Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheDarf's ein bisschen mehr sein?
DeutschEnglishFrancais

Ganz leidenschaftlich und ganz entschieden schreibt der heilige Paulus von dieser Sehnsucht nach dem immer Mehr in der Liebe zu Christus im Brief an die Philipper. Er schreibt auch von der Krise und der großen Bekehrung und dem Neustart und dem jetzigen immer mehr sich Ausstrecken nach Christus.

(c) DBT Photography - Fotolia.com

Phil 3,5 Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz,

6 verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.

7 Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt.

8 Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen

9 und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt.

10 Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen.

11 So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

12 Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.

13 Brüder [und Schwestern], ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.

14 Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.

Seitwert Free counter and web stats
© Franck Boston - Fotolia.com


Darf’s ein bisschen mehr sein?

Das fragte einen früher oft der Metzger oder die Kirschenverkäuferin. Inzwischen ist es aber auch schon zum geflügelten Wort und ironischen Inbegriff unserer Konsum- und Wirtschaftswelt geworden. Es soll ja immer ein bisschen mehr, ein bisschen besser, ein bisschen schneller, ein bisschen weiter sein. Und eigentlich nicht nur ein Bisschen, sondern ein richtiger Bissen. Und die ganze Zweischneidigkeit dieses Slogans ist uns inzwischen bewusst, weil wir es am eigenen Leibe spüren. Einerseits funktioniert unsere Wirtschaft nur bei Wachstum. Wachstum muss sein. Und wir wollen auch immer mehr an Einkommen und an Freizeit und an Komfort. Alles ist nach diesem Mehr eingerichtet. Andererseits sind damit verbunden die Überforderung, die Beschleunigung, die Vervielfältigung von Terminen und Ansprüchen, die Verdichtung von Arbeit, die zunehmende Komplexität, weil alles mit allem irgendwie zusammenhängt und es komplizierter und unübersichtlicher macht. Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, wissen es und kennen es.

Weniger ist mehr. Dieses Wort kennt jede/r auch schon als Antwort auf das ständige quantitative „mehr“ und spürt auch, wie wohltuend das ist. Einen Gang runter schalten. Sich Zeit für etwas lassen. Und auch einfach nur so da sitzen und nichts tun. Den Rhythmus verändern und die Schlagzahl verringern. Nicht durch die Stadt rennen, sondern schlendern. Bei dem sein, was ich jetzt gerade tue. Genießen. Ganz da sein im Augenblick. Also mehr, tiefer, besser, konzentrierter leben. Also ein anderes Verständnis und Erleben von dem Mehr, ein qualitatives Mehr. Etwas, nach dem ich mich jetzt gerade sehr sehne. Wann kommt er endlich der Urlaub und die Zeit der Entschleunigung?!

Mehr heißt auf Lateinisch „magis“ und ist ein Grundwort in der Spiritualität des heiligen Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, also meines Ordensvaters. Unser Wahlspruch lautet: „Alles zur größeren Ehre Gottes – omnia ad majorem Dei gloriam“. Also mehr beten, besser beten, tiefer beten, öfter beten, länger beten und fasten und büßen? Ja, na klar. Das wollte Ignatius jedenfalls am Beginn nach seiner Bekehrung. Es hat ihn fast umgebracht. Und darum zugleich Nein, um Gottes Willen nicht nur einfach mengenmäßig mehr und mehr! Ignatius hat später dann um ein Haar fast alle Jesuiten der spanischen Ordensprovinz entlassen, weil sie unbedingt drei Stunden täglich beten wollten. Gerade die Quantität wollte er nicht, sondern die Qualität. Sein Ideal war es inzwischen, solche Leute in seinem Orden zu haben, die sich auch in schwierigsten Situationen und Erfahrungen in nur 20 Minuten wieder innerlich mit Gott verbinden.

Also mehr nicht einfach im Sinne von mengenmäßig mehr. Sondern eher folgendermaßen: Jede Freundschaft und jede Liebe kann nur bleiben, wenn sie wächst. Wenn sie nicht wächst, wenn sie sich nicht vertieft, wenn sie nicht umfassender wird, dann geht sie zurück. Dann lässt sie nach. So wie jeder Baum nur so lange lebt, wie er wächst. Selbst wenn er nicht mehr höher werden kann. Er entfaltet sich immer weiter. Die Wurzeln verzweigen sich. Die Zahl der Blätter nimmt zu. Der Umfang wächst. Gerade da stelle ich komischerweise ein Parallele zu mir fest, na ja. Also Sie wissen schon, gerade dieser Umfang ist nicht gemeint.

Und wie in der Freundschaft und wie in der Ehe gibt es genauso in der Beziehung zu Gott immer und bei jeder/m entweder eine Weiterentwicklung und damit ein magis oder eben einen Rückschritt und ein minus. Einen bloßen Stillstand gibt es nicht. Es ist entweder ein Vertiefen oder ein Verflachen. Freilich gehören auch heftige Krisen dazu und sind unumgänglich. Krisen sind Zeiten, wo es eben gerade erst mal nicht weiter geht, weil der nächste Schritt miteinander und zueinander oder nach rechts, links oder geradeaus nicht klar ist. Alles tritt auf der Stelle. Und gerade diese Zeit der Unentschiedenheit, diese Zeit an der Wegkreuzung ist oft schwer zu ertragen und auszuhalten. Denn Entscheidungen wollen erwogen, durchdacht, ja, erlitten werden und schließlich will auch das Abschiednehmen von Möglichkeiten betrauert werden. Und so lange das alles nicht passiert ist, so lange geht es eben nicht weiter. Kein magis in dieser Zeit. Aber wenn dann der Knoten geplatzt, durchgeschlagen oder friedlich gelöst ist, dann macht’s oft einen Sprung und es geht eben besser, befreiter, entschiedener weiter. Mehr magis...

Bis schließlich dann im Alter vielleicht keine großen Entscheidungen mehr gefällt werden müssen, weil sie alle gefallen sind. Und dann kann dauernder Friede einkehren und Dankbarkeit und Heiterkeit. Leichtigkeit im Guten und Leichtigkeit im Finden Gottes, wie es Ignatius am Ende seines Lebens erlebt und erzählt hat. Und dann ist es in meiner Beziehung zu Gott wie mit einem alten Ehepaar, das sich immer noch liebt. Ohne viele Worte. Ganz vertraut. Ganz nah. Ganz dankbar. Ganz miteinander verwachsen. Und wenn es sich immer noch liebt, dann liebt es sich mehr, viel mehr als am leidenschaftlichen Anfang. Weil die Liebe nur bleibt, wenn sie wächst. Magis.

Ja, in diesem Sinne darf’s immer und immer ein bisschen mehr sein. Darauf freu ich mich und Sie hoffentlich auch. Es grüßt Sie im Gedenken an den heiligen Ignatius

03.08.2011

Thomas Gertler

Werden Sie Fan von update-seele bei facebook - Diskutieren Sie und tauschen Sie sich aus!