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Dietrich Bonhoeffer, Gefangener des NS-Regimes, versucht sich selbst „einzuschätzen“. Seine Zweifel werden zum Gebet; nur Einer kann zutiefst und zuletzt sein Fragen auffangen:

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern im Frühjahr 1932
© Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R0211-316 / CC-BY-SA

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. | Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten. | Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? … Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Aus:D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (1944)

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© Foto: Markus Jastroch - CC-BY-SA-2.0 -via Wikimedia Commons


Brennende Menschen sein

Sich selber richtig einzuschätzen, ist oft nicht leicht. Mancher möchte stark und leuchtend sein, aber dann reichen die Kräfte nicht, und der Helfer ist selber hilfsbedürftig: Die Mutter, die ihren Kindern ‚alles‘ sein will, aber eigentlich längst erschöpft ist. Der Personalchef, der ein offenes Ohr für die dreißig Mitarbeiter hat, aber selber niemanden für ein persönliches Gespräch nach Feierabend. Die Seelsorgerin, die anderen vom Glauben und Beten erzählt, selber aber schon länger nicht mehr beten kann. Der Freund, der selbstbewusst und unabhängig auftritt, aber im Innersten immer einsamer wird.

Leuchtturm sein, für andere da sein, um ihnen Sicherheit und Orientierung zu geben, wer möchte das nicht. Wie schnell mischt sich aber in die Sorge um diejenigen „in Nacht und Wind“ die Sorge um sich selbst, dass die Leuchtkraft nachlassen könnte, dass eigene Schwächen und Bedürfnisse zu Tage treten könnten und somit das Signal, „selbst ein Schiff in Not“ zu sein. Sich das dann einzugestehen, kann befreiend sein: Ja, ich brauche gerade selber einen Leuchtturm in der Dunkelheit. Ja, ich sehne mich selber nach Anlehnung, Heimat und Aussprache.

Zu einer guten Selbst-Einschätzung gehört die Kunst der Selbst-Wertschätzung - der Schatz des eigenen Selbstwerts. Dieser Schatz kann sich nicht einseitig aus Leistung, Dauereinsatz und Erfolg speisen. Dann könnte jemand schnell die anderen gebrauchen, um sich selber wertvoller zu fühlen. Nur, wer wahrhaftig er oder sie selbst ist, wer auch zu den eigenen Schwächen und Grenzen steht, kann auch wahrhaftig wer für Andere sein. Alles wirkliche Leben, sagt Martin Buber, ist Begegnung. Also nicht im Einzelkampf, sondern in ehrlicher Begegnung, im Teilen und in Gegenseitigkeit liegt der Schatz, wäscht eine Hand die andere. Oder humorvoll mit Max Raabe gesagt: „Küssen kann man nicht alleine“.

Unüberbietbarer Selbstwert ist uns gratis von Gott in die Wiege gelegt worden, weil jede/r Gottes einzigartiges, bedingungslos geliebtes Geschöpf ist. Und weil Gott für uns brennt, will er, dass wir sein Feuer fangen, um brennende Menschen zu sein. „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus-Evangelium 5,14ff), Licht, das auf den Leuchter gehört und nicht unter einen Krug. „Dann strahlt es allen im Haus.“ Dann können wir Leuchtkörper der Liebe Gottes sein, da wo wir sind, nicht zuerst durch Abrackern und Selbstanspruch, sondern indem wir in Gottes Gegenwart unser Leben mit Ihm teilen wollen in Vertrauen und Gebet.

Der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert verdichtet in wenigen Zeilen (s.o.) heimische Bilder und Erfahrungen zu einer Selbsterkenntnis. Sollten Sie in Ihrem Urlaub einen Leuchtturm sehen, halten Sie doch einmal inne und fragen Sie sich: Wo bin ich in letzter Zeit für jemanden „Leuchtturm“ gewesen? Wo habe ich mein Licht unter den Scheffel gestellt? Wo ist jemand für mich „Leuchtturm“ gewesen, wo konnte ich Hilfe erbitten und annehmen? – Dabei kann Gott Ihnen ein guter Gesprächspartner sein.

Eine leuchtende Sommer- und Ferienzeit wünscht Ihnen
Marlies Fricke (GCL)

8. Juli 2015

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