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Der Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck (1909-1981), der dieses Jahr einhundert Jahre alt geworden wäre,  hat einmal über die Kirche im Osten Deutschlands gesagt:

„Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Ja, mein Erbe gefällt mir wohl.“ Damit wollte er gegen die auch unter Christen verbreitete Verdrossenheit mit der Situation in der DDR reagieren und sie zum Bleiben und zum Engagement ermuntern. Kein Land ist gottlos, mag es darin auch viele geben, die nicht an Gott glauben. So dürfen wir den Psalm 16 verstehen, den Bischof Hugo zitiert hat.


Ps 16,1
[Ein Lied Davids.] Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir. /

2 Ich sage zum Herrn: «Du bist mein Herr; / mein ganzes Glück bist du allein.»

3 An den Heiligen im Lande, den Herrlichen, / an ihnen nur hab ich mein Gefallen.

4 Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt. / Ich will ihnen nicht opfern, / ich nehme ihre Namen nicht auf meine Lippen.

5 Du, Herr, gibst mir das Erbe und reichst mir den Becher; / du hältst mein Los in deinen Händen.

6 Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. / Ja, mein Erbe gefällt mir gut.

7 Ich preise den Herrn, der mich beraten hat. / Auch mahnt mich mein Herz in der Nacht.

8 Ich habe den Herrn beständig vor Augen. / Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.

9 Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele; / auch mein Leib wird wohnen in Sicherheit.

10 Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; / du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.

11 Du zeigst mir den Pfad zum Leben. / Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, / zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.

(c) Thomas Gertler


Zwanzig Jahre

Gern wollte ich noch mal etwas über das Jahr 1989 und die Erfahrungen damals schreiben. Aber das Wichtigste habe ich schon geschrieben (vgl. Impuls „Deutsche Einheit"). Das würde ich heute genauso schreiben. Auch das Gedicht: Wenn es ein Wunder war… Es ist immer noch ein Wunder.

Aber für mich ist inzwischen die Friedliche Revolution oder die Wende, wie ich früher naiver weise gesagt habe, weit, weit weg. Damals war ich im geliebten Erfurt. Heute bin ich im schönen alten Augsburg, das ich anfange zu lieben. Zwanzig Jahre liegen dazwischen. Ich war damals einundvierzig. Jetzt bin ich einundsechzig. So unglaublich viel ist in diesem Zeitraum geschehen. In manchen Momenten ist mir die Zeit vor 89 präsenter, gegenwärtiger. Woran liegt das? Hängt es vielleicht damit zusammen, dass inzwischen so vieles, so wahnsinnig viel passiert ist? Hängt es mit der Beschleunigung des Daseins zusammen? Mit den neuen Aufgaben, die mich ganz gefordert haben, aber die doch innerlich nicht so stark prägend waren wie zum Beispiel meine Zeit als Studentenpfarrer in Leipzig von ‘83 bis ’86? Die war so kurz. Nur gut dreieinhalb Jahre, aber so intensiv habe ich nie wieder mit vielen Menschen zusammen gelebt.

Ja, die Beschleunigung des Daseins. Auch zu DDR-Zeiten hatten wir manchmal das Gefühl, keine Zeit zu haben. Aber was es wirklich heißt, das haben wir erst nach ‘89 gemerkt. Vorher war immer noch mehr Zeit, zum Verarbeiten der Erfahrungen, zum Sprechen, zum Nachklingen. Darum ging es vielleicht auch tiefer. Jetzt immer Schlag auf Schlag. Also diese Beschleunigung, das ist sicher eines.

Aber tiefgreifender und im Westen so selten wirklich verstanden, passierte etwas anderes. Es hat sich im Osten mit der friedlichen Revolution nicht nur etwas oder einiges, sondern alles verändert. Im Westen hat sich im täglichen Leben kaum etwas geändert. Außer dem Solidarbeitrag und dann der deutschen Hauptstadt Berlin. Im Osten ab ’89 alles: die Sozialstrukturen, der Alltag, die Gewohnheiten. Von der Kaufhalle zum Supermarkt. Vom Trabant zum Volkswagen. Von der Parteizeitung „Das Volk" zur „Thüringer Allgemeinen". Vom Hellerauer Multifunktionstisch (abgekürzt „Mufuti" siehe Film „Sonnenallee") zu Ikea. Vom Westfernsehen in den real existierenden Westen, der ganz anders ist.

Beziehungen, die bis dahin entscheidend waren, wurden plötzlich überflüssig, ja, vielleicht sogar gefährlich. Alles, alles veränderte sich von Grund auf für alle. Für die Mehrheit war es eine Befreiung. Für uns Christen eine Erlösung wie aus dem Sklavenhaus Ägypten. Für ungefähr ein Drittel in der alten DDR aber war es Verlust und Angst und in der Folge passiver Widerstand und Verbitterung. Sie hatten das Regime aktiv getragen und innerlich davon gelebt. „Ohne das Land zu verlassen, gehe ich in die Fremde", hat Helga Königsdorf gesagt. Für sehr viele Ende der (bisherigen) Arbeit. Aus. Arbeitslosigkeit. Aussichtslosigkeit und Depression. Oder auch Umlernen, eine Herausforderung und eine Chance, wieder jünger zu werden.

So vieles habe auch ich seitdem neu gelernt. Sehr wichtig war für mich ein ganzes Jahr in USA und damit eine neue Welt und eine neue Sprache. Und der Computer. Wie stolz war ich 1984 noch auf meine elektrische Kugelkopfmaschine aus dem Westen. Dann kam das Typenrad. Wer kennt das noch? Und dann der Computer. Heute so selbstverständlich und der ständige Begleiter. Derjenige, mit dem ich definitiv die meiste Zeit verbringe. Für wen ist das auch so?

Seit 1995 bin ich nun „im Westen", zunächst in Frankfurt am Main an der Hochschule der Jesuiten „Sankt Georgen". Oh war das anfänglich eine Anstrengung! Möglichst keine Fehler machen. Sich als Ossi nicht zu dumm anstellen. Sich ja nicht blamieren. Nun noch tiefgreifender ein Wandel aller Verhältnisse für mich, auch wenn ich es als Jesuit leichter hatte und habe, weil es eine tiefe Gemeinsamkeit innerhalb der Ordensgemeinschaft gibt über Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Aber es bleibt doch eine andere Welt, eine andere Kirche, eine andere Geschichte. Viel habe ich über diese Unterschiede nachgedacht, auch geschrieben und gesprochen. Aber nicht alles lässt sich in Worte fassen. Es sind Erfahrungen, Gefühle, Stimmungen aus dem 40 Jahre miteinander geteilten Leben im Osten. Das Selbstverständliche. Das, was Heimat ausmacht und man erst merkt, wenn man nicht mehr daheim ist. Ich habe in meiner Zeit im Westen viele Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen ich tief und herzlich verbunden bin, aber wenn ich meine Geschwister oder meine ehemaligen Studenten aus Leipzig treffe, dann gibt es dort ein wortloses Verstehen und ein Daheimsein, wie es das so in Frankfurt oder Augsburg nicht gibt.

Sicher geht es auch vielen aus dem Westen so, die in diese seltsame Welt und Kirche und Geschichte des Ostens eingetaucht sind und dort nun seit zwanzig Jahren leben. Ich weiß es von etlichen.

Also was ist nun das Ergebnis von zwanzig Jahren? Ich bin im Unterschied zu vielen dankbar für die vierzig Jahre, die ich in der DDR gelebt habe. Sie haben mich geprägt und es waren für mich in meinem Lebensumfeld auch „wunderbare Jahre" (so ein Buchtitel von Reiner Kunze), aber nicht nur ironisch, sondern auch wirklich. Da bin ich geworden, was ich heute noch voll Freude bin: Jesuit und Priester. Aber auch für die folgenden 20 Jahre bin ich von Herzen dankbar. Und ich fühle mich bei aller Anstrengung und Herausforderung (auch dadurch) überreich beschenkt und geleitet und geführt durch Gottes Gnade in diesen Jahren. Die Friedliche Revolution hat mir gezeigt: Nichts währt ewig, obwohl es die DDR-Führung immer so zu verstehen gab. Es kann auch ein unglaublich mächtiges Reich binnen kürzester Zeit zusammenbrechen. Das gilt für jedes menschliche Staatssystem. Auch für die Demokratie, wenn sie nicht mehr gewollt, getragen und verteidigt wird. Selbst die Amerikaner sollten sich da nie sicher sein.

Noch eine Bemerkung: Es gibt ja viele, die meinen, dass diese „Wende" so oder so gekommen wäre und kommen musste, der Kommunismus von allein zusammengebrochen wäre und die Zeit dafür reif war. Nein, so ist es nicht. Es könnte durchaus so sein, dass ich noch im alten Erfurt säße. Dort wäre inzwischen die Hälfte der mittelalterlichen Altstadt zusammengebrochen nach dem Spruch: „Ruinen schaffen – ohne Waffen". Wir würden weiterhin und intensiver auf Westpäckchen warten. Die Versorgung wäre so schlecht wie nie. Die Grundfarbe wäre nicht mehr Grau, sondern Dunkelgrau. Die deutsche Einheit wäre weiter entfernt als je. Egon Krenz wäre Staatsratsvorsitzender und sähe vielleicht so alt aus wie Maximo Leader Fidel Castro und demnächst würde ein Treffen mit dem Kanzler der Bundesrepublik stattfinden, bei dem einmal wieder über einen Kredit für Nahrungsmittel verhandelt würde und weitere mögliche Reiseerleichterungen. Denn solche Regime funktionieren nicht nach „westlichen" Wirtschaftsgesetzen. Da wird dann einfach gehungert und gefroren und weiter so getan, als ob der Sozialismus noch nie so wertvoll war wie heute (in Kuba und Nordkorea).

Wie ist es Ihnen ergangen in den letzten zwanzig Jahren? Mit welchen Augen und welchen Gefühlen schauen Sie darauf? Und haben Sie Gottes Gegenwart gespürt? Wann?

Ich wünsche es Ihnen

(03.11.2009)