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Der Psalm 91 ist der Psalm, in dem der Mittagsdämon haust. Von da ist er in die asketische Lehre der Mönche gezogen. Dieser Psalm gibt auch mit seinem Vertrauen auf Gott eine sehr gute Antwort auf die Einreden der großen Unlust.

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Ps 91,1 Wer im Schutz des Höchsten wohnt / und ruht im Schatten des Allmächtigen, 

2 der sagt zum Herrn: «Du bist für mich Zuflucht und Burg, / mein Gott, dem ich vertraue.» 

3 Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers / und aus allem Verderben. 

4 Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, / unter seinen Schwingen findest du Zuflucht, / Schild und Schutz ist dir seine Treue.

5 Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, / noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, 

6 nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht, / vor dem Dämon, der lauert am Mittag. 

7 Fallen auch tausend zu deiner Seite, / dir zur Rechten zehnmal tausend, / so wird es doch dich nicht treffen. 

8 Ja, du wirst es sehen mit eigenen Augen, / wirst zuschauen, wie den Frevlern vergolten wird. 

9 Denn der Herr ist deine Zuflucht, / du hast dir den Höchsten als Schutz erwählt. 

10 Dir begegnet kein Unheil, / kein Unglück naht deinem Zelt. 

11 Denn er befiehlt seinen Engeln, / dich zu behüten auf all deinen Wegen. 

12 Sie tragen dich auf ihren Händen, / damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt;

13 du schreitest über Löwen und Nattern, / trittst auf Löwen und Drachen. 

14 «Weil er an mir hängt, will ich ihn retten; / ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. 

15 Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören. / Ich bin bei ihm in der Not, / befreie ihn und bringe ihn zu Ehren. 

16 Ich sättige ihn mit langem Leben / und lasse ihn schauen mein Heil.»

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(c) KCI1 - Fotolia.com


Die große Unlust 

Sie hatte mich ja schon in dem Impuls „Kein Bock – auf gar nichts“ gepackt. Da habe ich gemerkt, dass das ein wichtiges Thema ist. Nicht nur für heute und junge Leute. Nein, schon ganz lange macht sie bange. Die Einsiedlermönche in der ägyptischen Wüste vor tausendsiebenhundert Jahren haben diese große Unlust als Versuchung gespürt. Für sie war es der Mittagsdämon. Der überfällt einen in der größten Hitze des Tages. Das ist die Stunde der Trägheit und des Überdrusses. Was soll das alles? Warum plage ich mich? Ich halte es hier und so nicht mehr aus. Ich hasse dieses Leben. Weg von hier. 

Nicht nur in der Mittagszeit plagt einen dieser Dämon, auch in der Mitte des Lebens. Auch da packt einen diese große Unlust und der Wunsch, alles hin zu schmeißen und weg zu rennen. Es ist sowieso alles verpfuscht. Nichts Großes gelungen. Alle Ideale haben ihren Glanz verloren. Unsere Ehe ist müde geworden. Meine Arbeit Routine. Alle Erfahrungen sind gemacht. Was noch? Flucht oder alles einfach laufen lassen. Resignation. Ohne irgendein Engagement einfach so dahin vegetieren, weil jetzt sowieso nichts mehr kommt und zu erwarten ist außer dem Tod. 

Es kann aber auch ganz anderes diese große Traurigkeit auslösen. Gerade die Schönheit, gerade das ganz Erhabene, das wahrhaft Große, das Meisterliche in der Kunst, in der Dichtung, das mich hinreißt, das mich zutiefst bewundern lässt, schlägt um in Traurigkeit, Missmut, Kleinmut, Verzweiflung, weil ich so sehr durchschnittlich bin, oder weil alles so vergänglich und nicht festzuhalten ist. Es vergeht. Es verweht. Nichts besteht. Trauer überzieht alles mit schwarzer Tinte und zieht mich runter. Immer weiter in einer Spirale, die immer enger wird und in der ich dann fest sitze. Bonjour tristesse! Feeling blue im Frühlingsblau. So schwer, da wieder heraus zu kommen. 

Ja, es ist schwer, aber es ist möglich. Und einiges wollen wir versuchen. 

Das erste heißt: auch dieses Gefühl der Unlust und der Traurigkeit darf da sein. Auch diese so bedrohlichen Gefühle haben ihr Recht. Erst mal sein lassen. Nicht gleich wegrennen und in die Aktivität stürzen. Ja, lieber Thomas, du darfst auch einfach so dasitzen und nichts weiter als das. Und sagen, was der Ehemann bei Loriot sagt: „Ich will einfach nur hier sitzen.“ Also diese Unlust darf auch da sein. Die Trauer über die Endlichkeit von allem, was da ist, ist ja berechtigt und verständlich. Und ich darf auch traurig und kleinmütig und unlustig sein und darf diesen Überdruss spüren. Denn es ist ja wahr, dass einem manchmal so ganz sozialistisch zu Mute sein kann. Was ist Sozialismus? Sozialismus ist, wenn jeder von jedem genug hat. Und manchmal ist es eben so. 

Wenn ich meinen Gefühlen ihr Recht gebe, wenn ich sie sein lasse, dann akzeptiere ich sie. Und dann merke ich, dass ich noch mehr bin als dieses Gefühl. Denn ich schaue es an. Wie meine Hand. Sie ist Teil von mir. Ein wichtiger Teil. Aber ich bin mehr als meine Hand. Dieses Gefühl der Unlust ist ein Teil von mir. Ich fühle sie. Ich fühle, wie sie mich lähmt. Aber ich bin mehr als mein Gefühl. Ich bin mehr als meine Traurigkeit. Ich kann dieses Gefühl auch sein lassen im Sinne von loslassen. Ich gewinne Abstand dazu. Wenigstens ein bisschen verliert es an Macht über mich. 

Ich kann dann versuchen zu verstehen, wann es angefangen hat. Was es ausgelöst hat. Und diesen Auslöser schaue ich an. Ich versuche ihn zu verstehen. Der Anblick dieses glücklichen lachenden Liebespaares hat mir meine Einsamkeit, mein Unglück, mein Alter erst richtig bewusst gemacht. Da fing es an. Oder der immer gleiche Streit mit meinem Arbeitskollegen. Immer dasselbe. Es ist so furchtbar, wie ein Sprung in der Schallplatte. Und ich versuche auch das anzunehmen und ich schaue auf die Sehnsucht, den Traum, das Ideal, das sich in meiner Reaktion meldet. Ich will leben. Ich will lieben. Ich will mich freuen. Ich will eine tiefere Beziehung auch zu meinem Arbeitskollegen. Ich will in all der Routine auch etwas Neues entdecken. 

Also die Folgerung ist: nicht fliehen, nicht wegrennen, nicht zudecken! Einfach da bleiben. Denn so wie der Anfall mich angefallen hat, so wird er auch wieder gehen. 

Und ein letzter Gedanke für heute. Der Mittagsdämon argumentiert nämlich. Er bringt Gründe für die Traurigkeit und die Lustlosigkeit. Sie hat ja ihre Ursachen. Und darum raten schon die alten Wüstenmönche, dass man Gegenargumente bereit haben muss. Und einer von ihnen, der berühmte Evagrius Pontikus hat Worte der Bibel gesammelt, mit denen man den Einflüsterungen des Dämons antworten und sie in die Flucht schlagen kann. Man kann den Einreden eigene Einreden entgegensetzen. Anselm Grün hat ein Buch darüber geschrieben. Und das Wichtigste dabei ist, dass ich mir und der Unlust sage: Gottes Geist ist stärker. Das Gute ist stärker. Das Sinnvolle ist stärker. Du kannst dort wieder raus. Du bist nicht verloren. 

Sagen Sie sich das immer wieder. Sie merken, das wandelt die Stimmung und die Situation. 

Und das wünsche ich Ihnen

13.04.2011

Thomas Gertler

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