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Aus dem 8. Kapitel des Hohenlieds

8,6 Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, / wie ein Siegel an deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe, / die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, / gewaltige Flammen.

7 Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; / auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, / nur verachten würde man ihn.

Zuneigung


Diese Skulptur war lange Zeit mein Lieblingsbild für die Betrachtung, drückte es doch meine Sehnsucht aus, Jesus so nahe zu sein wie Johannes beim Abendmahl. Er ruhte an der Brust des Herrn (vgl. Joh 13,25). Diesen Augenblick hält die Skulptur fest. Und sie löst ihn heraus aus der Situation des letzten Mahles Jesu und seiner Dramatik und macht ihn zeitlos und friedvoll. Dieser Moment wird zur nicht vergehenden Gegenwart. Er wird zum Bild für das innige Verhältnis zwischen Jesus und seinem Lieblingsjünger.

Zuneigung im wahrsten Sinne des Wortes.

Nicht nur der Kopf des Johannes neigt sich Jesus zu, ruht an der Schulter und dem Herzen Jesu, sondern die ganze Person lehnt sich ihm an. Die geschlossenen Augen des Johannes drücken die Innigkeit aus. Sie bedeuten nicht, dass er schläft, sondern bedeuten, dass er sich nicht ablenken lässt, sondern ganz in dieser Nähe aufgeht. Er schaut nach Innen.

Zuneigung auch von Jesu Seite

Leicht ist er dem Jünger zugewandt. Er reicht ihm die Rechte und legt die Linke auf seine Schulter. Jesus hält seine Augen nicht geschlossen. Aber auch sie sind nicht auf etwas Konkretes gerichtet, sondern schauen in die Ferne. In Gottes Ferne.

Selbst die Gewänder sind vielfältig einander zugeneigt. Ein roter Mantel oder ein Tuch fließt von Christus zu Johannes hinüber. Und auch die Mittelfalten zeigen aufeinander. Was mich immer besonders bewegt hat, ist die tiefe Menschlichkeit, die Würde und Schönheit, die diese Figuren ausstrahlen.

Da ist wirklich nichts von finsterem Mittelalter. Das Bild wurde geschaffen um 1310 oder 1320 in der Bodensehgegend.* Wenn eine Zeit sich immer auch in ihrer Kunst ausdrückt, dann sagt uns dieses Bild: auch das war möglich in dieser Zeit.

Es spiegelt sich darin die große deutsche Mystik von Hildegard von Bingen über Mechthild von Magdeburg und Gertrud von Helfta zu Meister Eckhart und eines Heinrich Seuse von Konstanz (1295 * 1366), auf dessen Einfluss wohl dieses Kunstwerk zurückgeht.

Und was damals möglich war, ist es auch heute. Ich darf mich sehnen nach dieser innigen Nähe Jesu, und auch zuweilen spüre ich sie auch. Ich darf mich anlehnen an Jesus und er lässt es zu. Er hält mich und legt den Arm um mich. Und ich darf auch anderen Halt sein und Nähe und Zuneigung schenken.


* Vgl. Justin Lang, Herzensanliegen. Die Mystik mittelalterlicher Christus-Johannes-Gruppen, Ostfildern: Schwabenverlag 1994.


Herzlichen Dank an Burkhard Nitzsche für die Verwendungsrechte des Bildes!

www.kirche-zehren.de/kirche-doerschnitz/Kirche_Doerschnitz.htm