Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheWirklich?
DeutschEnglishFrancais

Lesen wir den Text noch einmal im Zusammenhang und auch einmal wieder in zwei Übersetzungen. In der Einheitsübersetzung und in der von Martin Luther, dessen Leben durch das Lesen des Briefes an die Römer von Grund auf verändert wurde.

(c) Alessio Masini - Fotolia.com

1 Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.

2 Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.

3 Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld,

4 Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung.

5 Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

6 Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben.

7 Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen.

8 Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

9 Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Gericht Gottes gerettet werden.

10 Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes) Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.

11 Mehr noch, wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.

Übersetzung nach Luther von 1912:

Röm 5,1Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus,

2durch welchen wir auch den Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darin wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll.

3Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt;

4Geduld aber bringt Erfahrung; Erfahrung aber bringt Hoffnung;

5Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.

6Denn auch Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben.
7Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen dürfte vielleicht jemand sterben.

8Darum preiset Gott seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.

9So werden wir ja viel mehr durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.

10Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren, viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind.

11Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern HERRN Jesus Christus, durch welchen wir nun die Versöhnung empfangen haben.

Seitwert


Wirklich? 

- Das sind keine Orchideen!

- Wieso? Jeder sieht, dass es Orchideen sind.

- Ja, ich muss zugeben, dass ich sie selbst fotografiert habe. Aber ein bisschen unecht sehen sie schon aus. Wie Porzellan, oder? Aber das sind wirklich keine Orchideen, die Sie da sehen.

- Na, was denn?

- Ziemlich banal und selbstverständlich: es sind keine Orchideen, sondern was Sie das sehen, ist ein Bild von Orchideen. 

Was ich hier aufgeschrieben habe, lehnt sich an ein berühmtes Bild von René Magritte an. Darauf ist eine Pfeife zu sehen. Und unter dem Bild der Pfeife steht: Ceci n’est pas une pipe. Das ist keine Pfeife. Magritte hat viele philosophische Bilder gemalt. Das ist eines davon. Es will uns zum Denken bringen. Dieses macht klar, dass Bild und Abgebildetes nicht identisch sind. Das Bild von einer Pfeife ist keine Pfeife. Fotografierte Orchideen sind keine Orchideen.

Wir aber denken zuerst immer anders. Wir leben so sehr in einer Welt der Bilder, dass wir die Bilder für die Wirklichkeit halten. Und die Bildermacher bemühen sich, den Unterschied immer mehr verwischen zu lassen. Die Bilder werden immer schärfer. Sie werden immer plastischer. Filme in drei Dimensionen. Fernsehen in 3D und jetzt sogar die Bildzeitung in 3D. Das Künstliche wird immer wirklicher. Was ist Wirklichkeit? Was ist wirklich?  

Ich habe neulich begonnen, den Römerbrief des heiligen Paulus zu lesen und zu durchbeten. Da ich schon auf der Schule Griechisch gelernt habe und es später beim Theologiestudium noch vertiefen konnte, lese ich ihn nicht nur auf Deutsch, sondern auch in der Sprache, in der Paulus diesen Brief so um das Jahr 56-58 nach Christus geschrieben hat, also in Griechisch.  

Und während ich ihn las und meditierte, wurde mir plötzlich klar: He, Thomas, das ist wirklich der Brief, tatsächlich der Text, wie ihn Paulus damals geschrieben hat. Das hat mich richtig erschüttert. Hier kann ich einen der bedeutendsten ersten Christen tatsächlich, wirklich berühren, erfahren, hören, lesen. Unglaublich! Ihn selbst. Das also ist es, was Paulus geglaubt und gepredigt hat und was er so den Römern sagen und schreiben wollte! Ich halte es heute in meiner Hand. 

Wie oft lese ich die Bibel so, wie ich ein solches Bild von Orchideen anschaue – eigentlich nicht sehr gläubig, aber selbstverständlich. Ja, das sind Orchideen, na und. Über die Wirklichkeit mache ich mir dabei keine großen Gedanken. Es ist eben da. Wie geht es Ihnen damit? Haben Sie schon einmal über diesen alten Text gestaunt? Dass er wirklich so alt ist. Dass er echt ist. Wirklich der Text von damals. Nicht künstlich, sondern echt. Oder denken Sie wie sehr viele Amerikaner damals bei der ersten Mondlandung: das ist in Wirklichkeit im Studio aufgenommen? Das ist ein Fake

Ich habe hier den griechischen Text in der Hand, wie ihn die berühmten Gelehrten Eberhard Nestle, sein Sohn Erwin und Kurt Aland aufgrund der ältesten Textüberlieferungen zusammengestellt haben und wie ihn dann andere Gelehrte immer noch verbessert haben. Man kann sagen, es gibt auf der ganzen Welt keinen Text, der so genau erforscht und uns heute überliefert ist wie der des Neuen Testamentes. Und der Römerbrief gehört zu den unumstrittenen Briefen des Paulus, wie zum Beispiel auch der Brief an die Galater oder der erste Brief an die Thessalonicher. Alles wortwörtlich Paulus, die alte Saatkrähe. (So nannten ihn die Athener, vgl. Apg 17,18, bei uns meist als „Schwätzer“ übersetzt, wörtlich steht da allerdings Körnersammler bzw. Saatkrähe). 

Ja, was ist Wirklichkeit und was ist wirklich? Wenn ich so weiter meditiere und bete, werde ich mir bewusst: und Gott ist wirklich hier, jetzt während ich hier sitze, vor mir die Kerze brennt und von der Wand her mich das Bild Christi mit großen Augen anblickt. Jetzt, während Sie diesen Text lesen, ist Gott wirklich da. Wirklich? Ja, wirklich! Ohne jede Einschränkung! Aber was ist wirklich? Diese Kerze vor mir ist wirklich mit ihrer Flamme. Dieser Computerbildschirm vor mir ist wirklich. Wie wirklich ist aber die Schrift darauf, die Sie jetzt lesen? Und wie wirklich sind die Gedanken, die diese Buchstaben in Ihr Hirn transportieren. Sind Gedanken wirklich? Meistens halten wir Gedanken nicht wirklich für wirklich. Sie sind ist ja im Kopf und nicht in der Wirklichkeit. Wirklich ist nur das, was außer uns ist. Wirklich? Was ist wirklich?  

Wörtlich ist „wirklich“ das, was wirkt. Aber auch Einbildung wirkt ja. Und ist das nicht gerade auch bei Gott und beim Glauben so? Denn das denken ja sehr viele, dass Gott nur eingebildet ist. Wirklich? Oder ist Gott die wirklichste Wirklichkeit? Gott existiert ja nur im Glauben – also nicht wirklich. Stimmt das? Oder öffnet der Glaube erst für die Wirklichkeit, auf die es ankommt. Zum Beispiel existiert die Liebe nur für den, der glaubt, dass es sie gibt. Genauso die Wahrheit. Genauso die Freiheit. Genauso die Hoffnung. Die gibt es alle nur, wenn ich an sie glaube. Also wenn ich ihnen Wirksamkeit, Wirklichkeit lasse. Wenn ich sie wirken lasse. Sind sie darum nicht wirklich? 

Aber lassen wir das Philosophieren. Bleiben wir bei der Erfahrung. Vor mir liegt der Text von Paulus. Wörtlich Paulus. Der Paulus, der sich für Jesus den Kopf abschlagen ließ. Was schreibt er damals den alten Römern und uns heute?

Röm5,5 Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. 

6 Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. 

7 Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. 

8 Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 

In dieser Hoffnung und im Glauben an die zuvorkommende und wirksame Liebe Gottes, die mich heute tröstet und freut, grüßt Sie herzlich 

Thomas Gertler SJ

28. Sept. 2010

Werden Sie Fan von update-seele bei facebook - Diskutieren Sie und tauschen Sie sich aus!