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Charles Peguy ist ein französischer Dichter (1873 – 1914), der vom Sozialismus zum Christentum zurückfand. Er ist gleich am Beginn des 1. Weltkriegs gefallen. Sein langes Gedicht über die Hoffnung ist eines seiner wichtigsten Werke. Hier ein kleiner Ausschnitt daraus.

© Foto: Thomas Gertler

Ich bin, spricht Gott, Herr der Drei Tugenden.
Glaube ist ein getreues Eheweib.
Liebe ist eine zärtliche Mutter.
Doch Hoffnung ist ein ganz kleines Mädchen.
Glaube hält stand von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Liebe verschenkt sich von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Doch meine kleine Hoffnung, sie ist es, die alle Morgen früh aufsteht.

Glaube ist ausgespannt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Liebe entspannt sich von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Doch meine kleine Hoffnung, sie ist es, die uns alle Morgen einen guten Tag wünscht.

Glaube ist eine Kirche, ein Dom, in Frankreichs Boden verwurzelt.
Liebe ist ein Spital, ein Krankenhaus, das alles Elend der Welt aufnimmt.
Doch ohne Hoffnung wäre all das nur ein Kirchhof.

Glaube ist ein mächtiger Baum, eine Eiche, verwurzelt in Frankreichs Herz.
Und unter den Flügeln des Baumes schirmt Liebe, meine Tochter, die Liebe, alle Nöte der Welt.
Und meine kleine Hoffnung ist nichts als diese kleine Verheißung, die als Knospe sich meldet im zarten Beginn des April.

Charles Péguy

Die Bibel erzählt uns vom Gott der Fülle, der es dennoch nötig hat, dem Kleinen und Unscheinbaren nachzugehen. Wie ein Schäfer oder eine Hausfrau in ihrem jeweiligen Element, so müht sich Gott geduldig suchend um das Heil des Einzelnen; man möchte ein Schaf oder eine Drachme sein, um solche Freude zu bereiten:

Seitwert


© Foto: Thomas Gertler

Hoffnung

Wir haben einen Besuch auf der Facenda da Esperanca, dem Hof der Hoffnung in Nauen bei Berlin gemacht. Dort sind wir Thomas begegnet. Er hat uns seine Geschichte erzählt:

Ich bin einer ganz normalen Familie mit mehreren Geschwistern aufgewachsen. Aber in meiner Studienzeit bin ich immer mehr der Virtualitätssucht verfallen. Dabei war es völlig egal womit. Computerspiele, Bücher, Serien, Hauptsache, ich war in meiner eigenen Welt und dachte nicht mehr an die Aufgaben und Schwierigkeiten der Realität. Hauptsache, mein Kopf hörte endlich auf, mich zu bewerten. Ich habe nicht mehr geschlafen, meinen Alltag nicht mehr auf die Reihe bekommen. Nicht mehr studiert. Mich selbst vernachlässigt und angefangen zu lügen, um das alles zu verbergen. Bis es nicht mehr ging.

Da habe ich mich meinen Eltern offenbart. Sie haben mir geholfen, eine Therapie zu machen. Es ging gut. Ich habe viel über mich gelernt und verstanden. Aber dann bin ich wieder zurück gefallen. Noch einmal eine Therapie. Wieder das Gleiche. Am liebsten wäre mir gewesen, es hätte so einen Knopf gegeben, wenn man den drückt, verschwindet man selbst und alles im Nichts. Diesen Knopf hätte ich gern gedrückt. Denn letztlich habe ich nicht eingesehen, warum ich denn mit meiner Realitätsflucht aufhören soll. Es gibt ja doch keine Hoffnung, keine Aussicht, keine Perspektive für mein Leben. Alles bleibt irgendwie sinnlos und leer. Darum fing ich immer wieder an, zu zocken.

Meine Eltern hatten dann über meine Schwester von der Facenda da Esperanca gehört und fragten mich, ob ich es nicht dort einmal versuchen wollte. Da ich selber keine andere Idee hatte, dachte ich, gut, dann gehe ich eben mal dort hin. Das Leben hier auf der Facenda ist ziemlich hart. Kein Fernsehen, kein Computer, kein Handy. Alkohol und Zigaretten sowieso nicht. Der Hof liegt weit außerhalb. Alles flach wie ein Teller. Jeden Tag acht Stunden Arbeit. Mit den Tieren, im Garten oder in der Küche oder in der Wäscherei. Dazu ein intensives Gemeinschaftsleben und ein Leben mit dem Wort Gottes.

Das Neue und andere war: ich musste hier niemand sein, niemanden etwas beweisen, keine Resultate vorweisen. In meiner Kindheit hatte ich ein persönliches Verhältnis zu Gott gehabt. Ich konnte beten. Jetzt fing ich wieder an. Aber es war schwer. Ich konnte Gott echt auch nicht mehr spüren. Ich wollte gern Dinge wirklich aus Liebe tun, wie ich das bei anderen auf dem Hof erlebte, aber es ging nicht. Ich konnte nett sein, freundlich, höflich. Alles. Aber was Liebe war, das wusste ich nicht mehr. An einem gemeinsamen Abend mit den Gründern der Fazenda, nachdem ich etwa 5 Monate da war, stellte ich ihnen diese Frage: Wer kann mir denn helfen, dass ich wieder lieben kann oder überhaupt verstehe, was Liebe ist. Nicht nur einfach freundlich sein und nett und so, sondern wirklich lieben können. Liebe spüren. Es geht nicht. Ich kann nicht. Das ist furchtbar.

Niemand konnte mein Problem lösen. Na klar. Aber es kamen dann nachher viele zu mir und sagten: Thomas, das war sehr gut, dass du das gesagt hast, ich habe mich selbst in dieser Frage verstanden gefühlt! Da habe ich gesehen, dass ich nicht nur durch meine Liebe anderen helfen kann, sondern sogar durch meine Not jetzt nicht lieben zu können. Das hat einen Riss in die Mauer um mein Herz gemacht. Und dann kam es Schlag auf Schlag. Praktisch jede Woche kamen neue Erfahrungen dazu, und ich begriff, was ich vorher nur als Phrase gehört hatte. Ich bin geliebt, unendlich geliebt, so wie ich bin. Und es gibt nichts auf der Welt, nicht einmal meine eigenen Taten, was mir diese Liebe nehmen kann. Und das änderte alles. Jetzt, nach meinem Jahr auf der Fazenda, möchte ich dieses Geschenk anderen weiterschenken, möchte anderen helfen, diese Liebe und diese Freude in ihrem Leben zu entdecken. Heute will ich diesen Knopf ins Nichts nicht mehr drücken, denn ich habe eine Perspektive und eine Hoffnung gefunden. Gott sei Dank! Und den vielen, die mir geholfen haben.

So weit der Bericht oder besser das Zeugnis von Thomas von der Facenda da Esperanca und von da grüße auch ich Sie herzlich und wünsche Ihnen auch solch eine Hoffnung für Ihr Leben!

Thomas Gertler SJ

11. Mai 2016

PS: Noch ein Hinweis! Auf dem Katholikentag werde ich am Donnerstag, dem 26. Mai, um 14.00 in der Reclam-Schule einen Vortrag über die Unterscheidung der Geister halten: „Der Mensch zwischen Gut und Böse“. Mit alten DDR-Witzen, wenn es klappt. Vielleicht sehen wir uns ja dann. Ich würde mich freuen.