Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheWarum gerade ich? - Teil 2
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Irgendwann trifft jeden ein Unglück, eine Krankheit, ein schwerer Verlust, ein Todesfall. Dann stellt sich unwillkürlich die Frage: Warum gerade ich? Musste das passieren? Warum musste es mir passieren?
Solche Erfahrungen erschüttern uns in unserem Grund- und Urvertrauen nicht nur gegenüber der Welt, sondern auch Gott gegenüber.

Dann ist die Krise da.
Wie stelle ich mich dazu?

Die erste Reaktion ist zumeist, dass ich es gar nicht wahr haben will. Ich möchte gern weiter so leben wie bisher. Das Ganze ist vielleicht nur ein Irrtum oder ein Versehen. Das Schlimme darf gar nicht sein. Das ist unmöglich.Und diese Reaktion ist auch ganz richtig so. Denn wenn es uns unerwartet trifft, ist es oft wirklich zu groß für uns. Tatsächlich unfassbar und unannehmbar.

Die darauf folgende Reaktion ist dann meist Wut oder Zorn über das Geschehene. Ich bin zornig über „die Schuldigen“ an diesem Unglück (an mich selbst denke ich dabei zunächst noch nicht). Wütend auf die, die mich vielleicht immer zum Rauchen verführt haben, den Arzt, der die Diagnose zu spät gestellt hat, den Autofahrer, der nicht rechtzeitig reagiert hat. In der Zeit darf mir niemand zu nahe kommen.
Auch diese Reaktion ist gut und richtig, der Zorn hilft mir, Grenzen zu ziehen und Zorn gibt mir auch Kraft zur Veränderung. Freilich darf es dabei nicht bleiben.

Es gibt einen nächsten Schritt. Er setzt sich zum ersten Mal positiv mit dem Unabänderlichen auseinander. Ich fange an zu verhandeln. Wenn es also jetzt schon so ist, dass ich wirklich alkoholkrank bin, dann soll es doch niemand erfahren. Wenn ich jetzt also Krebs habe, dann soll es doch nicht so eine furchtbare Quälerei sein. Jeder kennt diese Verhandlungen. Wir führen sie innerlich immer wieder.
Sie sind gut und richtig, weil sie mir helfen, mich dem Schlimmen zu stellen und es anzunehmen, wenn auch nur unter Bedingungen.

Auch darüber komme ich hinaus, und zwar in die Phase, in der ich sehe: nichts wird mehr so sein, wie es war. Es gilt nun von vielem Lieben und Gewohnten Abschied zu nehmen. Es sind nun nicht mehr so sehr die anderen, die das alles angeht, sondern ich selbst bin es, der/die betroffen ist. Das ist die Phase der Trauer und des Abschiedes.Hier nehme ich nun das Schlimme an als das, was es wirklich ist mit allen seinen schrecklichen Konsequenzen. Und Tränen und Trauer sind zutiefst berechtigt und gut.

Danach erleben viele etwas, das man zu Anfang für ganz unmöglich hält, nämlich dass sich die Situation noch einmal – bei allem Schlimmen – wendet. Ich fange nämlich an zu entdecken, dass sogar in diesem so Unmöglichen und Unvorstellbaren noch eine Möglichkeit tieferen, wahrhaftigeren Lebens steckt.Es kann sich eine große Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens einstellen, sogar wenn es nun zu Ende geht. Oder ich entdecke, dass ich nun das Leben trotz Einschränkung und Begrenzung besser annehmen, verstehen, und leben kann als früher.Wenn ich das nicht von mir kenne, so vielleicht von Menschen, die gerade durch ein tiefes Leid geläutert und gereift sind. Das hilft mir dann, mir vorzustellen, dass das auch bei mir geschehen kann. Oder es hilft mir der Blick in die eigene Vergangenheit, wo ich schon einmal erfahren habe, dass es eine schwere Zeit gab, die sich nachher als sehr fruchtbar erwiesen hat, weil ich da gewachsen, gereift bin und etwas Wesentliches für mein Leben verändert und gelernt habe.

Dieser Schritt zur Versöhnung mit dem Schicksal und der Annahme und Wandlung erfolgt nicht automatisch. Er gelingt auch nicht allen. Aber dorthin zu kommen, ist letztlich die Aufgabe und die Chance. Nämlich dass ich aus der Krise meines Urvertrauens herauskomme und nun bewusst und mit eigenem Entschluss mich auf das Vertrauen auf Gott stelle, weil ich erfahren habe, dass sich auch das Schlimmste noch zum Guten wendet. Daraus erwächst dann die Kraft, mit anderen Leidenden solidarisch zu sein und ihnen zu helfen.

Diese Phasen, von denen ich gesprochen habe, sind nicht erfunden. Diese Phasen sind zuerst von Elisabeth Kübler-Ross beschrieben worden. Sie hat Menschen interviewt, die mit dem Schlimmsten konfrontiert waren, was uns zugemutet wird, nämlich dem eigenen Tod (Interviews mit Sterbenden - 1969). Da hat sie diese Schritte oder Phasen entdeckt. Sie sind dann von anderen weiterentwickelt und differenziert worden. Diese Phasen müssen manchmal mehrmals durchlaufen werden.

Literatur: Erika Schuchardt, Warum gerade ich...? - Leben lernen in Krisen - Fazit aus Lebensgeschichten eines Jahrhunderts, Vandenhoeck&Ruprecht - 12., überarb. und erw. Aufl. Göttingen, 2006.