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Der zweite Petrusbrief spricht von der Geduld, und zwar erstmal von Gottes Geduld mit uns. Seine Mühlen mahlen langsam, weil sie uns Zeit lassen. Und darum dürfen auch wir Geduld und auch Hoffnung haben. Es kommt ein Ende. Ein Ende dieser Welt. Aber das ist ein Anfang, der Anfang der neuen Erde und des neuen Himmels. So wie das Kreuz und der Tod Jesu der Anfang der Auferweckung und seines neuen Lebens ist.

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2 Pet 3,8 - 14

3,8 Das eine aber, liebe Brüder [und Schwestern], dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. 9 Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren. 10 Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden (nicht mehr) gefunden. 11 Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: wie heilig und fromm müsst ihr dann leben 12 den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen! An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen und die Elemente werden im Brand zerschmelzen. 13 Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. 14 Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden. 15 Seid überzeugt, dass die Geduld unseres Herrn eure Rettung ist.

Seitwert
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Es geht immer viel langsamer

Es geht immer viel langsamer und dauert viel länger als gedacht. Das gilt nicht nur für den Berliner Flughafen. Das ist bei den meisten Bauten so. Sie brauchen länger als geplant. Ja, noch schlimmer: „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod“, sagt ein türkisches Sprichwort, das Thomas Buddenbrook zitiert und auch mein Vater gern sagte. Eine Umzugskiste in meiner Wohnung ist immer noch übrig und steht unausgepackt in der Ecke… Und diese Langsamkeit und dieses noch nicht Fertigsein gilt auch für die meisten anderen Werke. Ich weiß noch, wie ich an meiner Doktorarbeit saß und saß und oft dachte, dass sie nie fertig wird. Furchtbar. Als sie fertig war, waren sieben Jahre vergangen – eine märchenhafte und biblische Zahl. Und ich weiß, ein Kapitel davon müsste ich eigentlich noch einmal neu schreiben. Nie so ganz und gar fertig! Es geht immer viel langsamer und dauert länger, als man denkt und plant und sich vorstellt. Kennen Sie das auch?

Bei äußeren Werken und Aufgaben ist das noch nicht einmal das Schlimmste. Es gilt ja noch mehr für innere Prozesse, für das seelische Fertigwerden. Ich habe vor einiger Zeit mal wieder mein erstes Tagebuch in die Hand genommen und darin gelesen. Manches wusste ich gar nicht mehr, aber was da an Fragen an mich selbst und Problemen mit mir selbst, dem vierzehnjährigen Thomas, aufgeschrieben war, das kenne ich noch heute von mir. Gerade auch meine Langsamkeit oder mein Herummähren mit einem langen äää, wie man in meiner Heimat, dem Eichsfeld sagt. „Määähr doch nicht so rum! Mach mal hinne!“ Je mehr Zeit ich habe, umso mehr Zeit brauche ich. Darum ist Zeitdruck oft gut, weil ich dann nicht in dieses Herummähren verfalle, sondern eben zum Beispiel diesen Impuls am Montag fertig geschrieben haben muss. Ja, doch es gibt einen Unterschied zu meinem vierzehnten Lebensjahr: ich kann besser damit umgehen. Ich kenne es als Versuchung und Gefahr, aber ich verzweifle nicht daran. Ich beschimpfe mich nicht mehr deswegen. Ich lebe im Frieden damit. Lange hat es gedauert. Und weg ist es noch immer nicht. Es braucht alles viel länger und geht viel langsamer als gedacht.

Und das ist auch in unserer Geschichte mit Gott nicht anders. Auch da ist es ein langer Weg, auf dem es ganz langsam vorwärts geht. So kleine Schrittchen. Und dann noch stehen bleiben und gar nicht weiter wollen. Oder gar Rückfälle! Wann kann ich endlich richtig gut beten? Wann ist es endlich ganz in Fleisch und Blut übergegangen? Wann kann ich endlich Ja sagen? Wann kann ich endlich sehen, dass täglich und stündlich Gottes Liebe und sein Ja zu mir kommen? Nämlich in jedem Atemzug. In jedem Sonnenstrahl. In jedem Regentropfen, der fällt. In all dem kommt Gottes Liebe zu mir. Kommen sein Ja und seine Liebe zu mir und zu uns. „Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Bis jetzt jeden Morgen und jeden Tag auf dieser Erde. Aber wann kommen sie als seine Liebe ganz bei mir an und verwandeln mich? Ich weiß es mit dem Kopf, weiß es schon so lange, aber ehe ich es wirklich ganz glaube und daraus lebe. Das dauert. Das dauert. O das dauert.

Ja, muss das denn so sein? Das widerspricht doch allen Idealen unserer schnelllebigen Zeit. Da geht es doch immer schneller. Ziele müssen schneller erreicht werden. Werden sie aber nicht! In Wirklichkeit dauert es. Ja, mein Eindruck ist, dass gerade dieser Geschwindigkeitsdruck uns innerlich noch viel langsamer macht. Warum? Die Hetze macht innerliche Wachstumsprozesse umso langsamer, weil wir nicht bei den wichtigen Themen bleiben können, weil immer anderes sich vordrängt, reindrängt und sich wichtigmacht, aber nicht wichtig ist.

Wir können vieles nicht einfach machen, schaffen, organisieren, herstellen. So sehr wir es zum Teil versuchen. Ja, je mehr wir es mit Gewalt schaffen wollen, umso mehr verzögert es sich. Es muss wachsen. Es braucht Zeit. Ich brauche Geduld. Geduld heißt zweierlei. Den Schmerz des Unfertigen tragen. Und heißt dabei bleiben. Das ist die griechische Grundbedeutung von Geduld: „darunter bleiben“ (hypomoné). Nicht aufhören. Dran bleiben. Und eines Tages ist der Apfel reif und das Korn gelb zur Ernte.

Bleiben Sie geduldig, denn alles geht viel langsamer und dauert viel länger. Darf es und muss es. Außer beim Berliner Flughafen natürlich!

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

14. Oktober 2015

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