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Dieses Thema, dass sich die Not in Fülle wandelt und Knappheit in überströmende Güte, kommt in der Bibel oft vor. Nicht nur beim Wunder der Brotvermehrung, auch bei der Hochzeit zu Kana. Hier hatten manchmal Bibelwissenschaftler sogar moralische Bedenken bei dem Hochzeitgeschenk Jesu von nahezu 600 Litern besten Weins. Auch wenn so eine orientalische Hochzeit eine Woche dauert und dabei leicht über hundert Gäste zusammen kommen. Jesus hatte keine Bedenken. Ist doch sein Wunder ein Zeichen für den überströmenden Reichtum der kommenden Herrlichkeit des Himmels, ein Zeichen für das Glück der endgültigen Erlösung. Sie bricht an in der Stunde der Erhöhung Jesu.

1 Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei.

2 Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.

3 Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!

6 Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter.

7 Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand.

8 Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm.

9 Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen

10 und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

11 So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.

12 Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.

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Die Decke ist zu kurz 

Ich war noch Theologiestudent in Erfurt, da kam Kardinal HermannVolk (1903-1988) aus Mainz einmal zu Besuch und hielt uns eine Vorlesung. Ich sehe ihn noch den Gang des Coelicums – das war unser mittelalterlicher Vorlesungssaal (der Himmlische), denn an seiner Decke waren Sterne gemalt – entlangkommen. Er war an die 80 Jahre alt, gezeichnet von einem Schlaganfall und hinkte etwas. Vom Vortrag weiß ich noch den Anfang. „Die Decke ist zu kurz. Ziehst du die Decke hoch zum Hals, hast du kalte Füße. Hast du die Füße unter der Decke, zieht es an der Schulter. So ist es auch mit der Decke unserer theologischen und philosophischen Welterklärungen. Sie reichen nicht hin. Es bleibt immer irgendwo ein Loch.“ Auch die Bibel kennt dieses Problem: „Das Bett ist zu kurz, man kann sich nicht ausstrecken, die Decke ist zu schmal, man kann sich nicht einhüllen.“ (Jes 28,20) 

Ja, so ist es. Die Decke ist zu kurz und es bleibt immer ein Loch. Da pfeift die Wirklichkeit durch und die ist immer größer und unerklärlicher als unsere Versuche dazu. Es ist nicht nur ein Kennzeichen unserer Welterklärungen. Es ist ein Kennzeichen der Welterfahrung überhaupt. Es ist zu kurz. Es ist zu knapp. Es reicht nicht hinten und nicht vorne. Nicht nur die Theorie. Auch die Praxis. Es reicht das Brot nicht. Es reicht das Wasser nicht. Es haben nicht alle Obdach. Es haben nicht alle Arbeit. Es ist alles immer zu wenig. Jedenfalls für sehr, sehr viele Menschen reicht es nicht. Und ist die Not alltäglich.

Das gilt auch für mein eigenes Können und Tun. Wann reicht schon einmal die Zeit? Wann reicht meine Begabung? Mein Fleiß? Mein Einsatz? Meine Liebe, meine Geduld und Güte? Immer alles zu knapp und zu wenig. Erfahrung der Wirklichkeit meines Lebens. Vermutlich auch in Ihrem Leben. Oder? Es genügt nicht. Es reicht nicht. Es ist zu wenig. Man könnte es die conditio humana nennen, das Kennzeichen unseres Menschseins. 

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Das ist sogar eine wissenschaftliche Erkenntnis. Sie geht auf Johann Gottfried Herder zurück und ist von dem Anthropologen Arnold Gehlen ausgebaut worden. Der Mensch ist nämlich viel schlechter an seine Umwelt angepasst als die Tiere. Er kann nicht so schnell laufen oder schwimmen wie viele Tiere. Fliegen von Natur gar nicht. Allerdings sind wir auch viel breiter begabt als die ganz genau in die Umwelt eingepassten Tiere. Wir können unter sehr viel unterschiedlicheren Bedingungen leben als viele Tiere. Arnold Gehlen meint, dass der Mensch gerade aus seinen Mängeln etwas macht. Statt sich an die Natur perfekt anzupassen, schafft er die Kultur als seine Umwelt, die perfekt auf ihn hin angepasst ist. Also genau umgekehrt. Und darin leben wir. Der Mensch ist so von Natur ein Kulturwesen. Was erst gar nicht reichte und schwierig war, das wird Herausforderung an Kreativität und Intelligenz und siehe da, nun geht es sogar gut. 

Diese Erfahrung gibt es auch im Glauben. Die Not wird erfahren. Wir alle sind der Erlösung bedürftig. Der Mangel ist so oft ein Thema in der Bibel. „Was ist das für so viele?“ Diese paar kleinen Brötchen. Diese paar kleinen Fische. Damit sollen Tausende satt werden? Unmöglich. Ja, unmöglich. Aber als die Jünger sie hergeben, als sie ihre Armseligkeiten Jesus geben, siehe, da werden alle satt. Und es bleibt sogar noch übrig (vgl. Mk 6,30-44). Das ist eine Erfahrung, die ich auch immer wieder in meinem eigenen Leben gemacht habe. Ich erfahre meine Schwäche, mein Unvermögen, all den Anforderungen genügen zu können. Und wenn ich sie im Gebet an Jesus abgebe, habe ich erlebt und erlebe ich auch heute immer wieder noch, dass es doch reicht, dass es doch genügt. Und es bleibt sogar noch übrig. 

Gott ist kein Mängelwesen wie wir. Er ist die Fülle. Er gibt in Fülle. Es gibt ein humorvolles Gedicht, das diese Erfahrung ausdrückt. 

Beim Einschlafen 

Ein Mensch möcht´ sich im Bette strecken,
doch hindern die zu kurzen Decken.
Es friert zuerst ihn an den Füßen,
Abhilfe muss die Schulter büßen. 

Er rollt nach rechts und denkt nun ging´s,
doch kommt die Kälte prompt von links.
Er rollt nach links herum, jedoch
Entsteht dadurch von rechts ein Loch. 

Indem der Mensch nun dies bedenkt,
hat Schlaf sich mild auf ihn gesenkt,
und schlummernd ist es ihm geglückt:
er hat sich warm zurecht gerückt. 

Natur vollbringt oft wunderbar,
was eigentlich nicht möglich war. 

aus: Eugen Roth, Ein Mensch 


Dazu nur noch eine Schlussbemerkung. Natürlich vollbringt die Natur keine Wunder. Alles in der Natur geht natürlich zu („Nur meine Hose geht natürlich nicht zu“ – bemerkte dazu einmal der dicke Heinz Erhardt). Aber seit der Aufklärungszeit hat man sehr viel von dem, was man früher Gott zugeschrieben hat, der Natur zugeschrieben. Und so bekommt die Natur göttliche Eigenschaften, nämlich die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen. So auch bei Eugen Roth. Aber nur Gott vollbringt oft wunderbar, was eigentlich nicht möglich war. Und in diesem Falle gibt er es dem Seinen im Schlaf. 

Dass Sie das öfter erleben, wünsche ich Ihnen. 

29. März 2011

Thomas Gertler SJ

 

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