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Das folgende Gedicht kreist in leicht unterschiedlichen Versionen seit ein paar Jahren durchs Internet und verschiedene Medien. Es wird meist Reiner Kunze zugeschrieben und könnte auch dem Stil nach von ihm sein. Er sagt aber, dass es nicht von ihm stammt. Also Verfasser unbekannt. Und selbstverständlich erinnert es sehr an das Johannesevangelium (12,24): „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“

© Foto: via Wikimedia Commons


"Ich halte mein Korn in der Hand.
Mein einziges Korn.

Sie sagen,
ich soll das Korn in die Erde legen.

Ich muss mein Korn schützen,
mein einziges Korn.

Ich habe nie erlebt,
dass es Frühling gibt.

Sie sagen,
es wächst neues Leben aus dem Korn.

Ich verliere mein Korn,
mein einziges Korn.

Ich habe nie erlebt,
dass es Frühling gibt.

Mein Geliebter sagt:
Es gibt Frühling.

Ich lege mein Korn
in die Erde."

(Verfasser unbekannt)

Seitwert
© Foto: Achim Raschka - CC BY-SA 4.0 - via Wikimedia Commons


Erleuchtung

Jetzt war ich endlich mal wieder im Kino. „Ich und Kaminski“ hab ich mir angesehen, weil ich schon das Buch von Daniel Kehlmann gelesen und genossen hatte. In dem Film wird eine eine Geschichte erzählt, oder besser der Film läuft auf eine Geschichte hinaus, die ich sehr nachdenkenswert fand. Ja, mehr als nur nachdenkenswert. Sie ist wert, darüber eine gute Weile zu meditieren.

Am Ende des Films kommt sich der Journalist Zöllner, der über den berühmten Maler Kaminski eine Biografie schreiben will, so vor, als sei alles vergebens gewesen und als habe er nun gar nichts. Da erzählt ihm Kaminski, dass er in eine großen Krise kam, als er allmählich seine Sehkraft verlor und auch das Gefühl hatte, ich bin nichts und ich habe nichts. Damals hat ihm ein Malerkollege diese Geschichte erzählt.

Ein junger Mann möchte gern von einem berühmten Zen Meister als Schüler angenommen werden. Der aber nimmt ihn nicht. So wandert der junge Mann ihm einfach nach, folgt ihm in gehörigem Abstand, aber auf Schritt und Tritt. Nach drei Jahren stellt er sich verzweifelt vor den Meister und schreit ihn an: Ich habe nichts, gar nichts. Da antwortet der Meister: Wirf es weg! Und in dem Moment kommt über den jungen Mann die Erleuchtung.

Nun sollten Sie erst einmal selbst innehalten und dabei bleiben. Und meditieren bis zum Sonnenaufgang:

Ich habe nichts, gar nichts! – Wirf es weg!

Nun doch noch ein paar Gedanken dazu. Nichts kann man gar nicht weg werfen. Das ist so ein typischer Spruch im Buddhismus, ein so genannter Kōan, an dem der Verstand scheitert wie zum Beispiel an der Aufforderung, das Klatschen einer einzelnen Hand zu hören.

Mit aber gefällt die Geschichte nicht wegen der Paradoxie so sehr, sondern weil ich sehr gut sehe und verstehe, was dem Journalisten Zöllner und dem Zen-Schüler aus der Geschichte gemeinsam ist. Sie wollten haben, was der Meister hat, wenigstens etwas davon. Davon sind sie ganz besetzt. Sie sind ganz fixiert auf den Meister. Sie wollen selbst wie der Meister sein. Damit scheitern sie. Am Ende haben sie nichts, gar nichts. Die Befreiung und Erleuchtung besteht darin, dass sie diese Fixierung los lassen und weg werfen (sollen) und so endlich sie selbst werden.

Wie oft erlebe ich Menschen, die so sein wollen, wie andere sind. Oder die wenigstens etwas können wollen, was andere so toll können. So gut malen, so gut unterrichten, so gut Geschichten erzählen, so gut kochen, so gut Auto fahren, so gut rechnen, so gut andere Menschen begleiten, so gut basteln, so gut Theologie treiben oder einfach so cool sein. Und hier können Sie Ihre Sehnsucht und Ihren Wunsch einfügen: …

Und jetzt: Ich kann es nicht! Ich habe es nicht! Ich habe nichts! Und dann wo möglich noch: Ich bin nichts! Und dann lassen Sie sich sagen: „Wirf es weg! Wirf es endlich weg! Lass es sein! Lass es endlich sein! Sei und werde Du selbst. Damit ist nämlich der Menschheit der größte Gefallen getan. Denn so gut malen, kann ja der andere schon, so gut kochen, so gut Theologie treiben usw. Was aber ist Dir geschenkt? Was kannst Du? Was nimmst Du so selbstverständlich, dass Du es gar nicht beachtest, obwohl Du weißt, dass andere Dich darum beneiden? Das gibt es nämlich meistens.“

Ich bin nichts. Ich habe nichts. Ich verachte mich selbst. Das und so von sich selbst zu denken, ist weit verbreitet. Bitte werfen Sie es weg! Weit weg! Und siehe, Sie sind wer und haben mehr, als Sie bisher überhaupt wahrgenommen haben. Leuchtet es ein?

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

21. Oktober 2015

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