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Der Evangelist Markus berichtet darüber, wie Jesus die Menschen anschaut. Und wir können uns von diesem Blick Jesu anstecken lassen. Es geht um die arme Witwe im Tempel, die nur ganz wenig in den Opferkasten legt. Ich kann denken: diese beiden Pfennige hätte sie auch behalten können. Oder wie lächerlich. Oder ja, sie hat am meisten gegeben, wie Jesus, es sieht. Aber selbst das kann ich auch noch einmal unterschiedlich sehen. Sie hat eine größere Leistung vollbracht und mehr getan als alle die Reichen. Oder: sie gibt eben nicht nur etwas, sondern sie gibt letztlich sich selbst. Und das ist, was Jesus sieht: Sie glaubt und vertraut und liebt ganz und gar. Nicht nur etwas geben, sondern sich selbst ganz und gar. Und noch dazu gern und mit Freude. Ich habe immer noch Angst, muss ich sagen…

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Mk 12,41 Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.

42 Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein.

43 Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.

44 Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

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Alte Schuh

Mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm geht der Vater zum Fenster. Er öffnet es, zeigt auf den Himmel und sagt: Schau doch mal, Markus, welch ein herrlicher Sonnenuntergang! Ist er nicht wunderschön?“ Aber Markus schaut gar nicht hin. Er beugt sich runter und greift nach dem alten schmutzigen Gartenschuh, der auf dem Fensterbrett zum Trocknen steht.

Ja, denkt der Vater, genau so sind wir. Gott schenkt und diesen wunderbaren Sonnenuntergang, und wir schauen gar nicht hin, sondern greifen nach dem dreckigen alten Schuh.

Diese Geschichte samt Anwendung steht nach meiner Erinnerung bei Manfred Hausmann. Ich hab sie hier aus dem Gedächtnis erzählt. Und ich dachte damals, als ich sie las, ja, so ist es. Wir sehen nicht die Schönheit und den Himmel, der sich über uns wölbt. Wir sehen und greifen nach dem dreckigen alten Schuh. Ganz gut unsere Blindheit für das Höhere in eine kleine anschauliche Geschichte verpackt, lieber Manfred Hausmann. Danke!

Das muss jeder Mensch erst lernen, diese Schönheit zu sehen, über sie zu staunen und sich von ihr erheben lassen zur größeren Schönheit Gottes. Ich weiß noch, wie alt ich schon war, als ich zum ersten Mal wirklich nach der Natur gesehnt habe. Da war ich 27 Jahre alt und Diakon in Berlin-Mitte und schaute aus meinem Zimmer den ganzen Tag auf die Mauer. Nicht die Berliner Mauer, an die Sie jetzt vielleicht denken. Nein, es war die fromme Mauer der Herz-Jesu-Kirche, aber sie hat mir trotzdem den Geist getötet. Und es wuchs in mir Sehnsucht nach Grün. Sehnsucht nach Himmel. Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie. Nach dem Frieden und dem Einklang, den die Wälder schenken.

Diese Freude an der Natur ist im Lauf der Jahre immer mehr gewachsen. Und ich habe sie auch meinem Vater zu verdanken. Er wanderte gern und genoss die Landschaft. Wir Kinder gingen halt auch mit, oft mehr oder weniger lustlos. Ich wollte lieber irgendwas im Wald finden. Eine Feder. Einen Stein. Ein Schneckenhaus. Borke von der Kiefer, aus der ich dann ein Boot schnitzen konnte mit der Feder als Segel. Ich griff eben auch lieber herunter auf die Erde. Aber mein Vater hat uns geholfen, die Schönheit der Wälder und der weiten Ausblicke in die Landschaft allmählich zu entdecken. Und sie hilft mir heute und sicherlich auch Ihnen, Gott zu finden. Oder?

So ist das doch wirklich – wir finden Gott leicht im Schönen, im Harmonischen, im Großen und Erhabenen der Berge und Gebirge, in der Weite und Unermesslichkeit der Meere und der Ozeane. Alles das sind Bilder für die noch viel größere Schönheit, Erhabenheit und Unermesslichkeit Gottes.

Wie ich mir heute noch einmal die Geschichte von Manfred Hausmann durchdachte, da spürte  ich noch etwas anderes. Kann ich heute vielleicht ein bisschen Verständnis für den kleinen Markus haben und muss nicht der enttäuschte Vater sein? Vielleicht hat ja der kleine Markus auch Recht, sich für den dreckigen alten Schuh zu interessieren. Ich würd ihn ja nicht anfassen wollen. Der Kleine aber fasst ohne weiteres auch Dreck an. Manchmal ein Graus, wohin Kinderhände so alles greifen.

Und wieso ist Gott eher im Sonnenuntergang als im alten dreckigen Schuh? Wenn Gott allgegenwärtig ist, dann findet der kleine neugierige Markus ihn ja auch im alten dreckigen Schuh. Aber der kleine Markus hat ja gar nicht den lieben Gott im Sinn. Sowie so nicht. Er findet den Schuh interessant. Den will er anfassen und verstehen. Dieser riesige Schuh von Papa. Solche großen Füße. Und die Erde am Schuh fasst sich auch so gut an.

Vielleicht sollte ich mir einmal überlegen, ob mir nicht auch das Unscheinbare und ganz Irdische zu Gott helfen könnte, nicht nur das Schöne und Erhabene. Sicher sind es nicht gleich die alten Schuhe. Obwohl es ein Gedicht von Christian Morgenstern über den Schuh als „Das Symbol des Menschen“ gibt. Der Schuh steht bei ihm für den Menschen als Wesen zwischen Tier und Geist. Schuh aus Tierhaut und geformt vom Erfindergeist des Menschen. Es kommt eben ganz darauf an, wie ich den Schuh anschaue. Oder auch den Sonnenuntergang. Den kann ich ungläubig als bloße physikalische Erscheinung sehen – nichts Wunderbares wie ihn der Ingenieur Faber in Max Frischs Roman „Homo Faber“ sieht.

Nicht die Dinge selbst führen mich zu Gott, sondern die Weise, wie ich sie anschaue. Wenn ich sie im Glauben anschaue, führen mich alle Dinge zu Gott.

Wie schaue ich die Welt an?

Und ein Wort von Madeleine Delbrêl: „Gott, wenn du überall bist, wie kommt es dann, dass ich immerzu anderswo bin?“

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ     

14.11.2012

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