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Das bekannteste Gleichnis ist in dieser Situation tatsächlich das vom barmherzigen Samariter. Es ist ein Gleichnis, also eine Geschichte, die Jesus so erfunden hat. Sie ist so nicht passiert. Aber dadurch bekommt sie natürlich besondere Brisanz. Es ist also kein Zufall, dass Jesus erzählt, dass der Levit (einer aus dem Stamm Levi, der den Tempeldienst verrichtet) und der Priester den Verletzten zwar sehen aber vorübergehen. Der Samariter aber, der mit den Juden in Spannung lebt, der sieht und hilft. Und Jesus sagt: er wurde zum Nächsten für den, der da unter die Räuber gefallen ist. Wem werde ich zum Nächsten?

Lk 10,29 - 37

10, 29 Der Gesetzeslehrer sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. 32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. 33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,

34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Seitwert


Der Schritt über meine Angst hinaus…

„Du sollst immer wieder etwas tun, wovor du ein wenig Angst hast“, so sagte mir mein geistlicher Begleiter. „Denn Gott führt uns auch immer wieder über uns selbst hinaus. Wenn du das wagst, wirst du froh!“ Soweit der Grundsatz und hier nun die konkrete Erfahrung eines guten Bekannten.

„Also ich habe jetzt in unserer Pfarrei angerufen, wo ich mich denn für Flüchtlinge engagieren kann. Stell dir vor, da gibt es gar nichts! Die machen nichts. Das gibt’s doch nicht!“ Doch das gibt’s. Und das in einer großen Stadt. Die einzigen, die da richtig aktiv waren, war eine autonome Jugendinitiative, die über Facebook alles organisierte.

„Ja, soll ich denn bei denen mitmachen?“ „Wenn Du spürst, dass Du etwas tun sollst für die Flüchtlinge und das ist die Möglichkeit, dann mach‘s!“ Und tatsächlich, die Angst wird überwunden. Mein Bekannter geht los und hilft unter chaotischen Verhältnissen. Und statt der Angst ist nun Freude da. Richtig große Freude, die anhält und weiter Kraft gibt, um zu helfen und auch andere zu gewinnen. Und auch in der eigenen ängstlichen Pfarrei etwas in Bewegung zu bringen.

Und die Freude kommt daher, dass er sich selbst überwunden hat. Dass er seine Angst besiegt hat und seine Schüchternheit. Dass er seinem inneren Ruf gefolgt ist. Die Freude ist auch, dass er nun nicht mehr nur die Nachrichten sieht und liest und gar nicht mehr hinschauen mag wegen all der Not und dem Elend, sondern dass er nun tatsächlich dabei ist. Dass er aktiv wird und nicht mehr bloß passiv ist. Dass er von seiner Freiheit Gebrauch macht. Dass er nun die Wirklichkeit berührt und sieht und erlebt, ja, es ist im Konkreten dann viel einfacher und nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und es ist natürlich andererseits viel schlimmer, fürchterlicher und komplizierter als es die Nachrichten schildern.

Aber nun bin ich dabei und begegne den Menschen und kann etwas tun gegen ihre Not und all das macht richtig froh. Es ist so sinnvoll. Es ist so notwendig. Es wendet wirklich Not in Hilfe, Begegnung und Hoffnung. In Freude und Energie. Es schafft Freundschaft und das Gefühl der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit. Das sollte immer so sein und sollte immer so bleiben. Und es ist toll, wie einen die Energie treibt und Kraft gibt über das normale Maß hinaus. Es ist toll, was ich da tatsächlich leisten und tun kann, wenn es nötig ist.

Aber so wie in den ersten Tagen bleibt es nicht, wenn ich über Wochen dabei bleibe. Kann es gar nicht. Das sehe ich schon jetzt an denen, die länger dabei sind. Da sehe ich die Anstrengung und die Müdigkeit und dass es auch Routine zu werden droht. Einsatz rund um die Uhr geht nicht unbegrenzt. Das halte ich nicht durch. Das hält niemand durch. Es muss auch mal Pause geben. Ich muss auch mal wieder richtig schlafen und für mich sein. Und in die Stille und ins Gebet gehen.

Und ich brauche auch jemanden zum Reden. Denn ich erlebe auch schreckliche Dinge. Traumatisierte Menschen. Menschen, deren Not ich nur äußerlich lindern kann, deren eigentliche Not aber viel, viel tiefer geht. Menschen, die mir als Helfer auch wütend und undankbar begegnen, weil sie einfach am Ende sind und enttäuscht. Weil es eben nicht so ist, wie sie es vielleicht erwartet und in der Fremde gehört hatten. Ich erlebe die fürchterlichsten Missverständnisse, die aus dem Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen erwachsen. Ich verletzte ungewollt andere, so wie ich vielleicht verletzt werde. Ich erlebe, dass es zuweilen widersinnigste Behördenvorschriften gibt und erfahre die Ohnmacht im Detail.

All das muss verarbeitet werden. Zu all dem brauche ich auch Abstand und Atempause und muss wieder Kraft finden und dann wieder den Mut, noch einmal hinzugehen und zu helfen. Auch die Helfer brauchen Hilfe, wenn sie weiter Hilfe geben wollen. Oft leichter gesagt und hier hin geschrieben, als in der ringsum andrängenden Not tatsächlich getan.

Aber das muss ich sagen, es ist für mich unglaublich und erstaunlich und wunderbar, was gerade jetzt in Deutschland an freiwilliger Hilfe, an freiwilligem Einsatz geschieht, was an Freundlichkeit und Willkommen auf den Bahnhöfen und anderswo zu erleben ist. Das hat es so in Deutschland noch nicht gegeben – oder doch damals 1989 als sich über Nacht die Mauer öffnete und Hunderttausende Trabants und mit ihren Insassen willkommen geheißen wurden.

Und ich wünsche all denen, die jetzt so handeln und die Angst überwinden und aktiv helfen die Erfahrung dieser Freude, der großen Freude, aber auch dass sie ihre Kräfte bewahren!

Thomas Gertler SJ

23. September 2015

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