. Er schaut sie voller Liebe und Gnade an und das verwandelt sie. Und sie wird die größte Frau der Weltgeschichte. Sie vertraut auf Gott und bringt Jesus zur Welt. Und sie besingt die Tat Gottes, der immer schon das Kleine, Arme und Verachtete erwählt und groß gemacht hat (vgl. 1 Kor 1,21-30). Und wenn Sie das Magnifikat lesen, merken Sie, dass diese Fragen nach Ansehen, nach Vertrauen und Liebe nie bloß private Themen sind, sondern viel mit Schule, Öffentlichkeit und Politik zu tun haben.

Quelle: Wikimedia Commons (Hans Bug)

Lk 1,39 Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.

40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.

41 Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt

42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44 In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.

45 Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

46 Da sagte [sang] Maria:
Meine Seele preist die Größe des Herrn, /

47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. /
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan /
und sein Name ist heilig.

50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht /
über alle, die ihn fürchten.

51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: /
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

52 er stürzt die Mächtigen vom Thron /
und erhöht die Niedrigen.

53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben /
und lässt die Reichen leer ausgehen.

54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an /
und denkt an sein Erbarmen,

55 das er unsern Vätern verheißen hat, /
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

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© Guido Vrola - Fotolia.com


Ich bin der Größte

Das sagte, ja schrie der Boxer Muhammad Ali, alias Cassius Clay, mit großer Lautstärke, wenn er einen Kampf gewonnen hatte und galt damit als Großmaul. 1999 wurde er jedoch tatsächlich als Sportler, nicht des Jahres, sondern des Jahrhunderts gewählt. Es soll mir in diesem Impuls aber nicht um Muhammad Ali gehen, sondern um das Gegenstück zu meinem letzten Impuls „Ich bin nichts“, der eine typisch ostdeutsche Stellungnahme war. Als ich 1995 von Erfurt nach Frankfurt am Main kam und dort für 14 Jahre lebte, ist mir klar geworden, dass man sich im Westen lieber die Zunge abgebissen hätte, als von sich selbst zu sagen: „Ich bin nichts.“ Das durfte man vielleicht denken und fühlen, aber niemals sagen.

Nein, es kommt darauf an, wer zu sein. Unbedingt. Du musst etwas darstellen, du musst dich darstellen, du musst auffallen, du musst herausstechen, du musst etwas Besonderes sein. Es geht gar nicht, nur eine graue Maus zu sein, ein Mauerblümchen oder ein Aschenputtel. Nein, das auf gar keinen Fall. Man muss erkennbar sein. Man muss sich positionieren. Man muss einen Standpunkt haben und den auch möglichst gut behaupten. Ob ich das wirklich bin, ist nicht so wichtig. Reden und auftreten zu können, ist dabei entscheidend. Das wird gelernt und eingeübt.*

Und es gibt die großen Bühnen, wo das täglich vorgeführt und aufgeführt wird. In der Politik und in den Medien. In der Zeitung, im Radio und vor allem im Fernsehen. Sie kennen es alle. Die Talkshows sind der kleinere Tummelplatz dafür. Da wird dargestellt, wie das laufen muss. Und der Unterhaltungswert wird daran bemessen, wie unterschiedlich und wie schrill die Typen sind, die da aufeinander losgehen und sich möglichst gut verkaufen und vorstellen. Da wollen vor allem Klischees bedient werden. Erwartungen des Publikums. Oder auch mal das Gegenteil, aber „alles außer gewöhnlich“.

Genauso eine schwierige Bühne, die viele kennen: das Vorstellungsgespräch oder die Bewerbung bei einer Firma oder einer Behörde. Eigene Lehrgänge und jede Menge Literatur gibt es, wie man auftreten muss. Was man anziehen soll. Welche Fehler unbedingt zu vermeiden sind. Wie ich den Erwartungen entspreche. Und wie ich als die allergeeignetste Person für den Job erscheine. Fast jeder hat es schon erlebt und kennt das Zittern und die Ängste und die Aggressionen, die das auslöst.

Auch das alles übt einen Druck aus. Auch das verformt. Auch das verletzt. Auch das ist nicht nur förderlich für mich selbst. Und all die Verachtung, wenn ich nicht entspreche. Wenn ich versage. Die Verachtung der anderen und die Verachtung meiner selbst. Und da schaut es dann hervor das „Ich bin nichts.“ Und das war ja schon immer so. Das hat schon mein Vater und unsere Lehrerin immer gesagt: Du bist nichts und kannst nichts und aus dir wird nie was.

Aber fast noch schlimmer, wenn ich auf dieser Leiter der Verlogenheit immer höher klettere. Wenn ich das Geschäft mit der Politik und den Medien gut und immer besser beherrsche. Wenn ich weiß, wie es geht und wie ich da gut durchkomme und ankomme und mich das immer weiter befördert. Ich brauche gar keine konkreten Beispiele zu nennen. Sie erleben sie ja und kennen sie ja. Zwei nicht enden wollende Geschichten um Politiker in der letzten Zeit. Beide haben es kennen gelernt das Prinzip der „Bild-Zeitung“: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Und was bleibt da übrig von einer Person und ihrer Würde? Die Fassade jedenfalls nicht – und das tut sehr weh, kann aber dann überraschenderweise befreiend sein, wenn sie endlich weg ist.

Was hilft mir in dieser Situation? Wie werde ich unabhängiger von diesen Gesetzen einer Gesellschaft? Von einer Umgebung im Osten, die mich hat spüren lassen, dass ich nichts bin und die Partei und der Staat alles. Von einer Öffentlichkeit heute in Deutschland, die mich leicht in Klischees und Rollen zwingt und so zu einem Leben als Fassade, als bunte und äußerlich souveräne, finanzstarke und fröhliche Maske, bis ich sie selbst geworden bin. Wo Durchschnittlichkeit, Gewöhnlichkeit, Armut, Schwäche, Ohnmacht, Zweifel verachtet werden. Wo ich immer der Größte sein muss?

Was hilft? Es helfen echte Freundschaft und Liebe. Freundschaft, die mich annimmt, wie ich bin. Die mehr sieht als meine Fassade und mein Nichts-Gefühl. Die mich herausfordert, weil sie mir etwas zutraut. Mir mehr zutraut, als ich mir selbst zutraue. Solches Zutrauen und Vertrauen  lassen mich wachsen und auch mein Selbstbewusstsein. Und ebenso die Liebe. Eine Liebe, der ich glauben kann, dass sie wirklich mich meint. Die in mir entdeckt und findet und auftut und erblühen lässt, was ich selbst gar nicht so gesehen habe. Und dann blühe ich wirklich auf. Eine Liebe, die ich nicht verdächtige, dass sie nur ihre eigenen Interessen sucht.

Genauso, dass ich wirklich Freund werde und fähig zur Liebe. Und den unvergleichlichen und einmaligen Wert eines anderen Menschen entdecke, der mehr ist als seine/ihre Leistung, sein/ihr Erfolg, Aussehen und Vermögen. Wenn ich das entdecke, dann kann ich auch glauben und erfahren, dass so etwas auch in mir steckt. Dass da mehr Licht ist als Dunkel.

Ja, noch tiefer und wichtiger, dass hinter der Liebe und Freundschaft von anderen und zu anderen noch eine tiefere Liebe und Freundschaft steckt, ein tieferer Wert, nämlich der ein geliebtes Wesen zu sein, das Gott selbst so gewollt hat und liebt und beim Namen ruft. Und zwar nicht irgendwann mal in der Vergangenheit oder in himmlischer Zukunft, sondern jetzt und hier und bedingungslos. Wenn ich das glauben und annehmen kann, dann muss ich nicht mehr auf Teufel komm raus der oder die Größte und Wichtigste und Mächtigste und Schönste sein. Dann kommt es nicht mehr auf die Fassade an. Dann werde ich frei und ich selbst und froh und kann singen wie Maria ihr „Magnifikat“ – Groß sein lässt meine Seele den Herrn.

Dass Sie das spüren können und froh werden, wünsche ich Ihnen

25. Januar 2012

Thomas Gertler SJ

* Und ist jetzt unter uns und als Anmerkung gesagt eine Quelle großer Missverständnisse und Fehlurteile zwischen Ossis und Wessis geworden: Wenn nämlich der so erzogene Wessi auf den Ossi trifft, so schaute der voller Bewunderung auf dieses Auftreten, das es so im Osten ja kaum gab und hatte riesige Erwartungen, die dann regelmäßig enttäuscht wurden. Ach, die kochen auch nur mit Wasser, ach da ist gar nix dahinter – obwohl das ja nur das „normale“ und gar nicht besonders überzogene Auftreten war… Der Wessi wurde also überschätzt und der Ossi eher unterschätzt wegen der so völlig gegensätzlichen „Erziehung“ im öffentlichen Auftreten.

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