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© Foto: Moonsun1981 - CC BY-SA 3.0 - via Wikimedia Commons


„Täglich zu singen“

Ich danke Gott, und freue mich
wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,
dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
schön menschlich Antlitz! habe.
Dass ich die Sonne, Berg und Meer,
und Laub und Gras kann sehen,
und abends unterm Sternenheer
und lieben Monde gehen.
Und dass mir dann zumute ist,
als wenn wir Kinder kamen,
und sahen, was der heil’ge Christ
Bescheret hatte, Amen!
Ich danke Gott mit Saitenspiel,
dass ich kein König worden;
ich wär geschmeichelt worden viel
und wär vielleicht verdorben.
Auch bet ich ihn von Herzen an,
dass ich auf dieser Erde
nicht bin ein großer reicher Mann,
und auch wohl keiner werde.
Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,
hat mancherlei Gefahren,
und vielen hat’s das Herz verdreht,
die weiland wacker waren.
Und all das Geld und all das Gut
gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
kann’s aber doch nicht machen.
Und die sind doch, bei Ja und Nein!
ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastein
des vielen Geldes wegen.
Gott gebe mir nur jeden Tag,
soviel ich darf zum Leben.
Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;
wie sollt er’s mir nicht geben!

Matthias Claudius (erschienen 1777)

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© Foto: Thomas Gertler


Danke, lieber Gott

Danke, lieber Gott, dass es mich gibt! Unterschrift: Emma N. Herrlich, liebe Emma! Ja, danke, lieber Gott, dass es Emma gibt. Da stimme ich frohen Herzens ein. Und sicher stimmen vor allem die Eltern ein, die mit Emma da im Wald die Hubertuskapelle bei Oberschönenfeld besucht und mit ihr gebetet haben. In dieser Waldkapelle habe ich diese Zeilen im Fürbittbuch gefunden und gleich gedacht, wie schön! Danke, lieber Gott, dass es die Emma gibt und dass die kleine Emma das so sagen und schreiben kann. Das ist herrlich und bringt mich zum Schmunzeln. Das ist so schön kindlich. Wie viel Freude am Leben, am Dasein spricht daraus! Welch ein Glück!

Und wie viel kindliche Ahnungslosigkeit und Unschuld, wird wohl so mancher denken. Es ist ja noch ein Kind. Und es ist einfach der Überschwang des Kindes, der sich hier niedergeschlagen hat in aller Naivität. Denn so einfach könnte ich es wohl nicht sagen und schriftlich geben – oder? Könnten Sie das auch sagen wie Emma? Vielleicht jetzt nicht mehr, aber früher vielleicht. Hat es eine Zeit gegeben, wo Sie das so empfinden und wenn vielleicht so nicht sagen, so doch durch Singen, Hüpfen und Springen ausdrücken konnten? Können es nur Kinder? Können es nur Naivlinge?

Warum können es Kinder? Sie können es, weil sie viel mehr und intensiver im Augenblick leben als wir Erwachsenen. Kinder sind im Jetzt ganz da. Und je kleiner umso mehr. Ganz kleine Kinder kennen ja keine Zeit. Wenn ich einem ganz kleinen Kind sage: „Mama ist in zwei Stunden wieder da.“, so kann es das nicht verstehen. Es ist verlassen. Völlig verlassen. Also Kinder können sich nicht nur so unglaublich freuen. Sie können genauso heftig und total leiden, verlassen und trostlos sein. Weil sie keine Zeit kennen. Nur mit der Zeit stellt sich dieses Zeitgefühl ein, das dann dieses „Ganz-im-Moment-Leben“ relativiert. Glück vergeht. Leider. Aber auch Leid vergeht, zum Glück. So total im Augenblick zu leben, das gelingt dann später nur noch selten. Aber üben und meditieren hilft!

Aber es ist ja nicht nur die Schwierigkeit, ganz im Augenblick zu leben, die uns daran hindert, Emmas kleines Gebet so einfach mitzusprechen. Es ist ja auch so, dass wir um unsere Grenzen wissen. Um unsere Fehler. Um unsere Unfähigkeiten. Um unsere Unvollkommenheit. Um unsere Hässlichkeit. Um unsere Schwierigkeit, mit uns so rundum zufrieden zu sein. Da kann ich das nicht mehr so sagen: Danke, lieber Gott, dass es mich gibt! Ist das nicht sowieso etwas Abstoßendes so eine dicke fette nach außen getragene Selbstzufriedenheit. So mit den Händen auf dem Bauch und einem verächtliches Grinsen gegenüber allen anderen? Nein, das will ich auch gar nicht. Und mit Recht.

Und das hat ja auch Emma gar nicht. So denkt und fühlt Emma nicht. Nein, sie ist doch einfach froh und glücklich, dass sie da ist und das bin ich als Kind ja letztlich nur dann, wenn meine Welt in Ordnung ist. Und die Welt als Kind ist in Ordnung, wenn mich die Eltern und Großeltern und Zottel, der Hund, lieb haben und auch alle einander mögen und im Frieden sind. Dann ist die Welt in Ordnung. Wenn ich geliebt bin und alle in meiner Welt sich lieben, dann bin auch ich froh, dass ich da bin, mitten in dieser meiner Welt. Und das ist es doch, warum Emma sagt: Danke, lieber Gott, dass es mich gibt!

Matthias Claudius hat ein Gedicht geschrieben, das er nennt: „Täglich zu singen“. Er singt es sich täglich vor, gerade weil es uns nicht immer und überall präsent ist, dieses Bewusstsein, dass es das Schöne, Gute, Heile gibt. Dass mir die Luft zum Atmen, die Bäume, die Blumen, das Gras gegeben sind. Und dass ich daraus wie Jesus ablesen kann, dass Gott uns liebt, auch uns Sünder, uns mit unseren Grenzen und Hässlichkeiten (bitte lesen: Mt 5,43-48). Denn Gott gibt jedem diese Welt als wunderbaren Lebensraum. Daran will sich Matthias Claudius täglich erinnern. Und Papst Franzskus ruft uns in seiner neuen Enzyklika „Laudato si“ auf, diesen Lebensraum zu erhalten und zu bewahren, dass die kleine Emma weiter sagen kann: Danke, lieber Gott, dass es mich gibt! Und dass es das Gras und die Kühe, die Luft und die Vögel, das Wasser und die Fische, die Erde und gute Eltern gibt.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

1. Juli 2015

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