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Von wem haben wohl diese großen Mystiker gelernt, gelassen zu werden? Natürlich von Jesus. Und da kennen sie nicht nur den schönen Text über die Sorgen, die ich mir nicht machen soll (Mt 6,25-34), sondern viel deutlicher und härter die folgenden Worte, die uns Markus aufgeschrieben hat in seinem 8. Kapitel.

Mosaik aus Ravenna (6. Jh): Simon hilft Jesus das Kreuz tragen.

Mk 8,34 - 37

8,34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. 36 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? 37 Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen?

Seitwert


Smiley aus dem ICE
© Foto: Thomas Gertler

Cool down oder Gelassenheit

Der Zug schleicht dahin. Viel zu langsam, um den Anschluss gleich in Nürnberg zu erreichen. Ich wollte eigentlich meditieren und in die Stille gehen, aber die Gemütsruhe des Zuges macht meine Gemütsruhe unmöglich. Jetzt reg dich mal nicht so auf, sage ich mir selbst. Cool down! Kühl dich ab!

Aber „ruhig bleiben!“, sagt man sich gerade dann, wenn man eben nicht ruhig ist, sondern voller Nervosität und Unruhe. Und weil es der ganzen Welt so geht wie mir, nur viel tiefer und schlimmer, weil sie voller innerer und äußerer Unruhe, zunehmender Beschleunigung, Atemlosigkeit und Gehetztheit ist, darum gibt es überall Bücher über und zur Gelassenheit. Was verloren oder zum Problem geworden ist, darüber denkt man nach, das wünscht man sich, darüber wird geschrieben und gesprochen. Das gilt nicht nur für die Gelassenheit.

Ja, und wie werde ich nun wirklich ruhiger, freier und gelassener? Na ja, gleich wieder, wenn ich den Anschluss in Nürnberg doch noch bekommen und – welch Glück - einen freien Platz gefunden habe. Dann sind sie wieder da die Ruhe und der Frieden und die Gelassenheit. Das aber kann es dann doch nicht wirklich sein, denn sobald die folgende Durchsage kommt, ist es wieder vorbei: „Aus unbekanntem Grund sind wir jetzt auf freier Strecke zum Halten gekommen. Bitte steigen Sie nicht aus! Bleiben Sie ganz ruhig. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß!“ Besonders nervös werde ich, wenn sich nach 15 min noch niemand meldet und wir ganz verlassen in der Landschaft stehen.

Gelassenheit kann ich nur lernen, wenn ich los lasse. Wenn ich meine Angst, den Anschluss zu verpassen und zu spät zu kommen los lasse. Wenn ich also zuerst einmal versuche, diese Angst zu lassen. Nicht in dem Sinne: Thomas, wenn du gelassen wärest, hättest du keine Angst!, sondern in dem Sinn: Thomas, mit Recht hast du Angst. Also: „Liebe Angst, ich lasse dich da sein. Und ich lasse dich los.“ Dasein lassen und los lassen, beides. Und das zu spät Kommen, das lasse ich jetzt auch sein. Es ist ok. Es darf sein. Komm ruhig zu spät! Auch all die mögliche Lästigkeit und Ungewissheit, wie es dann kommen wird. Ich lasse es da sein und ich lasse es los. Loslassen, Thomas, sage ich mir oft und oft, nicht nur in der Bahn.

Die großen christlichen Meister der Gelassenheit sind die Mystiker Meister Eckhart, Heinrich Seuse und Johannes Tauler. Auf sie geht wohl auch das deutsche Wort zurück. Da geht es um Tieferes als nur Coolness. Loslassen soll ich da nicht nur die Angst um das zu spät Kommen. Da soll ich alles loslassen: alle meine Zeitnot, allen Besitz, alle Sicherheiten, alle diese Ängste, alles, was so wichtig und unbedingt nötig ist – was ist denn das bei mir? –, ja sogar meine Arbeit, meine Beziehungen, meine Gesundheit, mein eigenes Leben. Ja, sogar Gott selbst soll ich loslassen, sagen diese Meister. Wenigstens alle meine Vorstellungen und Ideen und Erwartungen von Gott, sage ich mal, weniger mutig als die drei.

Aber bleiben dann nicht nur Leere und Finsternis? Ja, Leere und Finsternis kommen dann, sagen die Meister. Sie kommen vor dem großen Frieden und vor dem Licht. Denn wie sollen Frieden und Licht kommen, wenn nicht Leere und Finsternis waren? Wie soll wahre Gelassenheit kommen, wenn nicht zuvor das Loslassen kam? Alles loslassen. Alles.

Oder wie es Ignatius von Loyola (1491-1556) sagte: „Wir sollen also nicht unsererseits mehr wollen: Gesundheit als Krankheit, Reichtum als Armut, Ehre als Ehrlosigkeit, langes Leben als kurzes; und genauso folglich in allem sonst…“ Ist das cool? Naja, wohl nicht so richtig. Aber das ist Gelassenheit! Das ist etwas mehr als Coolness, denn es heißt bereit sein zum letzten Loslassen, zum Sterben. Zum Glück wird uns so etwas auf der Eisenbahnfahrt zwischen Augsburg und Osnabrück meistens nicht zugemutet. Normalerweise höchstens eine Verspätung. Oder auch nur die Angst vor der Verspätung. Also erstmal nur das Üben, mit der Angst vor der Verspätung fertig zu werden. Das kann schon mal ein nächster Schritt sein hin zur Gelassenheit.

Also viel Mut zum Üben und zum Weitergehen! Und natürlich gute Fahrt und gutes Ankommen!

Thomas Gertler SJ

2. November 2016

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