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Der folgende Text aus dem Hohenlied des Alten Testamentes besingt in poetischer und anrührender Weise die Liebe zwischen Mann und Frau. Aber er ist schon früh auf die Liebe zwischen Gott und seinem Volk, später zwischen Christus und der ihn liebenden Seele gedeutet worden. So können auch Sie diesen Text doppelt lesen: als uraltes Liebesgedicht zwischen Ihnen und Ihrem geliebten Menschen und zwischen Ihnen und Gott.

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Aus dem Hohenlied

Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Ja, draußen steht er an der Wand unsres Hauses; er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter.

Der Geliebte spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte; die blühenden Reben duften.

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!Meine Taube im Felsennest, versteckt an der Steilwand, dein Gesicht laß mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht! 

Der Geliebte ist mein, und ich bin sein; er weidet in den Lilien. Wenn der Tag verweht und die Schatten wachsen, komm du, mein Geliebter, der Gazelle gleich, dem jungen Hirsch auf den Balsambergen. 

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? 

Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte, in die Kammer derer, die mich geboren hat. 

Bei den Gazellen und Hirschen der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt.

Seitwert
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Wer bist du? 

Welche Frage ist wichtiger? Wer ich denn wohl bin? Oder wer denn Du bist, mein geliebter Mensch? Wer bist Du, mein Freund? Wer bist Du, meine Freundin? Wer bist Du, meine Frau? Wer bist Du, mein Mann? Dem Liebenden ist diese Frage die wichtigste und entscheidende. Er möchte den geliebten Menschen erkennen. Er möchte ihn verstehen. Alles über ihn wissen. Wann haben Sie sich und einem anderen Menschen zuletzt diese Fragen gestellt? Wann hatten Sie ein solch tiefes Interesse an einem anderen Menschen? 

Wenn die Liebenden einander zu verstehen suchen, wenn sie sich öffnen und einander erzählen und sich zu erkennen geben, dann zeigt es sich, dass sie an kein Ende kommen. Dass immer mehr zu entdecken möglich ist. Dass sie in immer größere Tiefen dringen können. Bis dahin, dass der andere irgendwann gar nicht mehr sagen und erklären kann, wer er/sie ist. Es fehlen die Worte. 

Und wenn ich jemandem anderen erklären wollte, warum liebst Du gerade diesen Menschen, dann kann ich vieles aufzählen und nennen. Dann singe ich lange das Lob der/s Geliebten. Aber ich bin selbst nie ganz zufrieden, weil ich es nicht wirklich ganz aussprechen kann. Es bleibt mir oberflächlich und nicht das Entscheidende. Das Letzte bleibt ungesagt und unaussprechlich. Das ist einerseits eine schmerzliche Vergeblichkeit. Und wir merken, wie sehr Worte eben immer nur das Allgemeine sagen, aber nicht das ganz Persönliche, das ganz Einmalige treffen können. 

Andererseits ist es aber auch gut so und ein Glück, dass ich den geliebten Menschen nicht auf eine Formel, nicht auf den Begriff bringen kann. Denn dann wäre ich mit ihm zu Ende. Dann hätten wir uns nichts mehr zu sagen. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Rätsel und einem Geheimnis. Ein Rätsel ist lösbar. Und wenn es gelöst ist, dann ist es keines mehr. „Es hängt an der Wand und gibt jedem die Hand? Was ist das?“ - Das Handtuch. Das Geheimnis oder das Mysterium ist tiefer. Das geht in diese Richtung der Person, die im letzten unsagbar bleibt. Das ist nicht auf den Begriff zu bringen. Und das ist zugleich beglückend, weil ich die ganze Einmaligkeit, das Wunder der anderen Person spüre. Und die Einmaligkeit unserer Beziehung. Gerade Du, Du einmaliger und unverwechselbarer, wunderbarer Mensch liebst mich! Und wir lieben uns. Welch ein Geschenk! Welch ein Jubel! Welch ein Wunder! 

So entdecke ich durch den anderen sogar meine eigene Einmaligkeit, obwohl ich mich selbst oft gar nicht interessant finde. Und dann merke ich auch bei mir: Im Letzten kann ich nicht sagen, wer ich selber bin. Auch wenn ich vieles kenne, verstehe, sagen kann, bleibt etwas auch bei mir selbst, das ich nicht ins Wort bringe.  Das entdecke ich dann auch bei mir selbst – ja, auch ich kann im Letzten gar nicht sagen, wer ich bin. Ich bin mir selbst entzogen. 

Was wir nicht auf den Begriff bringen können, dem geben wir einen Namen. Einen Eigennamen. Der Name will so etwas Einmaliges, so etwas ganz Individuelles ausdrücken. Er will die Person benennen können, die in ihrem Letzten und Einzigartigen nur so zu fassen ist. Der Name und das Geheimnis einer Person hängen darum zusammen. Der Name macht ein Stück das Geheimnis erkennbar. Wenn ich den Namen kenne, ist der andere nicht mehr anonym. Darum gibt sich preis, wer seinen Namen sagt. 

Liebende geben sich oft Namen, die nur die beiden kennen. Das ist dann nicht nur der Versuch, den anderen zu benennen, sondern zugleich die einmalige Beziehung auszudrücken. Das kann auch schon die einmalige Weise sein, in der vom geliebten Menschen der eigene Name ausgesprochen wird. 

Was für Namen haben Sie für den einmalig geliebten Menschen? 

Ich breche hier ab. Nur will ich darauf hinweisen, dass all das in noch viel tieferer Weise für unser Verhältnis zu Gott gilt. Gott ist so ein Geheimnis, so ein Mysterium, das immer tiefer unauslotbarer, aber auch immer schöner, immer beglückender wird, je mehr wir von ihm wissen oder besser, je näher wir ihm kommen. Je näher Er uns kommt. Gott ist jemand, der Interesse an uns hat. Der uns kennt und von uns wissen will, der uns erkennt, aber nicht im bedrohlichen Sinne der Verachtung, der Manipulation, der Unterdrückung. Sondern der uns kennt und darum barmherzig, liebevoll, gnädig, zugewandt ist. Gott ist jemand, der uns nahe sein will. Der uns seinen Namen sagt und dieser Name, dieses Wesen Gottes ist: „Ich bin der, der für euch da ist.“ 

Als Übung gebe ich Ihnen zum Schluss auf, das schönste Liebesgedicht, das Sie kennen, einmal darauf hin zu lesen, ob es auch auf die Liebe Gottes zu uns und unsere Sehnsucht nach Gott hin verstanden und gedeutet werden könnte. 

13. Juli 2010

Mit herzlichen Grüßen 

Thomas Gertler SJ 

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