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In der Bibel gibt noch keine große Glocken, aber Glöckchen und Zimbeln kommen öfter vor (vgl. Ps 150). Die Stimmung des Adventes mit seinen Glocken fängt mir aber ein Gedicht von Georg Trakl (1887-1914) ein, das mich sehr berührt und mir sehr lieb ist. Darum setze ich es Ihnen hier hin. Brot uns Wein erinnern an die Heilige Messe, zu der die Glocken ruft.

© Foto: Thomas Gertler

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.
Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Georg Trakl, 1887-1914

Seitwert
© Foto: Demicx - CC BY 3.0


Hörst du nicht die Glocken…?

Von Albert Schweitzer habe ich am vorletzten Sonntag eine schöne Geschichte gehört. Er lebte als Kind auf dem Dorf und war sehr tierlieb. Dafür wurde er öfter gehänselt. Er wollte aber zugleich ein echter Kamerad und mutig sein. Einer der Jungen nahm ihn am Sonntagmorgen mit in die Weinberge. Sie hatten sich mit Gummibändern Schleudern gebaut. Der Junge sagte: Heute werden wir Vögel jagen. Er legte einen Kiesel in die Schleuder. Albert tat es ihm mit einem ganz schlechten Gewissen nach. Der Junge und er wollten gerade schießen, da fingen die Kirchenglocken an zu läuten. Albert ließ voll Schrecken die Schleuder fallen, klatschte in die Hände, um die Vögel zu verscheuchen und lief davon. Die Glocke war ihm so ins Gewissen gefahren. Dieses Erlebnis hat ihn für sein Leben geprägt.

Hier eine andere Glockengeschichte von einer jungen Frau, die in der Osternacht getauft worden war: ‚Am Ostersonntag morgens hörte ich noch in meinem Bett die Kirchenglocken. Diese Erfahrung werde ich nie vergessen. Sie läuteten nicht einfach. Sie sangen. Ihre Töne verschwebten und waren so miteinander verbunden wie ein Gesang. Nicht so einfach Schlag auf Schlag, nein, ein richtiger Gesang der Glocken. Ich werde es nie vergessen. Es war ein richtiges Geschenk. Und nun waren diese Glocken ja auch meine Glocken geworden.‘

Die wichtigste Glocke für mich war lange die Gloriosa. Es ist die größte Glocke des Mittelalters und sie hängt im Erfurter Dom. Vor einigen Jahren hat man auf dem Domberg die Grube gefunden, in der sie damals gegossen wurde. Warum meine wichtigste Glocke? Ich habe über 25 Jahre in Erfurt gelebt und für die Erfurter ist diese Glocke natürlich die größte und bedeutendste nicht allein der Stadt. Sie sind stolz auf sie und sie ist ihnen heilig. Sie läutet auch nur zu ganz bestimmten Zeiten und fängt dann immer zuerst an, bevor die anderen Glocken einstimmen. Hier ist sie zu hören. Die hohen Festzeiten und die Katastrophen der Stadt sind mit ihrem Läuten verbunden.

Aber für den Alltag in Erfurt-Hochheim, wo ich gewohnt habe, waren natürlich die Glocken der dortigen Dorfkirche bestimmend. Jeder im Ort konnte die verschiedenen Glocken in ihrer Bedeutung erkennen. Morgens, mittags und abends läutete eine zum Gebet. Dann stand für kurze Zeit alles still, um daran zu denken und dafür zu danken, dass Gott Mensch geworden ist und uns erlöst hat. Mir erzählte eine Ordensschwester aus ihrem Dorf im Spessart, dass ihr Pferd namens Flora beim Pflügen immer stehen blieb, wenn die Mittagsglocke anfing zu läuten.

Aber die Leute erkannten auch die anderen Glocken. So kamen sie in der Kirche zusammen, wenn die Totenglocke erklang. Sie wussten, jetzt ist Oma Frieda gestorben und sie beteten gemeinsam für sie. Auch bei Katastrophen, besonders bei Feuer, oder bei hohen Festanlässen wurde geläutet. Aber am wichtigsten war doch die Turmglocke als Zeitmaß. Jede Viertelstunde schlug die Glocke an. Und ich erinnere mich noch, wie wichtig dieses Schlagen den Menschen war.

Als ich 1995 nach Frankfurt kam, begegnete ich dort dem großen Stadtgeläute. Immer wird der Advent vom großen Stadtgeläute eingeläutet. Da sammeln sich viele Menschen in der Innenstadt. Und besonders schön war für mich, dass ich dort auch wieder auf die Gloriosa traf. Denn Kaiser Wilhelm I. hat dem Frankfurter Kaiserdom einen Nachguss der Erfurter Gloriosa geschenkt. Hier können sie das Stadtgeläut hören.

Mein Vater kannte das Gedicht „Die Glocke“ von Schiller noch in großen Teilen auswendig und hat es uns bei langen Autofahrten in die Ferien vorgetragen, damit wir in der Enge des Rücksitzes schön artig blieben. Es lohnt sich, dieses Gedicht einmal zu lesen und zu entdecken, wie viel daraus sprichwörtlich geworden ist, auch wenn es in seinem Lebens- und Familienbild inzwischen ganz und gar vergangen ist und komisch wirkt.

Was für Glockengeschichten haben Sie? Gibt es welche? Vielleicht lauschen Sie einmal zum ersten Advent dem großen Frankfurter Stadtgeläute! Oder singen Sie einfach mal: Bruder Jakob…

Einen gesegneten Advent wünscht Ihnen
Thomas Gertler SJ

25. November 2015

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