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Aus den Klageliedern, Kapitel 3

In vielen Texten spricht auch die Bibel von dieser Frage „Warum gerade ich?“ Am bekanntesten ist die Geschichte von Hiob oder Ijob. Ich habe einen Text aus den Klageliedern des Propheten Jeremia ausgewählt. Diese Texte ermutigen uns, auch unsere Not und Klage vor Gott ungeschönt und in aller Schrecklichkeit zu äußern.


1 Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat / durch die Rute seines (Gottes) Grimms.
2 Er hat mich getrieben und gedrängt / in Finsternis, nicht ins Licht.
3 Täglich von neuem kehrt er die Hand / nur gegen mich.
4 Er zehrte aus mein Fleisch und meine Haut, / zerbrach meine Glieder,
5 umbaute und umschloss mich / mit Gift und Erschöpfung.

6 Im Finstern ließ er mich wohnen / wie längst Verstorbene.
7 Er hat mich ummauert, ich kann nicht entrinnen. Er hat mich in schwere Fesseln gelegt.
8 Wenn ich auch schrie und flehte, / er blieb stumm bei meinem Gebet.
9 Mit Quadern hat er mir den Weg verriegelt, / meine Pfade irregeleitet.
10 Ein lauernder Bär war er mir, / ein Löwe im Versteck.

11 Er hat mich vom Weg vertrieben, / mich zerfleischt und zerrissen.
12 Er spannte den Bogen und stellte mich hin / als Ziel für den Pfeil.
13 In die Nieren ließ er mir dringen / die Geschosse seines Köchers.
14 Ein Gelächter war ich all meinem Volk, / ihr Spottlied den ganzen Tag.

15
Er speiste mich mit bitterer Kost / und tränkte mich mit Wermut.
16 Meine Zähne ließ er auf Kiesel beißen, / er drückte mich in den Staub.
17 Du hast mich aus dem Frieden hinausgestoßen; / ich habe vergessen, was Glück ist.
18 Ich sprach: Dahin ist mein Glanz / und mein Vertrauen auf den Herrn.
19 An meine Not und Unrast denken / ist Wermut und Gift.
20 Immer denkt meine Seele daran / und ist betrübt in mir.


Stellen Sie sich auch manchmal diese Frage? Warum gerade ich? Sei es mehr harmlos: Warum muss nun gerade ich, diese zusätzliche und mühevolle Aufgabe übernehmen? Oder viel schwerer: Warum muss nun gerade ich Diabetes bekommen und mein Bruder, der noch viel dicker ist und unvernünftiger lebt, dem geschieht das nicht?

Meist hat die Frage: „Warum gerade ich?“, einen mehr klagenden Unterton. Es hätte andere treffen können, nun hat es ausgerechnet mich getroffen. Immer ich! Gerade ich! Muss das sein? Es muss nicht sein. Und wie gut wäre es, wenn der Kelch an mir vorübergegangen wäre.

Die Frage „Warum“ ist hier nicht so sehr die Frage nach der Ursache. Denn die Ursache ist ja meistens klar. Diabetes, weil die Bauchspeicheldrüse nicht mehr richtig funktioniert oder etwas Ähnliches. Wenn ich frage: Warum gerade ich? dann will ich nicht die Ursache wissen sondern den Sinn. Was soll das? Warum trifft es mich und eben nicht jemanden anderen. Es geht um die Frage Wozu. Wozu soll das gut sein? Es ist doch nur schlecht. Krankheit hat doch keinen Sinn. Das macht doch mein Leben nur schwer und mühsam.

Ja, es stimmt. Krankheit soll nicht sein. Das Schlechte und das Böse sollen nicht sein. Das ist völlig klar und leuchtet jedem ein. Sie stören und zerstören.

Trotzdem sind sie da. Es gibt das Schlechte und es gibt das Böse.
Die Welt ist voll davon. Ja, sie treffen auch mich und sie stören und zerstören auch mich. Und Leben soll gut sein und gelingen. Leben soll schön sein und ganz und heil. Es soll einen Sinn haben und nicht unsinnig sein. Die Sehnsucht nach Sinn sitzt unausrottbar in uns. Und jeder, der dann solche Störung und Zerstörung erfährt, fängt an zu fragen: „Warum gerade ich?“ Ja, zumeist fragen wir uns sogar, ob das eine Strafe ist. Jetzt werde ich bestraft für mein unvernünftiges Leben. Jetzt bekomme ich die Rechnung dafür. Und wir machen dann auch oft gleich Versprechungen. Jetzt höre ich auf zu rauchen oder zu trinken oder so viel Süßes zu essen. Nur soll die Krankheit wieder weggehen.

Wieso ist das meist ganz unwillkürlich da, dieses Nachdenken über Strafe? Ich meine, dass es in unserer Kindheit wurzelt. Nicht so sehr, weil uns unsere Eltern gestraft haben, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Nein, das geht noch früher los. Wir wissen aus der Psychologie, dass sich im kleinen Kind durch die Erfahrungen mit den Eltern ein Vertrauen nicht nur auf die Eltern, sondern auf die ganze Welt bildet. Wenn die Eltern zuverlässig sind und gut, dann wird diese positive Erfahrung auf das Ganze der Welt übertragen. Nicht nur die Eltern sind gut und zuverlässig – jedenfalls im Prinzip, sondern alle Menschen. Nicht nur die Menschen sind gut, sondern die Welt. Sie ist gut und zuverlässig. Sie trägt mich und jeden Morgen geht die Sonne auf. Die Psychologen nennen das Urvertrauen. Es entsteht in den ersten drei Lebensjahren. Und das gibt uns den Mut, dem Leben zu trauen und uns darauf zu verlassen. Und wir haben seit dieser Zeit immer so etwas wie ein Du-Verhältnis zur Welt und zum Ganzen. Wir sind oft gar nicht bewusst damit im Gespräch und bei Erfahrungen, die mich ganz persönlich betreffen, da steht es auf und meldet sich ganz unwillkürlich bei den meisten Menschen.

Freilich erfährt auch jedes Kind schon Schlimmes und wenn das überwiegt, dann entsteht ein Urmisstrauen. Aber meist überwiegt – Gott sei Dank – noch die gute Erfahrung. Wenn mir nun unvermittelt oder erst einmal zufällig etwas so Schlimmes widerfährt, dann kommt sofort das Misstrauen aus der Kindheit hoch: Ist die Welt wirklich gut, zuverlässig und treu? Und wenn ich das nicht sofort bezweifeln will, dann suche ich den Grund bei mir. Habe ich einen Fehler gemacht, dass es jetzt so schief läuft? Immer fällt mir auch etwas ein. Ja, häufig eine ganze Reihe, was ich falsch gemacht habe, oder was sonst schon so alles schief gegangen ist und was nun dafür spricht, dass eben die Welt mich nicht mehr trägt, sondern unter mir in Stücke bricht und nun mein Leben da liegt in lauter Scherben.

Die Frage „Warum ausgerechnet ich?“, geht also sehr tief und hat es dann immer mit dem Ganzen der Welt zu tun. Für den Gläubigen auch immer mit Gott. Wie soll ich Gott weiter als guten und liebenden Gott verstehen, wenn mir das jetzt geschieht?

Der Impuls heute gibt darauf keine Antwort, sondern er lädt Sie ein, selbst über Ihre Erfahrungen mit dieser Frage nachzudenken und darüber auch vor Gott im Gebet nachzudenken. Vielleicht fällt Ihnen auch eine Erfahrung ein, wie eine schlimme Situation sich verwandelt hat in eine gute. Oder wie das Ringen um ein schweres Schicksal weiter und tiefer geführt hat. Im nächsten Impuls schreibe ich weiter darüber.