Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheGeschmack am Leben - Teil 2
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Wir können solchen Geschmack am vollen Leben ablesen an den großen Gestalten des Glaubens wie Paulus oder wie Maria. Und am meisten an Jesus und seinem Weg zum Kreuz und zur Auferweckung von den Toten.

Lk 2,34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu:
Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
35 Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.


Paulus hat in seinem Leben die volle Freiheit gelernt. Er schreibt an seine Lieblingsgemeinde in Philippi:

Phil 4,11
… ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden:
12 Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung.
13 Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.

Ballade vom angenehmen Leben


Da preist man uns das Leben großer Geister
Das lebt mit einem Buch und nichts im Magen
In einer Hütte, daran Ratten nagen.
Mir bleibe man vom Leib mit solchem Kleister!
Das simple Leben lebe, wer da mag!
Ich habe (unter uns) genug davon
Kein Vögelchen, von hier bis Babylon
Vertrüge diese Kost nur einen Tag.
Was hilft da Freiheit, es ist nicht bequem
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Die Abenteurer mit dem kühnen Wesen
Und ihrer Gier, die Haut zu Markt zu tragen  
Die stets so frei sind und die Wahrheit sagen
Damit die Spießer etwas Kühnes lesen
Wenn man sie sieht, wie das am Abend friert
Mit kalter Gattin stumm zu Bette geht
Und horcht, ob niemand klatscht und nichts versteht
Und trostlos in das Jahr fünftausend stiert.
Jetzt frag ich Sie nur noch: ist das bequem?
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Ich selber könnte mich durchaus begreifen
Wenn ich mich lieber groß und einsam sähe
Doch sah ich solche Leute aus der Nähe
Da sagt ich mir: das mußt du dir verkneifen.
Armut bringt außer Weisheit auch Verdruß
Und Kühnheit außer Ruhm auch bittre Mühn.
Jetzt warst du arm und einsam, weis und kühn
Jetzt machst du mit der Größe aber Schluß.
Dann löst sich ganz von selbst das Glücksproblem:
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm

Bertold Brecht


Den Geschmack am Leben finden wir nicht so sehr durch immer gesteigerte Raffinesse, sondern durch Kontrast. Wer wirklich hungrig ist, dem schmeckt eine ganz simple Schreibe Brot ganz köstlich.

Ich möchte das noch etwas vertiefen. Am Beginn meiner Ordenszeit lernte ich einen alten Jesuiten kennen, der eine schreckliche Art hatte, zu Mittag zu essen. In den Teller mit der Suppe, rührte er sich den Hauptgang mit Kartoffeln, Gemüse und Fleisch hinein und zu allem Überfluss auch noch das Apfelmus für den Nachtisch. Das alles vermischte er miteinander und aß es mit dem Löffel auf. Bei der Vorstellung wird einem übel. Und ich konnte das damals auch kaum mit ansehen. Aber es ist mir ein Bild geworden für das, was wir doch häufig tun.

Wir mischen Zeiten und Orte miteinander und vermeiden eben gerade Kontraste. Was ich meine, kennen wir alle sehr gut. Die ganze Fastenzeit über gibt es schon Ostereier und Osterhasen, so dass man an Ostern gar keine mehr sehen und essen mag. Während der Adventzeit hört man schon alle Weihnachtslieder, so dass sie einem am Fest selbst zu den Ohren herauskommen und man von Weihnachten genug hat.

Alltag und Festtag rücken sehr eng aneinander, so dass Alltag nicht mehr Alltag ist und Festtag nicht mehr Festtag. Der Kontrast wird minimiert. Wenn ich überhaupt nichts anderes mehr trage als Jeans und ein festliches Kleid mir ganz fremd ist, wenn ich mich aus dem Alltag gar nicht mehr heraus traue. Wenn mir auch am Sonntag alles so zur Verfügung stehen muss wie am Werktag. Am besten wie in Amerika, wo es in jeder großen Stadt viele 24 Stunden lang geöffnete Supermärkte gibt. Bei Konrad Lorenz habe ich einmal gelesen, dass auf diese Weise die Kontraste zu einem kleinen Oszillieren zusammenschrumpfen. Dadurch wird alles irgendwie gleich und auch gleichgültig. Es gibt dann kaum noch eine Rhythmisierung der Zeit.

Es gibt dann auch nichts mehr, worauf ich mich freue. Kommt mir das aus dem eigenen Leben bekannt vor? Wo finde ich bei mir solche Einebnung von Kontrasten?


Gerade das führt dann andererseits dazu, dass manche extra starke Kontraste oder Reize suchen, um den Geschmack am Leben zu finden oder den Kick zu bekommen. Das sind dann gefährliche Vergnügen und Sportarten wie Bungee Jumping oder Gleitschirmfliegen oder Tandemspringen. Jeder kennt noch andere Formen solcher Versuche, zu dem Kick oder Geschmack zu kommen, die nicht wirklich zum Geschmack am Leben führen wie Alkohol, Drogen oder Orgien.


Wo wünsche ich mir mehr Geschmack am Leben?

Wir neigen auf der einen Seite dazu, unser Leben möglichst leidfrei und schmerzfrei zu verbringen. Wir sichern es nach allen Seiten ab. Wir gehen gerade darum keine tiefen Beziehungen ein, um nicht enttäuscht zu werden, um keinen Schmerz mehr zu spüren.
Das hat allerdings eine fatale Folge: Wer auf diese Weise leidfrei zu werden hofft, der macht sich auf der anderen Seite Skala auch unfähig zu tiefer Freude. Beides hängt zusammen. Nur wer bereit ist, auch Enttäuschungen und Schmerz zu erleben, wird auch das tiefe Glück der Liebe oder eines gut überstandenen Wagnisses erfahren. Ich kann nicht die eine Seite beschneiden, ohne zugleich die andere Seite zu kürzen.

Wir verwechseln sehr oft das angenehme Leben mit dem glücklichen und erfüllten Leben. Das angenehme Leben versucht möglichst kontrastfrei zu leben, frei von Aufregungen, von Anstrengungen, von Mühe und Angst. Darum dann auch in Langeweile und ohne wirkliche Erfüllung, ohne Glück und Freude. Ein glückliches und erfülltes Leben hat immer auch Mühsal, Angst und Stress, aber auch Erfüllung, Freude, Glück.

Was möchte ich lieber, ein angenehmes oder ein glückliches Leben?
Und worauf richte ich mich ein?


Die Fastenzeit und auch die ähnlich ausgerichtete Adventzeit möchten uns Kontrasterfahrungen ermöglichen. Dabei geht es geht es nicht um den Kick, sondern um etwas Tieferes, nämlich das Wagnis des Lebens mit allen seinen Höhen und Tiefen, seinem Glück und seinem Schmerz zu bejahen und sich ganz dort hineinzubegeben.