Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheDas Experiment
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Die Überzeugung, dass die ganze Schöpfung zutiefst Gesang, Musik und Harmonie ist, finden wir sowohl in der christlichen Theologie des Mittelalters wie in der Philosophie der Antike seit Pythagoras. Es sind vor allem die Engel, die diese Musik und Harmonie hervorbringen. Aber die Ordnung des Kosmos lässt sich auch in musikalischen Relationen beschreiben. Bei Jesaja findet sich dieser Chor der Engel um Gottes Thron, in dessen Gesang des Dreimalheilig wir in der Liturgie einstimmen.

Christus zwischen Cherubim und Serafin (Florenz 1225)
© Foto: Sailko - CC BY 3.0

Jes 6, 1-7

6,1 Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. 2 Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. 3 Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. / Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. 4 Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf und der Tempel füllte sich mit Rauch. 5 Da sagte ich: Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen. 6 Da flog einer der Serafim zu mir; er trug in seiner Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. 7 Er berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, /deine Sünde gesühnt.

Seitwert


Stradivari-Geige
© Foto: Anna Adamczyk - CC BY-SA 3.0

Das Experiment

Es ist berühmt, dieses Experiment, und hat am 12. Januar 2007 im Eingang der Untergrundbahn von Washington DC stattgefunden genau in der Rushhour am Morgen. Da stand ein Musiker und spielte klassische Musik, wie das oft in U-Bahn-Stationen geschieht und wie Sie das vielleicht auch schon mehr als einmal erlebt haben. Selbstverständlich eilten die meisten Menschen vorüber. Wenige blieben stehen. Wenige warfen Geld in den Geigenkasten. Immerhin waren es nach einer Dreiviertelstunde 32, 17 $. Es waren in der Zeit etwa 1070 Leute an ihm vorbei gekommen. So weit so normal und alltäglich.

Ungewöhnlich war: Der Musiker war Joshua Bell, ein weltberühmter Violinist. Er hatte in den 43 Minuten höchst anspruchsvolle Stücke von Bach und anderen gespielt. Vorgetragen auf einer echten Stradivari, die mehr als 3 Millionen wert ist. Er hatte das Gleiche tags zuvor in Boston dargeboten. Da hatten die Karten im Durchschnitt 100 Dollar gekostet.

Das war das Experiment. Veranstaltet von der Zeitung „Washington Post“. Hier können Sie es noch selbst anschauen. Wie sollen wir mit diesem Experiment umgehen? Wie sollen wir es deuten? Was können wir daraus lernen? Machen Sie bitte an dieser Stelle selbst eine kleine Denkpause und bilden Sie sich eine Meinung, bevor Sie weiterlesen.

Und hier nun meine Gedanken: Als erstes muss ich sagen. Ich hätte wohl zu denen gehört, die da acht- und ahnungslos vorübergeeilt wären. Morgens um 8.00 Uhr da bin ich vor allem mit meinen eigenen Gedanken, Vorhaben und Plänen beschäftigt. Und wie um die Zeit üblich in Eile, auch innerlich. Interessanterweise waren es vor allem Kinder, die bei Joshua Bell stehen bleiben und noch ein wenig zuhören wollten. Sie wurden aber weitergezogen. Na klar. Und genauso: na klar, das hätte man sich vorher denken können, dass das Experiment so ausgeht. Aber sicher weiß ich das immer erst hinterher!

Ich kann auch moralisch werden und sagen: ja, so sind die Leute eben. Perlen vor die Säue. Sie merken nichts von dem einmaligen Kunstgenuss, der ihnen da geboten wird. Sie kreisen um sich selbst - außer den Kindern. Und darum das Experiment, um uns unseren Egoismus und unsere Selbstbezogenheit, unsere mangelnde Aufmerksamkeit oder noch spezieller, um uns unsere mangelnde Achtsamkeit vor Augen zu führen!

Ich könnte auch sagen: Das war ein Experiment, um die Notwendigkeit von Konzertsälen, von Musikagenten und Öffentlichkeitsarbeit zu beweisen. Der Künstler allein und für sich wird gar nicht wahrgenommen. Er braucht ein Umfeld. Ja, und das stimmt natürlich. Erfahrung braucht ein Umfeld. Die Perle will gefasst sein in Gold und an einem möglichst schönen Hals oder Ohr präsentiert werden. Sie soll nicht in einen Schweinetrog geworfen werden. Es stimmt selbstverständlich und die Manager von Künstlern können gern darauf verweisen und ihre Unersetzlichkeit so experimentell beweisen. Erfahrung braucht ein Umfeld. Das stimmt. Schon wenn Joshua Bell in einem Park gespielt hatte, wären sicher fast alle stehen geblieben und hätten dankbar gelauscht.

Joshua Bell hat nach dem Experiment mit einem Lachen gesagt: „Das ist gar nicht so schlecht. Immerhin 40 $ pro Stunde. Damit könnte ich ganz okay leben und müsste keinen Agenten bezahlen.“ ("Actually, that's not so bad, considering. That's 40 bucks an hour. I could make an okay living doing this, and I wouldn't have to pay an agent.") Tja, liebe Agenten und Manager... Übrigens habe ich es schon öfter erlebt, dass unter den Straßenmusikern in Deutschland ganz hervorragende Künstler waren, die zum Beispiel in Russland in großen Orchestern spielen. Sie kommen hierher, weil sie da ein wenig verdienen können. Das Experiment relativiert also auch den üblichen Starkult ein bisschen.

Und nun noch, wie könnte es anders sein, ein frommer Gedanke. Ich kann voller Vorwürfe gegen uns Menschen und unsere Achtlosigkeit sein. Aber ich kann auch so denken: Lieber Thomas, das Experiment kann dir auch sagen: noch viel gewaltiger als Joshua Bell ertönt die Musik Gottes jeden Tag und immerzu um Dich herum. Pay Attention! Zahle wenigstens die kleine Münze des Gedankens an diese Melodie jetzt während du ins Büro rennst und schenke diesem Gedanken und dem Menschen, dem du jetzt begegnest ein Lächeln. Ganze Chöre von Engeln spielen und singen – nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt, nein, jetzt in diesem Moment, in dem Sie das lesen.

Es grüßt Sie herzlich und hört noch ein wenig Joshua Bell auf YouTube
Thomas Gertler

30. November 2016

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